Anzeige
powered by n-tv

"Nicht kalkulierbares Risiko"

Schwimmstars ignorieren dringende Warnung

15.10.2020 13:34
Marco Koch sagt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich zu Hause beim Einkaufen anstecke, ist glaube ich höher"
© Andrea Staccioli/DBM/Insidefoto via www.imago-imag
Marco Koch sagt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich zu Hause beim Einkaufen anstecke, ist glaube ich höher"

Die Schwimmer lagen in Folge der Corona-Pandemie lange auf dem Trockenen, jetzt springen sie wieder ins Becken. Doch Ort und Zeitpunkt der Rückkehr sind unglücklich gewählt, die Verbände sprechen Warnungen aus. Deutschlands Topschwimmer fühlen sich derweil sicher.

Die Schwimmer tauchen mitten in der zweiten Corona-Welle wieder auf - doch nicht nur der Zeitpunkt für die Rückkehr ins Wettkampfbecken sät Zweifel. Ausgerechnet im Corona-Hotspot Budapest hält die finanziell lukrative Profiserie ISL ab Freitag ein fünfwöchiges Event ab und lässt dafür Schwimmstars aus der ganzen Welt einfliegen. Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) verbietet seinen Athleten die Teilnahme zwar nicht, spricht aber eine klare Warnung aus.

"Die ISL stellt ein nicht kalkulierbares Risiko dar und sollte aus medizinischer Sicht nicht durchgeführt werden", heißt es in einer DSV-Stellungnahme. Der Verband warnt, die Gefahr der Ansteckung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: "Schädigungen bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 können bereits die Sportfähigkeit stark einschränken und ein vorzeitiges Ende der Karriere bedeuten."

Allen Warnungen zum Trotz: Das üppige Startgeld und die Aussicht auf hochklassige Wettkämpfe mit internationalen Topstars ist für manche zu verlockend. Acht deutsche Schwimmer um Ex-Weltmeister Marco Koch (New York Breakers) und den Olympia-Sechsten Philip Heintz (Aqua Centurions) treten für ihre Teams in der Vorrunde der zweiten ISL-Auflage an. Sie können damit aufgrund des Hygienekonzepts an der Kurzbahn-DM in Berlin (29. Oktober bis 1. November) definitiv nicht teilnehmen.

"Sicherheitsvorkehrungen sind enorm"

Dies und andere Unannehmlichkeiten, die mit der Reise ins Risikogebiet einhergehen, nehmen Koch und Co. aber in Kauf. "Mein letztes Rennen war im Februar, ich freue mich auf die Wettkämpfe hier", sagte Koch. Angst vor einer Ansteckung hat der Brustschwimmer keine: "Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich zu Hause beim Einkaufen anstecke, ist glaube ich höher."

Ausländische Schwimmer dürfen nur bei einem Nachweis von zwei negativen Corona-Tests anreisen. Bei Femke Heemskerk (Niederlande) und Stefania Pirozzi (Italien) fielen Tests positiv aus, sie dürfen vorerst nicht nach Budapest. Nach Ankunft werden zwei weitere Abstriche mit einem Abstand von 48 Stunden vorgenommen, danach beträgt der Test-Abstand fünf Tage. Die Veranstalter verweisen zudem auf die "Blase" mit den geblockten Teamhotels sowie Trainings- und Wettkampfbecken und die strikte Einhaltung gängiger Hygienemaßnahmen.

Die Skepsis ist dennoch groß, nicht nur in Deutschland. Der australische Schwimmverband hatte seinen Athleten ebenfalls von einem Start abgeraten, woraufhin unter anderem die erfolgreichen Campbell-Schwestern Cate and Bronte ihre Teilnahme zurückzogen. Die ISL nannte es "nicht akzeptabel", dass einige Verbände "wissentlich und zynisch die Pandemie ausnutzen, um Athleten einzuschüchtern, die in anderen Wettbewerben mitmachen wollen".

Die Athleten müssten nicht nur körperlich beschützt werden, argumentierte die ISL, sondern auch aus ökonomischer und sozialer Perspektive. Die vom ukrainischen Milliardär Konstantin Gregorischin gegründete Profiserie, die die Monopolstellung des Weltverbandes Fina angreifen will, hatte im Premierenjahr 2019 ein Preisgeld in Höhe von rund fünf Millionen US-Dollar an die Athleten ausgeschüttet.

Topstars unterstützen die Serie

Unterstützt wird die Serie von Topstars wie Olympiasieger Adam Peaty, der in Budapest für das Team London Roar mit den deutschen Schwimmern Christian Diener und Marius Kusch startet. Er spüre gerade in diesen Coronazeiten eine große Verantwortung für Schwimmer, die nicht wie er von Werbeeinnahmen leben könnten, sagte der Brite: "Ich werde mich immer daran erinnern, wie es ist, wenn man sich als Athlet das Benzin nicht mehr leisten kann."

Insgesamt stehen in der für Zuschauer gesperrten Duna-Arena, wo 2017 stimmungsvolle Weltmeisterschaften stattfanden, an 31 Tagen zehn Wettkämpfe auf dem Programm. Die fünf nordamerikanischen und fünf internationalen Mannschaften bilden eine Vorrundengruppe, jeder tritt gegen jeden an. Ins Halbfinale ab dem 19. November ziehen die acht besten Teams ein. Das Finale der Top-Vier findet am 21. und 22. November ebenfalls in Budapest statt.

© n-tv
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige