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Nach Chaos-Grand-Prix von Mugello

"Verdammt dumm": Die gewaltige Wut auf Valtteri Bottas

14.09.2020 09:38
Valtteri Bottas stand nach dem Crash beim Toskana Grand Prix in der Schusslinie
© Mark Sutton via www.imago-images.de
Valtteri Bottas stand nach dem Crash beim Toskana Grand Prix in der Schusslinie

Es ist eine strategische und wohl auch erlaubte Entscheidung von Valtteri Bottas: Nach der Freigabe des Formel-1-Rennens in Mugello verschleppt der Finne den scharfen Re-Start. Im hinteren Feld kommt es zu einem verhängnisvollen Ziehharmonikaeffekt - und wütenden Reaktionen.

Der Chaos-Grand-Prix von Mugello erzählt viele Geschichten. Die von Max Verstappen, der direkt in der ersten Runde abflog und damit vermeintlich alle Hoffnungen auf ein spannendes Rennen zerstörte. Denn dem Red-Bull-Fahrer war ja zugetraut worden, die aberwitzige Dominanz der Schwarzpfeile von Mercedes in diesem Rennen zu durchbrechen.

Dass die Formel-1-Premiere auf der Heimstrecke von Ferrari dennoch zu einem wilden Spektakel wurde, lag auch an Valtteri Bottas. Und an seiner Entscheidung, das Rennen nach der Freigabe - die Trümmer der Karambolage mussten entfernt werden - nicht sofort zu beschleunigen.

Als Führender durfte der finnische Mercedes-Pilot den Zeitpunkt bestimmen, ab dem das Rennen wieder scharf wurde - und er taktierte auf der sehr langen Start-Ziel-Geraden. Um den Konkurrenten nicht den perfekten Windschatten zum Überholen zu bieten. Im hinteren Feld staute es sich, die Fahrer wurden ungeduldig, und es kam zu einem heftigen Crash.

Ein folgenreicher Auffahrunfall mit weit über 200 Kilometern pro Stunde. Gleich vier Autos wurden dabei zerstört - Nicholas Latifi, Kevin Magnussen, Antonio Giovinazzi und Carlos Sainz konnten nicht weiterfahren. Das Rennen wurde sofort unterbrochen, die Autos parkten während der Aufräumarbeiten in der Boxengasse.

"Es ist wie auf der Autobahn"

Sebastian Vettel, wegen seines frühen Boxenbesuchs in Folge des Verstappen-Crashs zu diesem Zeitpunkt Letzter, konnte das Chaos von hinten beobachten und weiträumig umfahren. Dennoch hatte der Ferrari-Pilot kein Verständnis für die Aktion des Finnen: "Es ist einfach unnötig. Als Spitzenreiter muss man sich über solche Dinge im Klaren sein", sagte Vettel über Bottas, der für ihn das Feld ohne Grund einbremste: "Wenn man warten will, sollte man lange warten und dann Gas geben, aber kein Stop-and-Go machen. Es ist wie auf der Autobahn. Fünf, zehn Fahrzeuge hinter einem gibt es dann höchstwahrscheinlich einen Unfall. Zum Glück sind alle unverletzt geblieben."

Nico Hülkenberg, "RTL"-Experte und derzeit auf der Suche nach einem Formel-1-Cockpit für die kommende Saison, sah die Schuld für den Massencrash derweil nicht unbedingt bei Bottas. "Das ist unglücklich gelaufen", sagte er gegenüber der "ntv"-Redaktion.

"Es nicht der klassische Re-Start den er da gemacht hat. Aber strategisch aus seiner Sicht sehr clever. Er kann und darf das so machen. Die Kollegen hinten waren ein wenig blind, ungeduldig und ungestüm. Das hat zu der Karambolage geführt. Das ist unglücklich, aber Racing." Vermeiden könne man so etwas indes nicht. "Es hat sich einfach zugespitzt. Die Strecke hilft dabei auch nicht wirklich. Es geht bergauf, es ist ein bisschen blind und unübersichtlich."

"Es ist kein tolles Gefühl ..."

Romain Grosjean sah das indes völlig anders. Über den Boxenfunk schimpfte der Haas-Pilot: "Das war verdammt dumm von wem auch immer, der da vorne war. Wollt ihr uns alle umbringen oder was? Das ist die schlimmste Aktion, die ich je gesehen habe." Die Bilder aus seiner Onboard-Kamera zeigen die ganze Dramatik des Unfalls, bei dem der Alfa Romeo von Giovinazzi von Sainz' McLaren hochgedrückt wurde. "Ich war bereits wieder voll auf Gas und konnte nicht mehr ausweichen", erklärte der 26-Jährige. "Es ist kein tolles Gefühl, wenn man mit 280 km/h unterwegs ist und plötzlich auf ein anderes Auto zuschießt. Das hätte auch anders ausgehen können."

Bottas selbst verstand den Ärger nicht. Was passiert ist, sei "in keiner Weise" seine Schuld. "Die Jungs die hinten gercrasht sind, können in den Spiegel gucken. Es besteht kein Grund, darüber zu jammern", sagte der Finne nach dem Rennen. Er sei zwar spät losgefahren, habe aber zuvor sein Tempo konstant gehalten.

Außerdem fange man auch erst ab der Kontrolllinie wieder an, Rennen zu fahren - "und nicht davor." Schuld an dem Chaos sei also nicht er, sondern neue Regularien, aufgrund derer das Safety-Car das Fahrerfeld erst sehr spät verlasse und so dem Führenden anders als früher nur noch wenig Raum für die taktische Wahl des Re-Starts gebe. Den schon während des Rennens geäußerten Vorwurf bekräftigte er im Anschluss: "Vielleicht ist es Zeit, darüber nachzudenken, ob es richtig und sicher ist, das so zu machen."

Das Rennen, das später nach einem heftigen Einschlag von Racing-Point-Fahrer Lance Stroll ein zweites Mal unterbrochen werden musste, gewann übrigens Mercedes-Star Lewis Hamilton. Zweiter wurde Bottas vor Alex Albon. Der junge Red-Bull-Fahrer fuhr damit sein bisher bestes Formel-1-Ergebnis ein.

Tobias Nordmann

© n-tv
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