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Offene Fragen nach Platztausch von Müller und Green

23.10.2020 12:14
Green kürzte die Schikane ab, der Platztausch ließ lange auf sich warten
© MST
Green kürzte die Schikane ab, der Platztausch ließ lange auf sich warten

Nach dem DTM-Sonntagsrennen in Zolder, bei dem Rene Rasts Rosberg-Audi-Teamkollege Jamie Green trotz des Abkürzens der Schikane Abt-Audi-Titelkandidat Nico Müller nicht vorbeiließ, gab es Gerüchte, die Rosberg-Truppe habe den Befehl der Rennleitung zum Platztausch absichtlich hinausgezögert. Um Rast im Duell gegen Müller einen Vorteil zu bringen. Und auch DTM-Boss Gerhard Berger mahnte danach, "dass man Fahrer, die im Titelkampf sind, frei kämpfen lassen sollte".

Doch was ist in der 16. Runde wirklich vorgefallen? 'Motorsport-Total.com' ist der Sache auf den Grund gegangen: Tatsächlich war es für Rennleiter Sven Stoppe nach Greens Abschneider in den Kurven 5 und 6 - der ersten Schikane - rasch klar, dass Green seinen Platz zurückgeben müsse. Der Funkbefehl ans Team, die Plätze zu tauschen, kam bereits in der Doppel-Rechtskurve (Kurven 10 und 11) nach der Villeneuve-Schikane. Und musste von Stoppe auf der Geraden vor Start-Ziel sogar wiederholt werden, weil die Reaktion ausblieb.

Aber warum teilte Greens Renningenieur Erich Baumgärtner seinem Fahrer den Befehl der Rennleitung erst rund eine halbe Minute nach der ersten Aufforderung mit? "Ich habe die Anweisung des Rennleiters sofort an Erich weitergegeben, als ich sie bekommen habe", verteidigt sich Rosberg-Audi-Teamchef Kimmo Liimatainen, der mit dem Rennleiter und den anderen Teamchefs über einen offenen Kanal verbunden ist, im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'.

"Renningenieur hat angefangen, mit mir zu diskutieren"

Das sei vor Kurve 12 passiert, konkretisiert Liimatainen. "Der Renningenieur hat dann angefangen, mit mir zu diskutieren, ob das jetzt sicher so sei, wodurch etwas Zeit verging - das war auf der letzten Geraden bis zur Zielkurve (Kurven 15 und 16; Anm. d. Red.)", offenbart Liimatainen.

Doch dann machte Rennleiter Stoppe Druck, die Positionen müssen sofort getauscht werden - eine zweite Ermahnung hätte eine Durchfahrtsstrafe bedeutet. "Ich habe dann gesagt, dass es keine Diskussion gibt, weil es eine Entscheidung des Rennleiters ist und er es ihm jetzt sagen soll. Das hat er auf der Start-Ziel-Geraden dann auch gemacht", lautet die Erklärung Liimatainens.

Dass man Green angewiesen habe, Müller das Leben schwer zu machen, sei wegen des Funkverbots ohnehin unmöglich, betont der Rosberg-Audi-Teamchef. "Das einzige, was wir machen, ist dass ich vor dem Rennen an 'Jamie apelliere und sage: 'Mach Rene das Leben nicht unnötig schwierig.' Mehr nicht.'" Der fahre sein eigenes Rennen und um seine Zukunft, "aber er soll Rücksicht auf seinen Teamkollegen nehmen, der um die Meisterschaft kämpft".

Liimatainen versteht Urteil noch immer nicht

Mit der Entscheidung der Rennleitung sei er nach wie vor nicht einverstanden, sagt Liimatainen. "Die Schikane abkürzen ist eine Geschichte, aber er hat dabei ja niemanden überholt und war definitiv vorne", argumentiert er.

"Für mich ist das nach wie vor nicht ganz verständlich, dass er dann den Platz hergeben musste. Klar war es vielleicht ein Vorteil, aber er hatte auch den ganzen Dreck auf den Reifen. Und am Tag davor fuhr Glock in der Schikane geradeaus und Jamie wurde bestraft", verweist er auf die Situation, als die Rennleitung Green vorwarf, Glock von der Strecke gedrängt zu haben und eine Verwarnung aussprach.

Der Rosberg-Teamchef ergänzt: "Wenn Nico vorne gewesen wäre und Jamie hätte ihn überholt und die Schikane abgekürzt, dann hätte es gepasst. Aber Fahrfehler sind doch erlaubt, oder?" Ein Platztausch sei für ihn eigentlich nur dann gerechtfertigt, wenn man beim Überholen abkürzt, erklärt er. "Aber das wurde so entschieden, und ich habe am Sonntag gesagt, dass es nichts bringt, da jetzt zu diskutieren. Wir akzeptieren es wie es ist."

Biermaier: "Ich mache nicht mal dem Team einen Vorwurf"

Doch was sagt Abt-Audi-Sportdirektor Thomas Biermaier zur Tatsache, dass Green dermaßen spät vom Team aufgefordert wurde, Müller den Platz zu überlassen? "Ich habe gewusst, dass sie es ihm spät gefunkt haben, aber ich bin ganz ehrlich: Ich mache nicht einmal dem Team einen großen Vorwurf", sagt er im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'.

"Eigentlich bin ich immer noch sauer auf Jamie, weil er ganz genau weiß, dass er ihn überholen lassen muss. Das ist eigentlich selbstverständlich. Das verstehe ich nicht. Mich ärgert, dass er dann noch Seite an Seite in die nächste Schikane fährt und riskiert, den Meisterschaftsanwärter in Gefahr zu bringen. Da brauche ich auch keinen Funkspruch vom Team, sondern das weiß ich einfach. Und wenn ich ein bisschen Gefühl habe als Fahrer, dann lass ich ihn da vorbei."

Aussprache zwischen Biermaier und Liimatainen

Doch auch für Biermaier, der nach dem Zwischenfall in Zolder am Kommandostand äußerst emotional reagierte und seinen Unmut in Richtung Rosberg deutlich machte, ist die Sache nun erledigt.

"Ich hoffe, dass sich Jamie in Hockenheim raushält und die zweieinhalb Meisterschaftsanwärter - denn solange Robin eine Chance hat, hofft man auch auf ihn noch -, in Ruhe ihr Rennen fahren können. Er muss die anderen nicht vorbeiwinken, das ist auch klar. Aber ich wünsche mir, dass er nicht besonders hart kämpft."

Hoffentlich habe Green aus dem Vorfall gelernt. Mit der Rosberg-Truppe gäbe es aber kein Problem, stellt Biermaier klar. Das sieht Rosberg-Teamchef Liimatainen ähnlich, der nach dem Rennen mit Thomas Biermaier alleine über die Angelegenheit gesprochen habe. "Für mich ist alles geklärt", sagt der Finne.

"Wir standen unter Strom - und wenn man emotional ist, dann sagt man Dinge oder reagiert so, wie man es im Fernsehen gesehen hat. Wir sind aber alle erwachsene Menschen - und zwei Stunden später kann man wieder normal miteinander reden."

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