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Silly Season nimmt Fahrt auf

Die absurde Leistungsgesellschaft der Formel 1

29.10.2020 16:17
Lance Stroll genießt wegen seines Vaters einen Sonderstatus
© Glenn Dunbar via www.imago-images.de
Lance Stroll genießt wegen seines Vaters einen Sonderstatus

"Leistung muss sich wieder lohnen." Mit diesem abgedroschenen FDP-Schlager könnte man in der Silly Season der Formel 1 zurzeit wunderbar Wahlkampf machen.

Denn während mittelmäßig begabte Piloten dank der Kohle von Papi oder Sponsoren fest im Sattel sitzen, müssen Top-Fahrer um ihre Zukunft in der Königsklasse bangen. Bei Williams könnte George Russell der absurden F1-"Leistungsgesellschaft" zum Opfer fallen.

Es ist beknackt: Sergio Pérez fährt bei Racing Point klar besser als Lance Stroll. Letzterer aber ist dank Milliardärs-Papa und Team-Eigner Lawrence Stroll quasi verbeamtet, weswegen Pérez am Jahresende das pinke Cockpit räumen muss - Sebastian Vettel kommt ja bekanntlich 2021.


Mehr dazu: Die Formel-1-Gerüchteküche


Bei Williams fährt derweil George Russell Kreise um F1-Rookie Nicholas Latifi, schafft es im unterlegenen FW43 samstags sogar immer wieder in Q2. Gesetzt ist für 2021 trotzdem nur Latifi, weil der Kanadier ordentlich Sponsorengelder mitbringt.

Russell dagegen wackelt auf einmal. Der talentierte Brite ist zwar "Absolvent" bei Williams' Motorenlieferant Mercedes und hat eigentlich auch einen Vertrag für 2022. Aber: Verträge sind bekanntlich dazu da, um gebrochen zu werden.

Eine ganz schlechte Pointe

Williams hat nach dem Ende der Ära Frank und Claire Williams eine neue Führung. US-Investoren statt Familienbetrieb. Ex-Teamchefin Claire sah in Russell einen unverzichtbaren Mann für den Traditionsrennstall - ähnliches hat man von den Neuen noch nicht vernommen.

Warum auch, wenn man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann? Geld und Qualität. Bei Williams könnte ausgerechnet Pérez, der es zweifellos verdient, in der F1 zu fahren, Russell verdrängen - den man leistungsmäßig aber nie und nimmer absetzen dürfte. Eine ganz schlechte Pointe.

"Wahrscheinlich eher eine politische und kommerzielle Entscheidung"

Seit einigen Tagen gilt Pérez in den Irrungen der Silly Season als heißer Kandidat auf das Williams-Cockpit neben Latifi. Anders als Russell hat "Checo" mit einem mexikanischen Telekommunikations-Giganten einen zahlungskräftigen Sponsor im Rücken. Wenn es hart auf hart - Dollar auf Dollar - kommt, wird Russell auch seine Mercedes-Connection nicht helfen.

"George hat bewiesen, dass er es verdient hat, in der Formel 1 zu sein", sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff nach Russells starkem 14. Platz beim Portugal-GP in Portimao. Der Österreicher fügte aber auch vielsagend hinzu: "Ich glaube nicht, dass es bei der Entscheidung (bei Williams, d. Red.) um seine fahrerischen Fähigkeiten geht. Es ist wahrscheinlich eher eine generelle politische und kommerzielle Entscheidung."

Der Ball liege bei Williams, man müsse, so Wolff, "die Unabhängigkeit" des Rennstalls bei dessen "Entscheidungsfindung" respektieren. Heißt: Holt Williams Pérez ins Boot, kann Mercedes für Russell nix tun. In einer Art "vorauseilender Motivations-Speech" kündigte Wolff schon mal an, bei Mercedes im Fall der Fälle ein "Mega-Testprogramm" für den Engländer aufzulegen und diesen offiziell als Hamilton/Bottas-Ersatz zu nominieren.

Hülkenberg und Pérez schielen Richtung Red Bull

Russell selbst äußerte sich gelassen zu den Silly-News, verwies auf seinen Vertrag und meinte, das Pérez-Lager habe die Gerüchte überhaupt erst "gefüttert". Tatsächlich muss der Mexikaner schauen, wo er bleibt. Sollte Haas 2021 auf ein junges Fahrerduo setzen (inklusive Milliardärs-Spross Nikita Mazepin versteht sich), bliebe dem 30-Jährigen wohl nur noch ein Platz bei Red Bull - sofern die "Bullen" den schwer in der Kritik stehenden Alexander Albon fallen lassen.

Team-Berater Helmut Marko hatte unlängst klargemacht, dass sich Red Bull im Falle einer Albon-Absetzung außerhalb des hauseigenen Juniorprogramms nach einem Verstappen-Kollegen umschauen werde. Infrage kämen Pérez und Nico Hülkenberg - noch so einer, der eigentlich ins Fahrerfeld gehört. Eigentlich, wenn Leistung in der Formel 1 der Maßstab wäre.

Martin Armbruster

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