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Bundesliga

"Collinas Erben" diskutieren

Hätte Uths Kopfverletzung zum Abbruch führen müssen?

14.12.2020 15:37

In Augsburg bleibt der Schalker Mark Uth mit einer Gehirnerschütterung bewusstlos liegen, und der Schiedsrichter reagiert so besonnen wie empathisch. Aller Voraussicht nach gibt es bald eine sinnvolle Regeländerung bei Kopfverletzungen, die noch immer zu oft bagatellisiert werden.

Die Nachricht ließ nicht nur den FC Schalke 04 aufatmen: Mark Uth, Stürmer in Diensten des sorgengeplagten Klubs aus Gelsenkirchen, ist ansprechbar, und sein Zustand ist stabil. Die Ärzte haben eine Gehirnerschütterung festgestellt, der 29-Jährige musste zur Beobachtung über Nacht im Krankenhaus bleiben. Bei einem Luftzweikampf um den Ball in der zehnten Minute des Spiels beim FC Augsburg (2:2) waren Uth und sein Gegenspieler Felix Uduokhai unglücklich mit den Köpfen zusammengeprallt, der Schalker hatte dadurch das Bewusstsein verloren, war mit dem Gesicht auf dem Rasen aufgeschlagen und schließlich noch auf Rani Khediras Fuß gelandet. Regungslos blieb er liegen.

Der Ernst der Situation war sofort allen bewusst, das medizinische Personal lief eilends herbei und kümmerte sich um Uth. Unterstützt wurde es vom Vierten Offiziellen Matthias Jöllenbeck, der als angehender Facharzt im Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie tätig ist. Im Fernsehen war zu erkennen, dass der Spieler noch auf dem Feld eine Infusion bekam. "Das waren dramatische Momente", sagte der Schalker Teammanager Sascha Riether dem Sender "Sky", "wir wussten erst mal nicht, was mit Mark ist." Man sei froh, "dass er wieder ansprechbar ist". Die Gedanken seien in dieser Situation "nicht beim Fußball" gewesen.

Viele Spieler auf beiden Seiten waren sichtlich erschrocken, manche beteten, Felix Uduokhai kämpfte mit den Tränen, obwohl ihm wirklich nichts vorzuwerfen war. Nach zehn Minuten wurde Uth vom Feld getragen, und nicht wenige dürften sich angesichts dieser beklemmenden Bilder gefragt haben: Ist es wirklich sinnvoll, dieses Spiel fortzusetzen? Sollte es nicht besser abgebrochen werden? Müsste nicht der Schiedsrichter ein Zeichen setzen und die Partie vorzeitig beenden? Oder würde er damit seine Kompetenzen überschreiten?

Gräfes Empathie und was die Regeln sagen

Tatsächlich führt der DFB die besonders schwere Verletzung eines Spielers als möglichen Grund für einen Spielabbruch auf. Präzisiert wird das in einem Lehrbrief des Verbandes für die Schiedsrichter-Fortbildung aus dem Jahr 2015, der sich wiederum auf eine Ausgabe der offiziellen Schiedsrichter-Zeitung aus dem Jahr 2002 stützt. Dort heißt es: "Kommt es während eines Spiels zu einem Todesfall unter den Spielern oder Zuschauern oder einer gravierenden Verletzung eines Spielers, sollte der Schiedsrichter das Spiel abbrechen, wenn ihn die Spielführer beider Mannschaften darum bitten." Mit den "Spielführern" sind die Kapitäne gemeint.

Manuel Gräfe, der erfahrene und empathische Unparteiische der Begegnung in Augsburg, ging während der Unterbrechung von sich aus auf die Teams zu, wie beide Klubs hervorhoben. Die Schalker mochten dabei nicht um einen Abbruch bitten, wie Teammanager Riether sagte: "Die Mannschaft wollte weiterspielen und dies für Mark tun. Er hätte das so gewollt." Auf Augsburger Seite bestätigte Trainer Heiko Herrlich, dass der Referee auch ihn gefragt habe, ob seine Elf das Spiel fortsetzen wolle. Man habe geantwortet, sich an der Schalker Entscheidung zu orientieren. So wurde die Partie einvernehmlich fortgeführt.

Was aber wäre geschehen, wenn die Schalker einen Abbruch vorgezogen hätten, die Augsburger jedoch unbedingt hätten weiterspielen wollen? Schiedsrichter Gräfe hätte dann gewiss zu vermitteln versucht, bei ausbleibendem Erfolg mit Blick auf die Anweisungen aber wohl die Fortsetzung angeordnet. Wenn Schalke daraufhin das Feld verlassen und damit einen Abbruch herbeigeführt hätte, dann wäre es die Aufgabe der Sportgerichtsbarkeit gewesen zu entscheiden, ob das Spiel für Augsburg gewertet oder wiederholt wird.

Boujellab spielt trotz Kopfverletzung weiter

Zehn Minuten nach der Wiederaufnahme der Begegnung stieß erneut ein Schalker mit Uduokhais Kopf zusammen. Diesmal blieb Nassim Boujellab liegen, und auch in diesem Fall war dem Augsburger nicht der leiseste Vorwurf zu machen. Nach mehrminütiger Behandlung spielte Boujellab mit einem Kopfverband weiter. In der jüngeren Vergangenheit ist die Kritik am oftmals risikoreichen Umgang der Klubs mit Kopfverletzungen im Fußball lauter geworden. Ärzte warnen vor den potenziell tödlichen Spätfolgen, wenn ein Spieler trotz einer Gehirnerschütterung auf dem Feld bleibt und einen weiteren Schlag an den Kopf bekommt.

Die Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) diskutieren deshalb schon seit einer Weile darüber, wie der geringen Bereitschaft, Spieler mit möglicher Gehirnerschütterung auszuwechseln, regeltechnisch beizukommen ist. Wie die Sportschau berichtet, wird das Ifab auf seiner Vorstandssitzung am kommenden Mittwoch voraussichtlich eine Testphase beschließen, die im Januar des nächsten Jahres beginnen soll. Bei Verdacht auf eine Kopfverletzung könnte das betreffende Team dann die Möglichkeit einer zusätzlichen Auswechslung bekommen, die das reguläre Wechselkontingent nicht tangiert. Die Idee eines temporären Wechsels wurde verworfen, weil die Symptome einer Gehirnerschütterung oft erst viele Stunden später zutage treten.

Kommt der zusätzliche Wechsel bei Gehirnerschütterungen?

Denkbar ist, dass für jede potenzielle Kopfverletzung auf Wunsch des Trainers jeweils ein zusätzlicher Wechsel vom Schiedsrichter genehmigt wird, unabhängig davon, ob das Auswechselkontingent bereits erschöpft ist oder nicht. In Betracht kommt darüber hinaus, dass das gegnerische Team als Ausgleich automatisch ebenfalls entsprechend häufiger wechseln darf. So könnte einem möglichen Schinden von Auswechslungen entgegengewirkt werden. Durch die Option zusätzlicher Auswechslungen müsse ein Spieler "nicht mehr ‚auf die Zähne beißen, um einen Wechsel zu verhindern", wie Lukas Brud, der Geschäftsführer des Ifab, der "Sportschau" erklärte.

Sollte die Testphase beschlossen werden, könnte auch die Bundesliga an ihr teilnehmen, wenn die Vereine sich dafür aussprechen. Der englische Fußballverband, die FA, hat bereits erklärt, die betreffenden Regularien ab der dritten Runde im FA-Cup zu implementieren, die am zweiten Januar-Wochenende ausgetragen wird. Dann sind traditionell auch die großen Klubs dabei. Eine feste Verankerung der Änderung im Regelwerk könnte das Ifab allerdings erst auf der Generalversammlung im Frühjahr 2022 beschließen. Bis dahin sollen Erfahrungen und Informationen gesammelt werden. Das Problem des oft zu nachlässigen und verharmlosenden Umgangs mit Kopfverletzungen ist jedenfalls angegangen worden.

Was sonst noch wichtig war:

  • In beiden Sonntagsspielen musste jeweils ein Spieler mit Gelb-Rot verlassen: Bei der Partie zwischen Augsburg und Schalke traf es den Augsburger Florian Niederlechner, in der Begegnung von Bayer 04 Leverkusen gegen die TSG 1899 Hoffenheim (4:1) den Hoffenheimer Florian Grillitsch. Beide Feldverweise ließen sich nach Ansicht der Fernsehbilder nicht halten, doch bei Gelb-Rot darf der Video-Assistent nicht eingreifen. Denn regeltechnisch handelt es sich lediglich um eine – zweite – Verwarnung, und Gelbe Karten werden nur überprüft, wenn eine glatt Rote Karte in Betracht kommt. Die Forderung, Gelb-Rot genauso einem automatischen Check zu entziehen, scheint vordergründig nachvollziehbar, allerdings wirft sie auch Fragen auf: Was ist, wenn die zweite Gelbe Karte berechtigt war, die erste aber nicht? Annulliert werden kann sie ja nicht mehr. Überprüft man umgekehrt bei verwarnten Spielern jedes weitere Vergehen auf Gelb-Rot, wenn es nicht zum Feldverweis gekommen ist? Müsste sich der VAR dann nicht doch jede Verwarnung genauer ansehen, weil sie Spätfolgen haben könnte? Das würde zu mehr Unterbrechungen führen. Vielleicht ist die jetzige Regelung ja doch gar nicht so schlecht.
  • Ist es eine Tätlichkeit, seinen Gegner am Ohr zu ziehen, wie es der Leverkusener Nadiem Amiri beim Hoffenheimer Kevin Vogt getan hat? Schiedsrichter Martin Petersen verwarnte beide Spieler nach ihrer Auseinandersetzung in der 74. Minute, und der Video-Assistent hatte keine Einwände. Tätlichkeiten sind im Regelwerk als übermäßig harte oder brutale Aktionen ohne Kampf um den Ball definiert. Das trifft auf Amiris Handeln einerseits eher nicht zu, andererseits muss man fragen, ob es nicht einen demütigenden und damit grob unsportlichen Charakter hatte. Das Gefummel und Gefingere in des Gegners Gesicht, ohne dass der Ball in der Nähe ist, bleibt jedenfalls eine Unsitte, der das Regelwerk mit zu viel Nachsicht begegnet.

Alex Feuerherdt

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