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Beeindruckendes Jahr des Rekordmeisters

Viel Dominanz und viel Theater beim FC Bayern

01.01.2021 15:30
Daumen hoch! Kann man mal machen, nach diesem Jahr
© Frank Hoermann/ SVEN SIMON
Daumen hoch! Kann man mal machen, nach diesem Jahr

Die Dominanz des FC Bayern im Kalenderjahr 2020 drückt sich nicht in der Zahl der Titel aus. Mit fünf Pokalen ist die Sammlung indes sehr erstaunlich. Wie gut die Münchner waren, offenbart diese Statistik: In 49 Pflichtspielen gab es nur eine (!) Niederlage.

Sollte Hansi Flick einen Account bei Instagram haben, dann hat er ihn gut versteckt. Es gibt zwar jemanden, der sich "hansiflick.official" nennt, aber bei näherem Hinsehen ist dann doch schnell klar: "hansiflick.official" ist ein eher mäßig spannend gestalteter Fan-Account. Ein eher mäßig gut besuchter obendrein.

Aber tatsächlich würde man sich doch wundern, würde man den Flickhansi grüßend und postend durch die sozialen Netzwerke huschen sehen. Diese skurrile Welt der scheinbaren Perfektion und Selbstinszenierung würde irgendwie gar nicht so diesem Typen passen, dessen Erfolgsgeschichte beim FC Bayern doch die spektakulären Rahmendaten Mini-Midi-Maxi-Interim, Kugelschreiber und dann eben Quintuple-Sieger umfasst.

Hansi Flick und der FC Bayern, das ist wohl die erstaunlichste Erfolgsgeschichte dieses Jahres. Zumindest sportlich betrachtet. Sonst würde (müsste) man vermutlich Biontech nennen, eines dieser Unternehmen, dass den Menschen endlich die dringend benötigte Hoffnung im Kampf gegen die Pandemie gegeben hat. In einem Jahr, das fast komplett von externer Emotionalität auf den Rängen befreit war, haben die Münchner die Welt (des Fußballs) in Grund und Boden verzaubert. In einem Jahr, in dem sich sportliche Klasse gegen das Leidenschaftsgetriebene noch stärker durchgesetzt als zuvor, war die Mannschaft des FC Bayern die Beste. Die Allerbeste.

Ein Spiel, für das es keine Worte gibt

Mit einer 90-minütigen (in Wahrheit waren es wohl nur 80 Minuten) Zauber-Dominanz-Show am 14. August in Lissabon, als der FC Barcelona die härteste Demütigung seiner ruhmreichen Geschichte kassierte. Mit 2:8 wurden Lionel Messi und seine Teamkollegen vermöbelt. Und Demütigung ist eigentlich nur die niedliche Version für ein Spiel, für das es keine Worte gibt. Und allzu viel brutale bis hin zum Mord in den spanischen Medien.

Am Ende dieses Jahres ist der FC Bayern Tabellenführer der Bundesliga, er ist als Erstes seiner Gruppe ins Achtelfinale der Champions League eingezogen. Und wäre das Pokal-Duell mit Holstein Kiel (Tabellenführer in Liga zwei) nicht verlegt worden, wären sie sehr wahrscheinlich auch in diesem Wettbewerb weiter dabei. Aber all das, und auch nicht die fünf Titel, drücken aus, wie stark diese Mannschaft in diesem Jahr war.

Den Beleg dafür findet man in einer anderen Statistik: In 49 Pflichtspielen gab's lediglich eine (!) Niederlage. Und die hatte natürlich auch noch eine spektakuläre Pointe parat. Die sportliche Perfektion wurde von Hoeneß zertrümmert. Von Sebastian Hoeneß, der nach der Drittliga-Meisterschaft mit dem FC Bayern zur TSG Hoffenheim wechselte. Und dann war es auch nicht irgendeine Niederlage. Es war gar eine mächtige Klatsche. Die vom europäischen Supercup ermatteten Münchner verloren mit 1:4. Absurd irgendwie.

Überraschend viel Theater nebenher

Nicht die einzige Absurdität in diesem Jahr beim Rekordmeister. So stark dieses Team aufspielte, so robust es sich wehrte, wenn es mit Pressing und Dynamik mal nicht lief, wenn das Glamour-Jersey mal gegen den fußballerischen Blaumann getauscht werden musste - was gerade im Endspurt voller Erschöpfungen, Verletzungen und wehrhafter gegen wie Borussia Dortmund, Union Berlin und Bayer Leverkusen häufiger vorkam, so boulevardfreundlich rauschte der Klub durch 2020.

Erst der öffentliche Kader-Dissens zwischen Flick und dem mittlerweile zum Sportvorstand aufgestiegenen Hasan Salihamidzic, dann das schmierige Gezanke um den neuen Vertrag von Kapitän Manuel Neuer (inklusive des Theaters um die Verpflichtung von Torwart Alexander Nübel) und schließlich die noch immer nicht beendete Posse um David Alaba mit der Frage: Neuer Vertrag oder neuer Verein. Zwischendrin aufgemischt von einem sommerliche Mini-Deja-vu in der Kadergestaltungsfrage. Mit dem Sieger Hansi Flick. Auch, wenn die vier späten Neuzugänge bislang eher nur relevante Rollen im Training einnehmen.

Flick, der Besser-Macher

In überraschender Wucht wurden in diesem Eklat-Mehrteiler zahlreiche Berichte über Unzufriedenheiten, Indiskretionen und Vorwürfe veröffentlicht. So etwas kannte man beim FC Bayern nicht mehr, nicht mehr seit den 90er-Jahren, als sich Skandale und eben Eklats in allerfeinster Regelmäßigkeit eine miasanmia-höfliches "Grüß Gott" entgegen raunten. So bösartig nun wieder gestritten und sich gegenseitig attackiert wurde, so eng beieinander versammelte Flick seine Fußballer um sich herum, verteidigte sie (Neuer, Alaba) wenn nötig, griff aber gleichermaßen hart durch, wenn ihm Form oder Einstellung mal nicht passten (Niklas Süle, Leroy Sané).

Flick defibrillierte nicht nur die länger darbenden Karrieren von Thomas Müller sowie Jérôme Boateng und ordnete beiden wieder tragenden Rollen in Macht-System des FC Bayern zu. Er vollendete auch den spanischen Feingeist Thiago (mittlerweile beim FC Liverpool), der mit dem Champions-League-Triumph über Paris St. Germain (1:0) endlich den Makel des Topspiel-Gespenstes tilgen konnte.

Flick machte Alaba zu einem der besten Innenverteidiger (zuvor erfolgreich außen verortet) und Abwehrchefs in Europa. Er machte Alphonso Davies zu einem überraschend bestaunten Linksverteidiger-Spektakel. Joshua Kimmich wuchs in diesem Jahr noch rasanter als zuvor in die Rolle des absolut unverzichtbaren Leaders. Und der sensationelle Robert Lewandowski spielte unter Flick noch ein wenig sensationeller als sonst und wurde endlich Weltfußballer des Jahres. Das sind tatsächlich nur die mächtigsten Auswüchse.

Welttrainer-Wahl wird zur Farce

Auch über Serge Gnabry gäbe es genug zu erzählen, über Power-Tower Leon Goretzka und über Kingsley Coman, der nicht nur wegen seines Finaltreffers in Lissabon endlich den erwarteten Sprung in die Weltklasse geschafft hat. Klingt nach einem Welttrainer? Ist ein Welttrainer. Nur nicht offiziell. Das ist Jürgen Klopp. Der wurde zwar mit dem FC Liverpool englischer Meister, auch eine Wahnsinnsleistung, war aber dennoch ebenfalls überrascht. Flick, so fand Klopp auch, hätte der Mann der Wahl sein müssen.

Die Mannschaft des FC Bayern, sie war robust gegen alle Attacken. Wehrhaft gegen alle Angriffe, sie löste Probleme mal mit Glanz, mal mit Geschick. Oft mit Dynamik, selten mit Dusel. Immer mit Gier und Galligkeit. Flicks Werk. Nur der Hoeneß, der stresste halt mal ohne erfolgreiche Antwort. Aber gut, das kennen sie im Verein ja allerbestens.

Tobias Nordmann

© n-tv
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