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Aus als Bundestrainer noch vor Weihnachten?

Dieses Finale kann Jogi Löw nur verlieren

23.11.2020 20:26

Die Fußballer der deutschen Nationalmannschaft erholen wohl langsam sich von den Leiden der krachenden Klatsche gegen Spanien. Derweil muss Joachim Löw einen Kraftakt stemmen. Er muss dem DFB aufzeigen, warum sein Weg der richtige ist. Dafür muss sich der Bundestrainer wohl auch selbst korrigieren.

Ob es nun ein Showdown ist? Ein Endspiel für Joachim Löw? Nun, das ist eine Sache der Interpretation.

Denn in keinem Wort wird beim Deutschen Fußball-Bund erwähnt, dass es am 4. Dezember um den Job des Bundestrainers gehen könnte. Der Freitag vor dem zweiten Advent ist offiziell als Tag der Analyse gelabelt.

Es geht um Aufarbeitung, um Zustand und Zukunft der Nationalmannschaft. Als Referent ist Oliver Bierhoff geladen, er soll den Bericht laut "Bild" vortragen. Weil Bierhoff in der DFB-Hierarchie hauptverantwortlich für das Team ist. Außerdem wolle man Löw ein Tribunal ersparen, heißt es.

Das wirkt reichlich eigenartig. Klar, Bierhoff hat eine Menge von dem zu verantworten, was gerade nicht gut läuft. Zur Entfremdung des Publikums hat er mit der exzessiven Vermarktung der besten Fußballer des Landes maßgeblich beigetraten. Dass "Die Mannschaft" in den Jahren nach dem WM-Titel 2014 immer mehr von einer Mannschaft zum Produkt wurde, das ist längst als Grund für das bekannte und zunehmende Desinteresse entlarvt worden.

Aber wenn es nun darum gehen wird, wie die sportlich gedemütigte Truppe aufzurichten ist und sie auf höchstem Niveau wieder wettbewerbsfähig gemacht werden kann, dann sind natürlich Löw und seine Trainerkollegen gefragt.

Denn das Ziel für die ins kommende Jahr verschobene Europameisterschaft bleibt ja das Erreichen des Halbfinals.

Keine Hoffnung für die Nationalmannschaft?

Angesichts des dröhnenden Eindrucks der "Schmach von Sevilla" würden allerdings vermutlich selbst die schmerzfreisten Autoren eine Fantasiegeschichte vom "Sommermärchen reloaded" verweigern.

Hoffnung? Kein Wort hat sich vom Zustand des Teams mehr entfernt als dieses. Hoffnung aber, die muss der Bundestrainer nun irgendwie wecken.

Er muss in den nächsten knapp zwei Wochen einen Weg finden, der überzeugendste Joachim Löw zu werden, den es je gab. Er muss Lösungen für die unzähligen Probleme anbieten. Und dafür muss er (über seinen Referenten Bierhoff) absolut wasserdicht argumentieren, um einen Joberhalt (das ist Interpretation) nicht gegen die Aufgabe seiner Überzeugungen zu erwirken.

Lösung für das "Schweigen der Männer"?

Es wird eine Analyse sein, die an Tiefe und Schärfe das übertreffen muss, was Löw nach dem WM-Debakel in Russland im Sommer 2018 angeboten hatte. Außer der Hülse Umbruch ist davon nämlich nicht viel hängengeblieben.

Am 4. Dezember wird es mutmaßlich weniger um System- und Philosophiefragen gehen, als viel mehr ums Personal. Denn das beharrliche "Schweigen der Männer" und die Abwesenheit von Führungsstärke, mit Ausnahme des derzeit verletzten Chef-Terriers Joshua Kimmich, zwingt die Diskussion in eine Richtung, die Löw so gar nicht einschlagen mag.

Es zwingt ihn dazu, sich mit Thomas Müller, mit Mats Hummels und vielleicht sogar Jérôme Boateng zu beschäftigen. Die hält Löw für seinen Weg weiterhin für verzichtbar. Es ist eine Meinung, die sich gegen das Kollektiv stemmt.

Braucht das DFB-Team den "Radiosender" des FC Bayern?

Doch so unzerstörbar diese Mauer des Widerstands lange wirkte - auch weil Müller und Boateng beim FC Bayern bis zur Amtsübernahme von Trainer Hansi Flick sportlich einem Ende ihrer Top-Karrieren entgegen taumelten - so brüchig wird sie nun. 

Zwar gibt es immer noch Experten, wie beispielsweise Mario Basler, die eine Rückkehr der von Löw Zwangsbeurlaubten kritisch sehen (sie wurden ja schließlich nicht umsonst ausgemustert).

Das Gros der Experten sieht in den Weltmeistern die Lösung für viele Probleme. Boateng und Hummels gelten mit ihrer Formstärke, mit ihrer Heldengrätscher-Expertise und ihrer Spieleröffnung als heilendes Mittel für die schwächelnden Abwehrkräfte.

Und Müller (Hummels selbstverständlich auch), der "Radiosender" des FC Bayern, könnte die kommunikative Führung übernehmen, diese Fachstelle ist in Abwesenheit von Kimmich nämlich unbesetzt.

Und die kommunikative Führung, die muss auch Löw für sich wieder entdecken. Der lockere Plauderer der vergangenen Jahren ist zunehmend zu einem nüchternen Gesprächspartner der Presse geworden. Zwar oft immer noch ausschweifend in seinen Ausführungen, dafür aber weniger fesselnd, manchmal fahrig, resistent gegen Kritik. Und gegen Spanien zuletzt auch überraschend teilnahms- und leidenschaftslos.

Ob es nun ein Showdown ist? Ein Endspiel für Joachim Löw? Das ist eine Sache der Interpretation. Es wirkt indes wie ein Finale, in dem er eigentlich nur verlieren kann. Entweder seinen Weg. Oder seinen Job.

Tobias Nordmann

© n-tv
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