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Zwischen Genie und Leichtsinn

Das (zu) riskante Spiel des Julian Brandt

08.09.2020 20:56

Julian Brandt gehört zu den talentiertesten Fußballern in Deutschland. Doch so spektakulär sein Spiel ist, so riskant ist es auch. Und an nicht so guten Tagen bisweilen auch spielentscheidend gefährlich. In der Nationalmannschaft ist ein Kollege deswegen nun richtig sauer auf den BVB-Star.

Klar, es hätte auch klappen können. Dafür hätten aber zwei Dinge passieren müssen: Julian Brandt hätte seinen Pass auf Timo Werner deutlich schärfer und präziser spielen müssen. Und Brandts Dortmunder Teamkollege Manuel Akanji hätte das Zuspiel mächtig unterschätzen müssen.

Weil der Pass aber Laissez-faire in laissez-fairigster Ausführung war und weil Akanji in der 57. Minute des Nations-League-Duells zwischen der Schweiz und Deutschland einfach das tat, was ein guter Innenverteidiger tut, klappte es nicht mit dem Zuspiel von Brandt auf Werner.

Ein riskanter Versuch, schlecht ausgeführt zwar, aber so kennt man ihn, den Julian Brandt.

Das Risiko, es ist das Spiel, das der 24-Jährige liebt. Das ihn in Kombination mit seiner Spielintelligenz und seiner herausragenden Technik zu einem Hochbegabten macht.

Blöd nur: Das Risiko, das Brandt so liebt, ist groß. Oft auch zu groß. Ein Balanceakt zwischen glanzvollen Wow- und frustrierenden Oh-Momenten.

"Wenn es gelingt, ist es top. Dann sagen die Leute: 'Super, der traut sich was!' Geht es aber schief, fängst du dir im schlimmsten Fall einen", sagte Brandt selbst Mitte August in einem Interview mit dem "kicker".

Gündogan-Kritik: "Das geht mir ein bisschen auf den Sack"

Und einen gefangen, den haben sich die Deutschen gegen die Schweiz nach Brandts durchschaubarer Lässigkeit. Silvan Widmer vollendete, was Brandt eingeleitet hatte - 1:1, wieder kein Sieg in der Nations League.

"Insgesamt ist das sehr ärgerlich, das geht mir auch ein bisschen auf den Sack", schimpfte Ilkay Gündogan nach dem enttäuschenden Spiel und Remis in Basel. "Es hat komplett an uns selbst gelegen", sagte er im "ZDF". "Ich bin auch ein bisschen angepisst."

Angepisst vor allem von Brandts Aktion. Ohne den Namen des BVB-Spielmachers zu nennen, ärgerte er sich: "Wenn du den Ball vorne hast, dann musst du ihn auch behaupten", sagte er. So aber "schwimmst du die letzten zehn, 20 Minuten und hast noch Glück, dass du mit einem Punkt rausgehst".

Nun, an dem Fehlpass allein lag es nicht, dass sich Deutschland in diesem neuen Wettbewerb auf die Größe Andorras schrumpft. Aber als spielmitentscheidende Szene taugt Brandts Laissez-faire-Risiko allemal.

"Dieses Spiel hat mich hierhin geführt"

Brandt selbst weiß um die Gefahren, die sein geliebtes Spiel mit sich bringt. Anpassen möchte er sich und seine Art mit dem Fußball umzugehen allerdings nicht.

"Ich war nie der Typ, der im Mittelfeld den Ball annimmt und ihn wenige Meter quer zum Mitspieler schiebt. Klar, das könnte ich auch so spielen, aber das wäre dann nicht ich", hatte er dem "kicker" gesagt: "Ich liebe es seit meiner Kindheit, ins Risiko zu gehen, den Ball durch enge Korridore zu spielen oder mich im Eins-gegen-eins durchzusetzen." Dieses Spiel, so sagt er, "hat mich hierhin geführt. Es hat also ganz gut funktioniert".

In Dortmund - zur Borussia wechselte der international Umworbene im Sommer 2019 - hatten sie ihn eben auch wegen seiner Spielweise von Bayer Leverkusen verpflichtet. Für den fast schnäppchenartigen Preis von 25 Millionen Euro (seinerzeit festgeschriebene Ablöse).

BVB: Watzke kennt und schätzt Brandts Spielweise

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ist sogar der Überzeugung, mit Brandt ein kleines Genie im Kader zu haben, "das von vielen Zuschauern zu sehr an seinen genialen Momenten gemessen wird", wie er der "Süddeutschen Zeitung" Ende Mai sagte.

Niemand sei aber nur genial. "Julian macht auch außergewöhnliche Fehler, weil man Außergewöhnliches nur spielen kann, wenn man für Ideen oder Pässe eben auch Risiken eingeht."

Mit Lucien Favre (im Klub) und Joachim Löw (in der Nationalmannschaft) wird Brandt indes von zwei Trainern angeleitet, denen die Kontrolle (das Hemd) deutlich näher ist als das Unberechenbare (die Hose). Einen Freigeist, manchmal auch einen zweiten, den gestatten sich beide Trainer. Selten gestatten sie diese Rolle aber Brandt.

Rollen für die Freigeister schon besetzt

In Dortmund ist es zumeist der spektakuläre Jadon Sancho, der sich austoben darf. Im DFB-Team ist es eher Bayern Münchens Neuzugang Leroy Sané.

Dabei ist die Rolle des freien Radikalen eigentlich Brandts liebste. Schnelle Dribblings, riskante Pässe, überraschende Abschlüsse - bekommt Brandt, dem im Spiel nach hinten indes auch ein gewisses Phlegma anhängt, offensiv seine Freiheiten, bekommt das Team überragende Leistungen. Häufig, aber längst nicht immer konstant. Gerade auch dann nicht, wenn seine Gegenspieler ihm mit körperlicher Härte begegnen.

"Ich bin reflektiert genug, um zu erkennen, dass in der Nationalelf für mich noch viel, viel mehr geht", sagte Brandt dem "kicker" zuletzt. "Es waren einige gute und auch ein paar sehr gute Spiele von mir dabei in der Vergangenheit. Aber eben auch einige, in denen ich nachher nicht mit mir zufrieden war. Ich bin sicher, dass ich noch einen großen Sprung machen kann, aber dafür werde ich weiter an mir arbeiten müssen." Und sich immer mehr starker Konkurrenz erwehren.

BVB und DFB-Team: Kein Stammplatz für Julian Brandt?

Denn auf all den Positionen, auf denen sich der Allrounder Brandt wohlfühlt, tummeln sich zuverlässige oder spektakuläre Experten: Thorgan Hazard (Linksaußen), Marco Reus, Giovanni Reyna (offensives Mittelfeld) oder aber Axel Witsel und Top-Talent Jude Bellingham (zentrales Mittelfeld) beim BVB.

Und Leroy Sané (Linksaußen), Kai Havertz (offensives Mittelfeld) oder aber Ilkay Gündogan, Toni Kroos und Leon Goretzka in der Nationalmannschaft. Ein Stammplatz für Brandt - alles andere als eine sichere Sache für den Hochbegabten.

Brandt selbst sieht sich nicht als stiller Mitläufer. "Ich mache schon mal mein Maul auf und sage meine Meinung. Je älter du wirst, umso mehr Verantwortung musst du auch übernehmen", sagte er gerade erst im Trainingslager des BVB in Bad Ragaz. Dazu gehört indes auch, dass eigene Risiko besser abzuwägen.

Tobias Nordmann

© n-tv
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