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Tolle Strecke und ein Aber

Warum die Formel 1 (wohl leider) nicht in Mugello bleibt

14.09.2020 15:29

Es war eine Formel-1-Premiere, und was für eine: Erstmals war die Motorsport-Königsklasse zu Gast in der Toskana. Auf der Ferrari-Strecke von Mugello wurde den Fahrern alles abverlangt. Nicht für jeden endete das glücklich. Ein Rennen für die Zukunft? Mitnichten.

Der Große Preis der Toskana war ein Novum. Erstmals wurde die seit 1974 in Betrieb befindliche Rennstrecke von Mugello von der Formel 1 befahren. Es ist die Heimstrecke von Ferrari, es war ein Zugeständnis an das 1000. Rennen der Scuderia in der Motorsport-Königsklasse. Eines, das allerdings erst durch die Coronavirus-Pandemie zustande gekommen war. Mugello war nach dem Ausfall anderer Rennen nachträglich in den Kalender aufgenommen worden.

Es wurde ein Rennen, das alles an Spektakel zu bieten hatte: Ein enges Rennen, mehrere Crashs, viele Ausfälle. Eines, das unbedingt wiederholt werden sollte? "In den Hochgeschwindigkeitskurven ist mehr Adrenalin durch meinen Körper geflossen als alles andere", sagte der Drittplatzierte Alex Albon von Red Bull Racing. "Die meisten Überholmanöver hatte ich auf der langen Geraden. Es macht einfach Spaß, hier zu fahren."

"Die Strecke ist der Hammer"

Höchstgeschwindigkeiten, selbst in den Kurven kein Abschnitt unter 140 Kilometern pro Stunde, keine Zeit zum Ausruhen. Der Kurs auf der Rennstrecke in Mugello fordert den kompletten Athleten. Selbst den besten unter ihnen - Lewis Hamilton: "Es war wie drei Rennen an einem Tag. Diese Strecke ist der Hammer, dazu war es heiß. Es war einfach unglaublich hart heute, vor allem die Re-Starts. Es war sehr, sehr hart, jedes Mal wieder voll konzentriert zu bleiben."

Auch "ntv"-Experte Felix Görner ist begeistert: "Die Strecke ist sehr herausfordernd. Ich habe zum ersten Mal seit langer, langer Zeit erschöpfte Fahrer nach dem Rennen gesprochen." Die körperliche Belastung ist extrem hoch, es wirken extreme G-Kräfte auf die Fahrer, die Strecke bietet mit ihren vielen Kurven kaum Zeit zur Pause.

Natürlich gab es aber auch die negativen Stimmen. Etwa derjenigen, die unverschuldet aus dem Rennen flogen, weil andere Fehler auf der Risiko-Strecke machten. Bei zwei Crashs und insgesamt acht Fahrern, die nicht ins Ziel kamen, ist die Frage nach der Sicherheit bedeutsam. Einige empfanden das Rennen als zu gefährlich, die Strecke biete zu wenig Auslaufzonen, sei zu eng. Ein Thema, dessen sich auch Rennleiter Michael Masi annahm: "Aus Sicht der Fia ist die Sicherheit vorrangig. Wenn jemand etwas anderes sagt, sehe ich es als persönliche Beleidigung."

Erreichbarkeit? Mangelhaft!

Risikobehaftet, extrem fordernd, aber euphorisierend für jene, die ankommen und noch dazu auf dem Podium stehen. Das ist Mugello. Und auch das ist der Ort in der Toskana: wunderschön gelegen, meint zumindest Görner. Mit einem großen Haken: die Verkehrsanbindung.

"Die Strecke ist ausgelegt für 50.000 Zuschauer, aber die Zufahrt und die Infrastruktur ist stehen geblieben in den 70er-Jahren", bilanziert der Experte. Selbst in Spa - das ebenfalls in die Jahre gekommen ist - gibt es eine Autobahn-Anbindung, Mugello dagegen kann "nur über serpentinenförmige Landstraßen und sehr kleine Wege" erreicht werden, schildert Görner. Diesmal durften nur 3000 Zuschauer dabei sein, deswegen brach kein Chaos aus. Aber zeitgemäß sei das heute nicht mehr, urteilt Görner. "Leider, muss man sagen."

Es geht ums Geld

Damit sind die stimmigen Argumente für eine Fortsetzung des Grand Prix der Toskana dahin - oder? Nun ja, wohl nicht nur aufgrund der miesen Infrastruktur. Auch der Formel-1-Besitzer Liberty Media hat gewichtige Argumente. Denn für das Unternehmen ist letztlich entscheidend, dass der Preis stimmt. Und der war in diesem Jahr bislang deutlich zu hoch: Durch die Pandemie fallen viele Rennen aus, andere müssen von Liberty Media selbst gezahlt werden, damit sie stattfinden können, wie Görner sagt. "Das ist natürlich nicht die Geschäftsgrundlage."

Außerdem: Italien hat mit Monza bereits ein Rennen fest im Formel-1-Kalender verankert. Noch dazu das einzige, das seit der Gründung der Formel 1 lückenlos in jedem Jahr ausgetragen wurde. Der bestehende Vertrag läuft noch bis 2025, wurde erst Anfang Juni dieses Jahres verlängert.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass Italien ein zweites Rennen bekommt, ist sehr, sehr gering", so Görner. Klar, Ferrari habe Interesse daran, weil es die hauseigene Rennstrecke ist, "aber ein Rennen pro Land reicht dann auch".

"Nicht nur Charme, auch Charakter"

Mugello war ein Notnagel für die Formel 1 in diesem Krisen-Jahr 2020. Und Mugello entwickelte sich zum Glücksgriff. Das Rennen bot Spannung, Dramatik und Ärger - viel Presse für die Formel 1.

Schon in zwei Wochen beim Rennen in Russland wartet in Sotschi eine deutlich andere Strecke auf die Fahrer. Eine, die sie bereits seit 2014 kennen, eine, auf der es ebenfalls überaus rasant zugeht.

Trotzdem hält "ntv"-Experte Görner ein Plädoyer für Mugello: "Die Strecke hat nicht nur Charme, sondern auch Charakter. Nicht zuletzt durch die Kiesbetten, da kommt man nicht mehr raus. Das heißt, du darfst keinen Fehler machen, du darfst nicht weg von der Rennlinie gehen, ansonsten ist das Rennen dann auch vorbei." So, wie am Sonntag gesehen.

Anja Rau

© n-tv
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