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Keine Zusammenarbeit mit bestehendem Hersteller

Red Bull wird konkreter: Der Plan nach dem Honda-Ausstieg

14.10.2020 13:48
Helmut Marko und Christian Horner verhandeln für eine Lösung mit Honda
© HOCH ZWEI via www.imago-images.de
Helmut Marko und Christian Horner verhandeln für eine Lösung mit Honda

Nach dem angekündigten Formel-1-Ausstieg von Honda per 2021 kristallisiert sich auf Seiten von Red Bull langsam heraus, wie es ab 2022 weitergehen könnte. Die bevorzugte Variante ist offenbar nicht eine Zusammenarbeit mit einem der bestehenden Motorenhersteller - sondern ein eigenes Power-Unit-Programm auf Basis von Honda-Technologie.

"Wir würden favorisieren, sofern die Gespräche mit Honda positiv verlaufen, dass wir die IP-Rechte und alles, was notwendig ist, übernehmen, und dann in Milton Keynes die Motoren selbst vorbereiten und einsetzen", bestätigt Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko in einem Interview mit dem "AvD Motorsport Magazin" auf dem TV-Sender "Sport1".

"Voraussetzung" für eine solche Konstellation sei aber ein Entgegenkommen von FIA, Formel 1 und den anderen Teams in einer entscheidenden Frage: "Das geht nur unter der Voraussetzung, dass spätestens mit dem ersten Rennen 2022 die Motoren eingefroren werden. Denn eine Weiterentwicklung können wir technisch als auch finanziell nicht leisten."

Um die Kosten im Bereich des Antriebsstrangs zu reduzieren, plant die Formel 1, die Weiterentwicklung der bestehenden Power-Units ab 2023 komplett einzufrieren. Bis dahin ist es jedem der engagierten Hersteller freigestellt, einmal pro Jahr eine Ausbaustufe einzuführen. Die Frist für diesen "Freeze" müsste aber vorgezogen werden, um Red Bulls Wunschlösung zu ermöglichen.

Marko hofft auf Entgegenkommen der FIA

"Dazu braucht es seitens der FIA eine entsprechende Entscheidung", sagt Marko. "Da müssen auch die Teams befragt werden. Das jetzige Motorenreglement läuft bis 2025. Erstes Rennen 2022 deshalb, weil da der Anteil an synthetischem Benzin von fünf auf zehn Prozent erhöht wird. Da muss es noch entsprechende Adaptionen geben."

"Ab dann ist es für uns nur möglich, wenn das eingefroren wird. Das hätte natürlich den Riesenvorteil, dass die ohnehin hohen Kosten deutlich zu reduzieren wären. Unter diesen Voraussetzungen können wir uns vorstellen, dass wir dieses Motorenprojekt im Haus selbst durchführen."

"Wir haben ja mehrere Hallen und Gebäude in Milton Keynes, und Honda hat auch ein Motorenwerk dort. Wir prüfen gerade, wo und wie schnell wir das adaptieren können. Aber aufs Grobe gesehen wäre ein Beginn des eigenen Motoren-Zusammenbaus mit Anfang 2022 möglich", sagt Marko.

Die Produktion und Wartung von Motoren für die eigenen beiden Teams ist eine Sache. Sollte jedoch auch eine Weiterentwicklung erlaubt sein, kommt die skizzierte Variante für Red Bull nicht in Frage. Denn um dann gegenüber Ferrari, Mercedes und Renault nicht ins Hintertreffen zu geraten, müsste man eine komplette Entwicklungsabteilung mit einer Armee an Ingenieuren finanzieren.

Weil das viel zu teuer ist, drängt Red Bull jetzt auf rasches Handeln: "Wir brauchen von der FIA so schnell wie möglich eine Entscheidung", hofft Marko. "Wenn diese Entscheidung so ausfällt, wie ich es angedeutet habe, dann ist der nächste Schritt, mit Honda eine Einigung zu erzielen. Wobei uns da, glaube ich, nichts in den Weg gelegt werden würde."

Sollte der Honda-Weg blockiert bleiben, bliebe für Red Bull nur noch die Rückkehr zu entweder Renault (möglich) oder Ferrari (unwahrscheinlich). Mercedes-Teamchef Toto Wolff hat bereits kategorisch ausgeschlossen, Red Bull zu beliefern - obwohl am Nürburgring ein Gespräch zwischen Daimler-CEO Ola Källenius und Red-Bull-Teamchef Christian Horner stattgefunden hat.

Worüber haben Horner und Källenius gesprochen?

Wirklich nur unverbindlicher Startaufstellungs-Plausch? Oder ging es bei dem Gespräch vielleicht darum, Mercedes davon zu überzeugen, einem vorgezogenen Einfrieren der Power-Unit-Weiterentwicklung zuzustimmen? Bisher ist das nicht bekannt.

Ein Gespräch gab es am Nürburgring auch zwischen Marko, Horner und Ferrari-Teamchef Mattia Binotto. Mit Renault-Teamchef Cyril Abiteboul und dem neuen Renault-Konzernchef Luca de Meo hatten sich Marko und Horner schon vor dem Rennen getroffen. Die Stimmung war gelöst, es wurden Selfies gemacht.

"Es war ein ganz normales Treffen, ein erstes Kennenlernen", relativiert Abiteboul im Interview mit 'Sky'. "Unser CEO Luca de Meo ist erst seit kurzem bei Renault, daher war es das erste richtige Treffen. Ein Kennenlern-Treffen - und auch nicht weiter ungewöhnlich. Luca de Meo trifft im Paddock viele Leute."

Marko schwärmt von de Meo schon seit Wochen als Motorsport-Enthusiast, und auch in der Pressemitteilung des Red-Bull-Teams am Sonntag wurde das Renault-Podium durch Daniel Ricciardo explizit erwähnt und dazu gratuliert. Nach der Trennung im Streit (Ende 2018) zeigt sich Red Bull jetzt demonstrativ um Harmonie im Verhältnis zu Renault bemüht.

Doch Renault ist aktuell nur Plan B: "Man wäre Kunde", sagt Marko. "Alle Motorenhersteller haben ihr eigenes Team. Das heißt, sie entwickeln den Motor rund um ihr Chassis. Wir würden etwas kriegen, wo wir unser Chassis anpassen müssten und unsere Vorstellungen sekundär und wir mit einer technischen Lösung konfrontiert werden, die wir akzeptieren müssten."

"Deshalb ist die Honda-Lösung [unser Favorit]. Nichtsdestotrotz sondieren wir alle Möglichkeiten. Laut FIA-Reglement hat sich ja jeder Motorenhersteller verpflichtet, andere Teams zu beliefern. Nur: Sollte sowas für uns in Frage kommen, muss das von der Gesamtsituation her passen. Es muss uns wettbewerbsfähig machen. Eine beglückte Zwangsehe ist kein Thema für uns."

Horner wünscht sich Entscheidung "bis Jahresende"

Die Entscheidung, wo die Reise letztendlich hingeht, soll "bis Jahresende" fallen, ergänzt Horner und erklärt: "Der Motor ist ein integraler Bestandteil für das 2022er-Design. Daher sollten wir idealerweise bis Jahresende wissen, mit welchem Motor wir fahren werden, damit das Designteam mit klaren Parametern ins nächste Jahr gehen kann."

Klar ist auch: Weder ein eingefrorener Honda-Motor noch eine erneute Zusammenarbeit mit Renault wäre das, was sich Red Bull langfristig vorstellt. Da hätte eine Werkspartnerschaft mit dem Volkswagen-Konzern (Porsche? Audi?) schon mehr Charme. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Marko über die Zeit von 2022 bis 2025 als "Übergangsjahre" spricht.

"Wir würden positiv dazu stehen, wenn ein neuer Hersteller kommt", sagt er, schränkt aber ein: "Nur zeichnet sich leider niemand ab. Das ist darauf zurückzuführen, dass es eine relativ kurze Zeitspanne von vier Jahren ist, die Triebwerke wahnsinnig komplex sind aufgrund der Verwendung von MGU-K und MGU-H, und auch auf die Kostensituation."

"Ich glaube, mit diesem Reglement wird es keinen Hersteller geben, der in dieser Phase neu in die Formel 1 einsteigt", befürchtet der 77-jährige Österreicher und appelliert an die FIA: "Praktischerweise wäre es vernünftig, das Reglement vorzuziehen. Aber es gibt noch kein detailliertes Motorenreglement."

Hat Volkswagen das Thema Formel 1 ad acta gelegt?

Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess hatte erst kürzlich kokettiert, dass "eine Formel 1 mit synthetischen Kraftstoffen spannender ist, mehr Spaß macht, eine bessere Motorsport-Erfahrung ist und mehr technischen Wettbewerb mit sich bringt als eine Formel E, die ein paar Runden in Innenstädten im Gaming-Modus fährt".

Das wurde von vielen als Signal interpretiert, dass der Wolfsburger Konzern das Thema Formel 1 noch nicht komplett ad acta gelegt hat, obwohl in den vergangenen Jahren einige Projektansätze, tatsächlich in den Grand-Prix-Sport einzusteigen, verworfen wurden. Zuletzt im Jahr 2017/18 im Hinblick auf einen möglichen Einstieg 2021.

Doch auch davor gab es mehrere Gedankenspiele in diese Richtung. 2006/07 wurde mit Red Bull über eine Übernahme von Toro Rosso diskutiert. 2011/12 gab es Gespräche mit Peter Sauber. 2015 beschäftigte sich dann Stefano Domenicali damit, wie Audi in die Formel 1 einsteigen könnte. Der Mann, der 2021 neuer Formel-1-Chef wird ...

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