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Büchsenwurf-Opfer beteuert: "Habe nicht geschauspielert"

30.11.2020 11:16
© imago sportfotodienst via www.imago-images.de

Roberto Boninsegna liegt regungslos am Boden. Getroffen von einer leeren Cola-Dose. "Bewusstlos" sei er gewesen, beteuert der Italiener noch heute, 49 Jahre nach dem wohl berühmtesten Büchsenwurf der Fußball-Geschichte. In Deutschland werde ihm immer noch "unterstellt, die Verletzung nur gespielt zu haben. Das stimmt nicht, ich habe nicht geschauspielert", sagt Boninsegna, inzwischen 76 Jahre alt, mit Nachdruck im "SID"-Gespräch.

Wenn Inter Mailand am Dienstag in der Champions League bei Borussia Mönchengladbach spielt, werden Erinnerungen an jenen 20. Oktober 1971 wach, der trotz aller Tragik zum Mythos der Fohlen beigetragen hat. Mit 7:1 hatten die Borussia um Günter Netzer, Jupp Heynckes und Berti Vogts die Stars aus Mailand aus dem Stadion am Bökelberg gefegt. Doch weil Boninsegna beim Stand von 2:1 theatralisch zu Boden ging und ausgewechselt werden musste, wurde das Ergebnis später annulliert.

"Ich erinnere mich genau an diesen Moment. Ich war auf dem Weg, um einen Einwurf auszuführen, als ich einen Schlag verspürte. Ich wurde ohnmächtig, das hat auch der französische UEFA-Kommissar bestätigt, der mich in der Kabine untersucht hat", sagt Boninsegna über den Skandal bei der "Partita della lattina" - dem Büchsenspiel, wie es in Italien schlicht genannt wird.

"Dieser Sieg wurde uns gestohlen"

Am Niederrhein herrscht freilich eine ganz andere Sichtweise vor. Der damalige Manager Helmut Grashoff etwa schrieb in seinen Memoiren, Boninsegna habe sich "nach kurzer Überlegung bühnenreif auf den Rasen gelegt, wurde in die Kabine getragen und dort eingeschlossen". Vogts urteilte: "Dieser Sieg wurde uns gestohlen. Jawohl, gestohlen. Ich bin sicher, dass Boninsegna geschauspielert hat."

TV-Bilder gibt es nicht, auch weil die Übertragung an der geradezu lächerlichen Summe von 6600 D-Mark (rund 3300 Euro) scheiterte. Für Netzer wiederum war der Aufprall der (leeren) Dose, "wie wenn man ein Kind sanft zu Boden tätschelt".

Die UEFA sah das anders und ordnete ein Wiederholungsspiel auf neutralem Platz an. In Berlin kam Gladbach nur zu einem 0:0, für "Luggi" Müller wurde es nach einem schweren Foul von - natürlich - Boninsegna sein letztes Spiel für die Borussia. Nach dem 2:4 in Mailand waren die Fohlen ausgeschieden.

Dose im Vereinsmuseum

Die ominöse Dose liegt heute im Vereinsmuseum hinter dickem Plexiglas. Ein wenig Rost hat sie angesetzt, das strahlende Rot hat sie aber behalten. Boninsegna bezweifelt indes, dass es sich um die richtige Büchse handelt. Die Dose sei "nur eine der vielen", die geworfen wurden, sagt er. Auch in Borussias Vereinschronik heißt es, dem Schiedsrichter sei damals eine andere als die geworfene Dose "als Anschauungsobjekt" gereicht worden.

So oder so: Gladbachs Vize-Präsident Rainer Bonhof, damals selbst dabei, beschwichtigt inzwischen. Er habe "mit einigen alten Weggefährten von damals gesprochen", sagte er der Bild am Sonntag, "und wir sind alle der Meinung, dass es langsam genug ist mit der Debatte um schuldig oder nicht schuldig." Für Roberto Boninsegna ist die Sache sowieso klar: unschuldig!

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