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Was Tadej Pogacar mit Usain Bolt verbindet

21.09.2020 19:18
Tadej Pogacar gewann die Tour de France 2020
© Pool via www.imago-images.de
Tadej Pogacar gewann die Tour de France 2020

21 Jahre - so alt ist Tadej Pogacar, der Überraschungssieger der Tour de France. Und so alt war auch Usain Bolt, als er die große Sportbühne betrat. Das aber ist längst nicht die einzige Parallele zwischen dem slowenischen Radprofi und dem jamaikanischen Ausnahme-Sprinter.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Tadej Pogacar und Usain Bolt sind zumindest auf den ersten Blick eher weniger offensichtlich. Auf der einen Seite der Sieger der Tour de France 2020, der in drei Wochen bei 21 Etappen mehr als 87 Stunden auf seinem Rad verbracht hat. Auf der anderen Seite der schnellste Sprinter der Leichtathletik-Geschichte, der über 100 Meter nur höchst selten länger als zehn Sekunden unterwegs war. Und doch verbindet Pogacar und Bolt etwas, also bei genauerem Hinsehen.

Nicht nur, dass sie die größtmögliche Bühne ihres Sports kurz vor ihrem 22. Geburtstag betraten. Pogacar in Paris, als Sieger des prestigeträchtigsten Radrennens der Welt. Bolt im August 2008 in Peking, als 100-Meter-Olympiasieger, der trotz offener Schnürsenkel Weltrekord läuft. Sondern auch, weil sie in Disziplinen gewinnen, in denen die Geschichte dazu rät, den Triumphatoren gegenüber lieber eher skeptisch zu sein, als sie überschwänglich zu feiern.

Im Radsport liefert die skandalreiche Geschichte simple Schlagwörter: Lance Armstrong, Festina-Skandal, Team Telekom, Eufemiano Fuentes. In der Leichtathletik dagegen ist es etwa die Tatsache, dass von den 50 schnellsten Zeiten über 100 Meter nur die von Usain Bolt ohne nachweisbares Doping zustande gekommen sind.

Unterwegs in ihrer eigenen Welt

Und deshalb fährt eben auch bei Tadej Pogacar der Verdacht mit, der sich im Bergzeitfahren auf der vorletzten Etappe das Gelbe Trikot von Primoz Roglic eroberte. Als Überraschungssieger im slowenisch-slowenischen Duell, schließlich hatte der junge Pogacar den erfahrenen Roglic zwar immer wieder attackiert, doch erst eine beeindruckend dominante Leistung im Bergzeitfahren hinauf nach La Planche des Belles Filles brachte ihn an die Spitze der Gesamtwertung.

"Tadej war in seiner eigenen Welt", sagte Roglic nach seiner Niederlage im Kampf gegen die Uhr und gegen den, der an diesem ersten Tag nach der Tour seinen 22. Geburtstag begeht. Pogacar wiederum konnte nach der Schlussetappe in Paris selbst nicht glauben, was ihm da gelungen war: "Ich hätte nie daran gedacht. Es war ein wahnsinniges Abenteuer."

In seiner eigenen Welt lief bisweilen auch Usain Bolt, der die versammelte Sprint-Elite ein ums andere Mal wie Nachwuchsathleten aussehen ließ. Über ein knappes Jahrzehnt dominierte der Jamaikaner mit seinem kraftvoll und leichtfüßig zugleich wirkenden Laufstil seinen Sport. Immer begleitet von Mutmaßungen, dass nicht allein gutes Training für seine Leistungen verantwortlich sei. Es blieb allerdings bei Mutmaßungen, ein positiver Dopingtest Bolts ist nicht bekannt.

Keine Verdachtsmomente, aber ...

Auch bei Pogacar gibt es keine Verdachtsmomente. Aber wiederum eine Parallele zu Bolt. Denn in dessen Umfeld, etwa seinem jamaikanischen Nationalteam, gab es sehr wohl positive Tests: Yohan Blake, Asafa Powell, Shelly-Ann Fraser-Pryce, allesamt Olympiasieger und Dopingsünder. Pogacars Umfeld, das Personal seiner von den Vereinigten Arabischen Emiraten gesponsorten Equipe, steht nicht gerade für die Erneuerung des Radsports, für das Überwinden alter Muster.

Andrej Hauptman, sportlicher Leiter des UAE-Teams und Pogačar-Entdecker, durfte die Tour im Jahr 2000 wegen überhöhter Blutwerte und des Verdachts auf Epo-Doping gar nicht erst antreten. Teamchef Mauro Gianetti spricht nur höchst ungern darüber, dass bei früheren Engagements mehrere Fahrer positiv getestet wurden, er selbst habe davon aber nichts mitbekommen. Pogacar wird daher - wie auch Bolt - weiterhin von Doping-Fragen begleitet werden.

Was die beiden Ausnahmesportler außerdem verbindet: Für das Fachpublikum ist ihr Aufstieg keine Überraschung, sondern erscheint vielmehr wie eine logische Konsequenz. Bolt lief schon als 15-Jähriger über 200 Meter zum Titel bei der U17-WM und hält bis heute über die halbe Stadionrunde die Weltrekorde in der U18 und U20. Pogacar gewann im Vorjahr die Kalifornien-Rundfahrt und wurde damit zum bis dahin jüngsten Sieger eines World-Tour-Rennens, der höchsten Kategorie im Radsport und fuhr anschließend als jüngster Fahrer im Feld bei der Vuelta auf Platz drei.

Vom Talent zum Titel

"Man weiß in der Szene seit zwei, drei Jahren, um welches Talent es sich da handelt. Experten haben sich die Leistungsdaten angeschaut und waren perplex, wie viel Talent in dem jungen Mann steckt", sagte Ralph Denk, Chef von Bora-hansgrohe dem "ZDF". In Pogacar steckt so viel Talent, dass er als erster Fahrer in der langen Geschichte der Tour de France nicht nur die Gesamtwertung gewann, sondern auch die Nachwuchs- und die Bergwertung.

Dabei brillierte er nicht nur im Zeitfahren, auf der achten Etappe am Col de Peyresourde stürmte Pogacar so schnell nach oben wie niemand zuvor. Der bisherige Rekordhalter ist Alexander Winokurow, einst für das Team Telekom und Astana unterwegs und selbst überführter Doper. Die Bestmarke eines offenbar unsauberen Athleten unterbot auch Bolt im Jahr 2008 bei seinem Durchbruch als Weltklasse-Sprinter, auch wenn der entthronte schnellste Mann der Welt, Powell, erst Jahre später erwischt wurde.

Es ist daher schwierig, herausragenden Leistungen in so belasteten Sportarten unvoreingenommen gegenüberzutreten. Was Bolt und Pogacar aber eben auch verbindet, ist die Unschuldsvermutung. Solange ihnen keine Schuld, kein Doping nachgewiesen werden kann, gelten sie als unschuldig. Und bei Pogacar bleibt ohnehin abzuwarten, ob es ihm gelingt, diese Leistung zu bestätigen. Auch, wenn der Verdacht wohl nie ganz verschwindet.

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