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"Big City Club" läuft eigenen Erwartungen hinterher

Hertha BSC: Wenn die Fehlerliste immer länger wird

23.10.2020 14:13
Mit Hertha BSC in der Krise: Bruno Labbadia
© O.Behrendt via www.imago-images.de
Mit Hertha BSC in der Krise: Bruno Labbadia

Als Bruno Labbadia im April das Zepter bei Hertha BSC übernahm, ging es sportlich schnell aufwärts. Doch die positive Entwicklung ist mächtig ins Stocken geraten, die Hauptstädter befinden sich vor dem Spiel bei RB Leipzig am Samstag (15:30 Uhr) in einer waschechten Krise. Viel mehr als das: die Liste der Probleme wird einfach immer länger.

Die nackten Zahlen zuerst, sie verdeutlichen die Realität auf schonungslose Art und Weise: Tabellenplatz 15 nach vier Spielen in der Bundesliga, von denen die letzten drei allesamt verloren gingen. Ein Torverhältnis von 8:10 - nur Mainz (12) und Schalke (16) haben mehr Gegentore kassiert. Eine Zweikampfquote von 46,8 Prozent - nur Hoffenheim und Union Berlin sind schlechter.

Zu guter Letzt: Ein Punkteschnitt von lediglich 1,23 Zählern pro Bundesliga-Spiel seit Labbadias Antritt. Zum Vergleich: Hoffenheim kommt im selben Zeitraum auf 1,76 Punkte - und spielt in dieser Saison im Europapokal. Und dort will Hertha nach dem erneuten Angriff auf dem Transfermarkt im Sommer von über 30 Millionen Euro eigentlich auch hin.

Und so liest sich die Zwischenbilanz beim selbsterklärten "Big City Club", der obendrein in der ersten Pokalrunde gegen Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig (4:5) baden ging, ziemlich ernüchternd. 

Labbadia listet die Hertha-Fehler auf

Im Anschluss an die biedere Vorstellung gegen den Aufsteiger VfB Stuttgart (0:2) war Bruno Labbadia daher sichtlich bedient. Entsprechend schonungslos listete er die Fehler seiner Spieler auf. 

Man habe, "wie schon in den letzten Wochen", zu einfach das erste Gegentor kassiert. Und dass, obwohl das Trainerteam im Vorfeld die Stuttgarter Herangehensweise bei ruhenden Bällen explizit angesprochen hatte. Etwa, "dass da oft ein kleiner Schubser von dem ein oder anderen Spieler kommt". Und dass dann ein VfB-Spieler, in diesem Fall Marc Oliver Kempf, in der Folge "komplett blank steht".

Geholfen hat es nicht. Schon in der Vorsaison kassierte Hertha 19 Gegentore nach ruhenden Bällen, in der noch jungen neuen Saison sind es deren schon fünf.

Außerdem, kritisierte Labbadia weiter, war das Berliner Spiel nach vorne einfach "zu unsauber". Seine Elf habe "statisch" gespielt und "oft falsche Entscheidungen getroffen". Was Labbadia Sorgen bereitet, sind die vielen individuellen Fehler.

Richtig "geärgert" hat den 54-Jährigen dann noch das zweite Gegentor, weil diesem ein "sehr einfacher Ballverlust" vorausging. Anstatt "Druck auf den Ball" zu machen, guckten seine Spieler zu und das Spiel ging verloren.

Wie Labbadia an den Problemen bei Hertha BSC arbeitet

Solche Fehler, und noch "hunderte" weitere, wie Labbadia schließlich am Donnerstag auf der Pressekonferenz im Vorfeld des Leipzig-Spiels preisgab, müsse man nun "sukzessive" in den nächsten Wochen abarbeiten. Dabei scheint der Trainer (noch) den Überblick zu behalten und setzt an konkreten Punkten an.

In einer, endlich mal, vollen Trainingswoche ohne Unterbrechung habe er daher Standardsituationen und Zweikampfverhalten üben lassen - die wohl offensichtlichsten Baustellen. Außerdem versuchte er, die abhandengekommene "Spielfreude" bei den Spielern zu aktivieren, indem er ein wenig "Lockerheit" ins Training brachte.

Zu guter Letzt gab er seinen Spielern mit auf den Weg, in Zukunft cleverer zu verteidigen. Immerhin verüben Labbadias Schützlinge dieser Tage mit insgesamt 60 Fouls die meisten der Liga, noch so eine Negativ-Statistik. Ob die jüngsten Trainingseinheiten gegen Leipzig schon zum Turnaround reichen, bleibt abzuwarten.

Neuzugänge fehlen: Das Transfer-Problem der Hertha

Eine weitere Baustelle wird in den nächsten Wochen wohl die Integration der Neuzugänge sein, die Kritik an der Kaderplanung mehrte sich nach dem Saisonstart. Im Fokus steht naturgemäß vor allem Rekord-Transfer Lucas Tousart.

Labbadia nahm den 23-Jährigen jedoch ausdrücklich in Schutz: "Klammern wir mal das Stuttgart-Spiel aus, fand ich, dass er eine stetige Entwicklung gemacht hat", so der Cheftrainer, der die Problematik beim Franzosen klar benennt: "Dass er vier Monate nicht Fußball gespielt hat, das haben wir gemerkt. Er ist aber extrem willig und motiviert."

Hinzu kommen bei den Berlinern immer wieder kurzfristige, nicht planbare Ausfälle. Arsenal-Leihgabe Mattéo Guendouzi musste sich nach einer Corona-Infektion in Quarantäne begeben, Winter-Neuzugang Santiago Ascacíbar ist wieder einmal verletzt und Stürmer Jhon Córdoba sowie Rechtsverteidiger Deyovaisio Zeefuik sind zumindest für das Duell gegen RB fraglich.

So wird Hertha noch lange brauchen, bis wichtige Automatismen auf dem Platz greifen. Dass die Chefetage dennoch mit den Transfer-Entscheidungen richtig lag, unterstrich Geschäftsführer Michael Preetz derweil im "kicker". Man werde jetzt nicht "das Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit infrage stellen. Die ist ohne Frage da". 

Auf der bevorstehenden Mitgliederversammlung im Olympiastadion am Sonntag wird sich Preetz dennoch einigen ungemütlichen Fragen stellen müssen. Gleiches gilt für Labbadia, falls am Samstag die vierte Niederlage in Folge hinzukommt - und die Fehlerliste weiter anwächst.

Gerrit Kleiböhmer

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