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BVB wird nicht Herr der Debatte

Das groteske Dilemma mit Lucien Favre

29.10.2020 22:04
Lucien Favre steht beim BVB immer wieder in der Kritik
© kolbert-press/Christian Kolbert via www.imago-imag
Lucien Favre steht beim BVB immer wieder in der Kritik

Eine magische Nacht ist es wahrlich nicht. Und doch wirken alle Dortmunder nach dem ersten europäischen Geisterheimspiel der BVB-Historie zufrieden. Denn der mühselige Sieg über St. Petersburg vertreibt die Sorgen vor einem frühen Aus - die Kritik an Lucien Favre aber bleibt.

Mit Interpretationen ist das ja immer so eine Sache. Sie können zutreffen, müssen aber nicht. Und jeder kann sich die Sache so drehen, wie er es für seine Sicht der Dinge braucht. Wer nun also findet, dass Trainer Lucien Favre und Borussia Dortmund nicht (mehr) zueinander passen, zumindest nicht (mehr) so, dass am Ende einer Saison auch mal ein Titel herauskommt, dass das unfassbare Potenzial des Kaders gewinnbringend gehoben wird, der erlebte am Mittwochabend in der Champions League wieder einen wahren Goldrausch der Argumente.

Abermals nicht überzeugend war die Borussia gegen Zenit St. Petersburg. Erst ein ziemlich dämliches Geschenk der Russen, ein plumpestmögliches Foul noch dazu im Strafraum, nahm reichlich Druck aus dem Dortmunder Kessel.

Mit dem 2:0-Erfolg - den Foulelfmeter verwandelte Jadon Sancho (78.), später traf noch Erling Haaland (90.) - korrigierte der BVB immerhin den erschreckend schwachen CL-Fehlstart vergangene Woche bei Lazio Rom (1:3). Für mehr reichte das Spiel aber nicht. Glanz, Rausch, gar ein wenig Magie, das war alles nicht dabei. Gut, das muss es ja auch nicht immer sein.

Selbst der FC Bayern, diese krachende Urgewalt des Weltfußballs, tat diese Woche mal etwas völlig Gewöhnliches: Die Bayern mühten sich bei Lokomotive Moskau zu einem bestenfalls schnöden Arbeitssieg. Nun gibt es zwischen dem Rekordmeister und dem gefühlten Rekord-Vizemeister aber einen ebenso feinen, wie elementaren Unterschied. Die an möglichen Titeln alles abgreifenden Münchner können sich Siege zum Vergessen leisten, ohne dafür ernsthaft und nachhaltig kritisiert zu werden. Borussia Dortmund kann das nicht.

Eines Vizemeisters nicht würdig?

Man kann das durchaus unfair finden. Denn wenn eine Mannschaft in der Bundesliga zuletzt doch dafür gesorgt hatte, dass der FC Bayern ein Fitzelchen Druck gespürt hatte, dann doch die Dortmunder (und ein bisschen weniger auch RB Leipzig). Aber hier liegt die Krux. Denn es gibt halt viele Menschen, die glauben, dass die Borussen für noch deutlich mehr Stress in München sorgen könnten, wenn ein anderer Trainer das Ensemble der Hochbegabten anleiten würde.

Einer, der das glaubt, ist Dietmar Hamann, der aktuell aufmüpfigste Kritiker im deutschen Fußball. Nachdem er zuletzt die Tauglichkeit von Marco Reus als BVB-Kapitän hinterfragt hatte, behelligte er die Schwarzgelben nun mit der Attacke, dass die Leistung gegen eine biedere Mannschaft von Zenit "eines deutschen Vizemeisters nicht würdig" war.

Nun werden die Dortmunder dem widersprechen (oder es womöglich einfach ignorieren). Sie bemühten sie gar um den Eindruck einer nachhaltigen Seelenruhe. "Wir sind zufrieden", sagte Sportdirektor Michael Zorc, "weil wir das Spiel gewonnen haben, auch mehr als verdient." Man habe aber auch gemerkt, dass "alles nicht ganz so leicht und einfach war".

Und hier liegt die nächste Krux. Denn diese Mannschaft kann doch eigentlich so wunderbar Fußballspielen, sie kann das Spiel mit ihrer Freude, mit ihrem Tempo und mit ihrer Kreativität zu einer ungehörigen Leichtigkeit machen. Selbst die büffelige Wucht von Erling Haaland sorgt beim Zuschauer bisweilen für zauberhaftes Staunen. Getoppt nur durch seine Eiskälte beim Schuss aufs Tor.

Die maximale Überzeugung fehlt

Dass eine Mannschaft, in der 17- und 20-Jährige Hauptrollen spielen, aber auch dazu neigt, nicht immer auf dem höchsten Niveau zu agieren, das liegt in der Natur dieser (sehr jungen) Sache. Dass eine solche Mannschaft nicht immer die Selbstverständlichkeit des Sieges findet, sondern manchmal verzweifelt nach Lösungen sucht, ist eine prozessuale Unumgänglichkeit.

Der junge BVB ist quasi "Progress in Progress", er macht Fortschritte beim Voranschreiten. Diese erfolgreich anzuleiten ist indes Sache des Trainers. Favre gelingt das in seiner typischen Favrigkeit oft gut, wären da nicht die sich wiederholenden Patzer gegen deutlich schwächere Gegner, oder die Blackout-Déjà-vus gegen den FC Bayern. Und dass die Mannschaft im Gegensatz zur Vergangenheit mal ohne schwerwiegenden Abgang zusammengeblieben ist, erhöht den Druck auf das gern genommene Deckmäntelchen Entwicklung.

Nun verweisen sie in Dortmund regelmäßig darauf, dass sie mit Favres Arbeit zufrieden sind. Sie verweisen in Moment der größten Kritik darauf, dass Favre gemessen am Punkteschnitt der erfolgreichste Coach der Klubgeschichte ist - auch ohne Titel. Aber um die geht es nun einmal, auch beim BVB. Und so schaffen sie es in Dortmund nicht, die Öffentlichkeit nachhaltig davon zu überzeugen, dass sie den Schweizer für den absolut unumstritten richtigen Mann halten.

Es ist eine Last, die eine Mannschaft, einen Klub nicht unberührt lässt. Egal wie dicht die Wagenburg zusammengeparkt wird. Zumal Favre von seiner Art her kein Menschenfänger ist und bisweilen den Eindruck erweckt, sich sein Fußballtrainerleben etwas schwerer zu machen als nötig.

Nun, freilich machen die ewigen Attacken von Medien und Experten die Arbeit an vertrauensbildenden Maßnahmen nicht einfacher. Eine aktuelle Liste von potenziellen Nachfolgern - sie reicht von Marco Rose (Borussia Mönchengladbach) über Jesse March (RB Salzburg) bis zu Julian Nagelsmann (RB Leipzig) - ist da nur der neue Höhepunkt in der spaltenden Favre-Erzählung.

Eine so einfache Dortmunder Möglichkeit, der Debatte die Dynamik zu nehmen, wäre die vorzeitige Verlängerung des im Sommer auslaufenden Vertrags. Nun betonen die Verantwortlichen, dass noch nicht der richtige Zeitpunkt sei. Dafür gibt es natürlich gute bis sehr gute Argumente - zum Beispiel die Entwicklung der Mannschaft. Das könnte man indes auch anders interpretieren. Und sagen: Es ist mangelnde Überzeugung.

Tobias Nordmann

© n-tv
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