Anzeige

23-Jähriger verliert US-Open-Endspiel nach 2:0-Satzführung

Zverev nach Final-Pleite: "Werde eines Tages gewinnen"

14.09.2020 08:14
Alexander Zverev (r.) unterlag im Finale von New York
© Frank Franklin II
Alexander Zverev (r.) unterlag im Finale von New York

Nach der Niederlage im nervenaufreibenden US-Open-Finale und dem geplatzten Traum vom ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere kamen Alexander Zverev die Tränen.

Als der 23-Jährige nach dem anfangs skurrilen und am Ende spektakulären und hochklassigen Fünf-Satz-Krimi bei der Siegerehrung an seine Eltern zu Hause in Monte Carlo dachte, stockte ihm die Stimme. "Es sind einige wichtige Leute, die heute fehlen. Ich möchte meinen Eltern danken", sagte Zverev, ehe er anfing zu weinen. Sein Vater und seine Mutter waren positiv auf Corona getestet worden und hatten die Reise nach New York deshalb nicht wie sonst üblich mitgemacht.

Trotz einer 2:0-Satzführung musste sich Zverev in New York seinem österreichischen Kumpel Dominic Thiem nach 4:01 Stunden 6:2, 6:4, 4:6, 3:6, 6:7 (6:8) geschlagen geben. "Ich war super nah dran, Grand-Slam-Champion zu sein. Ich war ein paar Spiele, vielleicht ein paar Punkte weg", sagte Zverev, als er mehr als zwei Stunden nach dem Matchball zur Video-Pressekonferenz erschien. "Ich hatte im fünften Satz viele Chancen und habe sie nicht genutzt. Aber ich bin 23 Jahre alt, ich denke nicht, dass es meine letzte Chance war. Ich glaube, dass ich eines Tages einen Grand Slam gewinnen werde", sagte Zverev.

Für den 27 Jahre alten Thiem war es im vierten Anlauf der erste Grand-Slam-Sieg. Er ist der erste Spieler seit 16 Jahren, der in einem Grand-Slam-Endspiel nach einem 0:2-Satzrückstand noch den Titel holte. Im Tiebreak nutzte der von Krämpfen geplagte Österreicher seinen dritten Matchball.

"Ich wünschte, es könnte heute zwei Sieger geben", sagte Thiem. Doch Zverev vergab trotz eines herausragenden Starts und enormer Kämpferqualitäten die große Chance auf den ersten deutschen Titel bei einem der vier wichtigsten Turniere seit Boris Becker 1996 bei den Australian Open. Lange Zeit war es kein hochklassiges Finale, zum Ende hin wurde das Geschehen dramatisch.

Becker: "Habe sowas noch nie gesehen"

"Ich habe schon Tausende Matches gesehen. Aber sowas noch nie", sagte Becker im TV-Sender "Eurosport". Deutschlands Tennis-Legende hob nach dem packenden Finale die Willensleistung des österreichischen Siegers hervor: "Beide haben es verdient zu gewinnen, keiner hatte es verdient, das Spiel zu verlieren. Im Tennis gibt es kein Unentschieden. Dominic Thiem hat sich aus einer scheinbar unmöglichen Situation befreit", sagte der TV-Experte nannte den 27-Jährigen in Anlehnung an den weltberühmten Zauber- und Entfesselungskünstler Harry Houdini den "Houdini des Tennissports".

"2:0 Sätze hinten, Break hinten, Zverev serviert bei 5:3 im fünften Satz zum Match. Und irgendwie schafft es der Österreicher dieses Match nicht zu verlieren. Den Mut nicht zu verlieren", lobte Becker und betonte: "Solche Geschichten schreibt nur der Sport, nur der Tennissport. Zwei Gladiatoren haben heute alles gegeben, und mehr."

Nachdem Thiem den Satzausgleich geschafft hatte, ging er im entscheidenden fünften Durchgang mit einem Break in Führung. Doch Zverev zeigte wie so oft ein großes Kämpferherz und nahm Thiem postwendend ebenfalls den Aufschlag ab.

Lautstark pushte sich die deutsche Nummer eins nach vorne und ging wieder in Führung. Zum 5:3 schaffte er das Break, kassierte aber sofort wieder das Re-Break zum 5:4 - anstatt bei eigenem Aufschlag zum 6:3 und zum Titelgewinn zu vollenden. Es ging schließlich in den Tiebreak. Beide Spieler hatten mit Krämpfen zu kämpfen. Beim dritten Matchball landete eine Rückhand von Zverev im Aus.

Thiem erfüllt sich seinen Grand-Slam-Traum

Am Ende der mehrstündigen Achterbahn-Fahrt ließ sich Thiem rücklings auf den blauen Hartplatz fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Zverev ging auf die andere Seite des Netzes, gratulierte seinem Kontrahenten fair und umarmte ihn nicht ganz Corona-kompatibel.

Wegen der Pandemie waren die sonst obligatorischen Handschläge am Netz nach den Matches verboten, stattdessen klopften die Spielerinnen und Spieler ihre Tennisschläger aneinander. Zverev aber ging nach der Fünf-Satz-Niederlage in New York auf die andere Seite des Platzes und nahm seinen Kumpel in den Arm.

"Nun, wir sind wirklich sehr gute Freunde. Wir haben eine langjährige Freundschaft und Rivalität. Ich glaube, wir sind beide vielleicht 14 Mal negativ getestet worden. Wir wollten einfach diesen Moment teilen", sagte der neue US-Open-Champion Thiem. "Ich denke, dass wir niemanden in Gefahr gebracht haben und dass das von daher in Ordnung war."

Thiem ist der erste Grand-Slam-Champion seit dem Schweizer Stan Wawrinka bei den US Open 2016, der nicht Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Roger Federer heißt. Nadal und Federer hatten in diesem Jahr auf einen Start in Flushing Meadows verzichtet, Djokovic war im Achtelfinale disqualifiziert worden, weil er eine Linienrichterin im Frust mit dem Ball abgeschossen hatte. Damit war der Weg frei für einen Sieger außerhalb der Großen Drei. Zverev vergab die große Gelegenheit, während Thiem sich seinen großen Traum endlich erfüllte. Im zehnten Duell der Beiden war es Zverevs achte Niederlage.

Dabei war er nach einem Traumstart mit 2:0 in Führung gegangen. "Da habe ich teilweise grottenschlecht gespielt", sagte Thiem über seine Nervosität zu Beginn der Partie. Doch nur noch einen Satz vom großen Traum entfernt, wurde Zverev nun immer nervöser. Aggressivität und Selbstverständlichkeit gingen verloren, die Fehlerquote stieg. Thiem profitierte und holte sich Satz drei und vier. Beide Spieler steigerten sich jetzt deutlich und lieferten sich einen packenden Schlagabtausch - mit dem besseren Ende für Thiem.

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige