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Thiago ist schwer zu ersetzen

Klopp reißt eine tiefe Lücke in den FC Bayern

18.09.2020 12:04
Thiago (li.) wechselt vom FC Bayern zum Klub von Jürgen Klopp
© unknown
Thiago (li.) wechselt vom FC Bayern zum Klub von Jürgen Klopp

Thiago geht und hinterlässt eine ordentliche Lücke beim FC Bayern München. Wie er diese schließen soll, weiß Trainer Hansi Flick, dessen Kader immer dünner wird, selbst noch nicht. Jürgen Klopp und der FC Liverpool freuen sich derweil über ein Schnäppchen.

Eigentlich wussten es schon alle monatelang, nun ist es offiziell: Thiago Alcántara verlässt den FC Bayern München Richtung FC Liverpool. Wie schwer das den deutschen Rekordmeister trifft, sieht man Trainer Hansi Flick an, der in der Pressekonferenz vor dem Bundesliga-Auftakt gegen Schalke 04 am Freitag (20:30 Uhr) ungelenk versuchte zu erklären, wie sein Verein den Abgang auffangen wird.

"Wir haben Alternativen", begann Flick - um dann aber direkt hinterherzuschieben: "Und ich bin wirklich guter Dinge, dass Hasan Salihamidžić den Kader noch qualitativ aufwerten kann." Will heißen: Die Alternativen, auf die er jetzt nach Thiagos Wechsel setzen müsste, sind nicht gut genug. Der Kader ist nicht breit und nicht tief genug. Mit Sportdirektor Salihamidžić sei Flick natürlich "in Kontakt, was man da machen kann".

Wie viel der Bayern-Trainer von Thiago hält, war unschwer erkennbar. Mehrfach lobte er den Spanier als "außergewöhnlichen Spieler", als "Topspieler und einen tollen Menschen". Langsam und bedacht sprach Flick die Worte. Schließlich ist er sich der Lücke, die der Wechsel in seine Mannschaft reißt, voll und ganz bewusst. Thiago war ein Garant für den Triple-Sieg in der vergangenen Saison und für viele weitere Erfolge des FC Bayern. Kaum einer konnte das Spiel so leiten und gestalten wie der Spanier mit seiner überragenden Technik, Übersicht und seinem Gefühl fürs Spielgeschehen. Das Spiel aufbauen kann höchstens Joshua Kimmich bei den Münchnern auf ähnlich sichere Art und Weise, an die Finesse Thiagos kommt er aber auch nicht heran.

Die nächste Lücke im Kader des FC Bayern

"Er hat viele Dinge so gelöst, wie man sie normalerweise nicht vermutet", erklärte der Coach wehmütig. "Deshalb war er sehr wichtig für die Mannschaft." Und Flick deutete auch an, dass er wirklich alles probiert hat, den Mittelfeldmotor zu halten: "Ich habe versucht, Thiago umzustimmen, aber das war seine Entscheidung. Er wollte einfach eine neue Herausforderung."

Der Spanier ist nicht der einzige, der eine Lücke in den Bayern-Kader reißt: "Noch ein Qualitätsspieler, den wir ersetzen müssen", seufzte Flick. Ivan Perisic, der besonders im Champions-League-Turnier zeigte, wie wichtig er als Offensiv-Option sein kann, fehlt dem Trainer ebenfalls. Und Philippe Coutinho, der zum FC Barcelona zurückkehrte, wurde in München zwar nicht zum erhofften Megastar, aber lieferte meist Tore und Assists ab, wenn er auf dem Platz stand. Dreimal Top-Qualität weg, das ist auch für den ruhigen Flick zu viel. Nun, Leroy Sané ist nicht der schlechteste Angriffsersatz, aber der Trainer wünschte dennoch sich schon vor Wochen einen schnellen Spieler für die Außenbahn.

Und jetzt mit der Thiago-Lücke will der Triple-Macher logischerweise Verstärkung für das Mittelfeld. Das sind Erwartungen auf allerhöchstem Niveau, schließlich hat der FC Bayern mit Kimmich und Leon Goretzka eine der besten Zentralen der Welt. Aber wenn ein Klub konstant in Europa mithalten und dominieren will - und der deutsche Rekordmeister hat diesen Anspruch nach dem Königsklassen-Titel, dann müssen hinter den Weltklassemännern der ersten Elf weitere Weltklassemänner stehen. Und das ist derzeit nicht der Fall bei den Bayern.

Klopp reibt sich die Hände

"Wir haben noch ein bisschen Zeit, aber langsam wird es eng", wagte Flick dezent, den Druck auf Salihamidžić zu erhöhen. Die Bundesliga startet bereits jetzt und auch die Champions League beginnt in einem Monat. Viel Zeit bleibt den Münchner Verantwortlichen also tatsächlich nicht. Trotzdem ergab der Wechsel Sinn, weil Thiago eben nicht verlängern wollte. Im nächsten Jahr wäre er ablösefrei und dann auch 30 Jahre alt gewesen.

Letztlich blieb Flick nichts anderes übrig, als dem FC Liverpool zu dem Transfer zu beglückwünschen. "Ich kann Kloppo nur gratulieren", sagte er ein wenig trübsinnig. Thiago wollte wohl unbedingt zu Jürgen Klopp und andersherum lobte dieser den Spieler nicht erst in der jüngeren Vergangenheit immer wieder. Thiagos Vertrag in Liverpool hat vielleicht nicht rein zufällig genau die gleiche Dauer wie der des deutschen Trainers.

Der Manager der Reds reibt sich in diesen Stunden wahrscheinlich die Hände: Die kolportierten 30 Millionen Euro inklusive Bonuszahlungen sind für die Premier League für solch einen Weltklassespieler ein echtes Schnäppchen. Zusammen mit Gini Wijnaldum, Jordan Henderson und dem ehemaligen Leipziger Naby Keita könnte Klopp Thiago auf den vorderen beiden Positionen im Mittelfeld seines 4-3-3 immer wieder rotieren lassen. Er hat jetzt genau die Weltklasse-Breite im Kader, die der FC Bayern sich noch wünscht. Thiagos Zusammenspiel mit Roberto Firmino, Mohamed Salah und Sadio Mané in der Offensive dürfte den Liverpool-Fans jetzt schon Freudentränen in die Augen treiben.


Mehr dazu: Die besten Netzreaktionen zum Thiago-Wechsel


In München darf man aber nun nicht verkrampfen und wegen Thiago ganz andere Tränen vergießen. Zwar ist der Abgang eine klare Schwächung, aber zunächst ist der Bayern-Kader gut genug, um den Verlust zu kompensieren. "Im Leben fängt vieles immer wieder neu an", resümierte Hansi Flick bei der PK fast philosophisch. Aber wenn erst einmal die harten europäischen Wochen beginnen, braucht Flick weitere Spieler, mit denen er neu anfangen kann.

David Bedürftig

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