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Frage- statt Ausrufezeichen an Fury

Sechs Lehren aus dem Joshua-Sieg gegen Pulev

14.12.2020 20:19
Anthony Joshua (l.) gewann den Kampf gegen Kubrat Pulev
© Liubomir ASENOV via www.imago-images.de
Anthony Joshua (l.) gewann den Kampf gegen Kubrat Pulev

Anthony Joshua bleibt nach dem K.o.-Sieg gegen den Bulgaren Kubrat Pulev weiter WM-Champion der Verbände WBA, WBO und IBF. Über allem schwebt aber die millionenschwere Frage nach dem Kampf gegen den Mann, der den vierten Titel der relevanten Box-Verbände (WBC) hält: Tyson Fury. Was sind die Lehren aus dem Kampf von "AJ" gegen Pulev in der Londoner Nacht zu Wembley? RTL.de gibt einen Überblick.

  • Joshua verpasst das dicke Ausrufezeichen

Ja, es war ein K.o.-Sieg, aber die gewünschte Härte der Aussagekraft fehlte. Weltmeister Joshua knockte Herausforderer Kubrat Pulev in der 9. Runde mit einer strammen Rechten aus, zuvor hatte er ihn mit heftigen Aufwärtshaken bearbeitet.

Auch in Runde 3 hatte er den Bulgaren schon am Rande des K.o. Doch dazwischen gab es viel Leerlauf und Abtasten. Pulev kam zurück und holte sich sogar die 6. Runde. Ein dickes Joshua-Ausrufezeichen an Fury war das nicht, eher ein Fragezeichen.

  • Es gibt nur einen Tyson Fury

Der 32-Jährige firmiert auch nach dem Joshua-Auftritt als die Nummer 1 im Schwergewicht. Sein knallharter K.o-Sieg gegen Deontay Wilder im Februar war deutlich aussagekräftiger als der "AJ"-Auftritt in London.

Fury ließ es sich nicht nehmen, den Weltmeister wieder mal aufzuziehen – so richtig ernst nimmt er "AJ" offenbar weiterhin nicht. Eine Einladung nach Wembley schlug er aus. Stattdessen machte sich Fury nach dem Kampf in den Sozialen Netzwerken über Joshua lustig. Dieser habe sich "in die Hosen gemacht". Gegen ihn, den "Gypsy King" sei nach drei Runden spätestens Schluss.

  • AJ schwächer als Klitschko anno 2014

Klitschko-Bezwinger Joshua begann zögerlich, Wasser auf die Mühlen seiner Kritiker, die ihn als "Langweiler" beschreien. Wie es gegen die "Kobra" auch laufen kann, machte Waldimir Klitschko 2014 vor. Joshua brauchte fast doppelt so lange gegen den fast 40-jährigen Pulev wie Klitschko vor sechs Jahren gegen den damals 34 Jahre alten Gegner. Nach der Klitschko-Abreibung und dem K.o. in der fünften Runde stand Pulev damals nicht so schnell wieder auf.

  • Pulev ist eine zähe "Sau"

Der Schützling des deutschen Trainers Uli Wegner verkaufte sich deutlich teurer als gedacht. Sein Comeback nach dem Joshua-Schlaghagel in Runde 3 war durchaus beachtlich. Überhaupt war es erst die zweite Niederlage für Pulev. Mit seinen 39 Lenzen ist er kein Kandidat mehr für den WM-Titel. Respekt aber hat er sich wahrlich erarbeitet.

"An und für sich ist Pulev gut in den Kampf gekommen. Er hätte ein besseres Ende verdient gehabt", sagte Wegner nach dem Kampf.

  • Alle wollen den Vereinigungskampf

Die Boxwelt fiebert dem Duell der britischen Landsmänner Joshua vs. Fury entgegen. Es ist DER Kampf der aktuellen Generation. Die Nummer 1 gegen die Nummer 2.

Die Stimmung ist auch in beiden Lagern einhellig: Wir wollen den Fight. "AJ" betonte es nach dem Kampf ("Wer auch immer den Gürtel hat, ich würde gerne gegen ihn kämpfen. Wenn das Tyson Fury ist, dann lass es Tyson Fury sein."), Fury wiederholt es sowieso andauernd wie eine gesprungene Platte. Es besteht wohl schon eine grundsätzliche Einigung zwischen den beiden Lagern (Zwei Kämpfe: 1. Kampf 50:50 Aufteilung, 2. Kampf 60 Prozent für den Sieger 40 Prozent für den Verlierer).

  • Was spricht noch gegen den Kampf? 

Kurz gesagt: Deontay Wilder, TV-Verträge, Corona und die Verbände. Ex-Champ Wilder pocht weiter auf einen dritten Kampf gegen Fury, während das Fury-Lager verlauten lässt, dass dieses Recht schon im Oktober ausgelaufen sei. Sportlich ist nach dem Fury-Hammer im Frühjahr eigentlich wenig offen.

Während Joshua bei Sky (Großbritannien) und DAZN (USA) unter Vertrag ist, hat Fury Papiere bei BT Sports (Großbritannien) und ESPN (USA) unterschrieben. Kein Grund zum Scheitern, aber zähe Verhandlungen sind die Folge. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die TV-Sender bei großen Duellen durchaus zu einer Einigung bereit sind.

Natürlich ist auch die Corona-Pandemie noch ein Problem, denn das Mega-Duell wollen die Macher am liebsten in einem vollen Stadion oder einem finanzkräftigen Schauplatz wie dem MGM Grand in Las Vegas austragen.

Und dann gibt es eben die Box-Verbände, die Ärger machen. Die WBO will, dass "AJ" als nächstes gegen Pflicht-Herausforderer Oleksandr Usyk kämpft. Joshua-Promoter Eddie Hearn hofft auf eine Ausnahmeregelung, damit es gegen Fury auch tatsächlich um alle relevanten WM-Gürtel gehen kann.

Sicher ist der Kampf also nicht, auch wenn es für alle Probleme Lösungen geben sollte. Ein realistisches Datum für den ersehnten Clash der Giganten ist der Sommer 2021.

Martin Armbruster und Emmanuel Schneider

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