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Spektakuläres Comeback weil er "die Kohle braucht"?

Warum Mike Tyson wieder boxen muss

24.07.2020 15:08
Mike Tyson kehrt in den Box-Ring zurück
© unknown
Mike Tyson kehrt in den Box-Ring zurück

Überraschend ist die Nachricht nicht, eine Sensation ist sie trotzdem: Der legendäre Mike Tyson kehrt 15 Jahre nach seinem letzten Boxkampf in den Ring zurück. Der sportliche Wert des Duells mit Roy Jones ist umstritten. Hinter dem Show-Duell stecken offenbar erneut große Geldnöte.

Mike Tyson tut alles dafür, um der Welt zu zeigen, dass er wieder da ist. Nicht der irre Typ, der am Leben scheitert, sondern der Boxer, der seine Gegner verwüstete wie eine nicht zu bändigende Naturgewalt.

Das legendäre Pendeln im Oberkörper, die maximale Beweglichkeit im Rumpf, die schnellen, donnernden, aggressiven Schlagkombinationen. Das ist nicht nur der Tyson, der zwischen 1985 und 2005 zur Sensation zu wurde, das ist auch der Tyson, der nun am 12. September sein Comeback gibt. In Los Angeles gegen Roy Jones Jr., ebenfalls eine Legende. Einer, der zu seiner erfolgreichsten Zeit als technisch brillantester Boxer galt.

Es wird ein Showkampf. Acht Runden. Keine Überraschung, aber dennoch eine Sensation.

Mike Tyson polarisiert: "Der schrillste Mensch auf diesem Planeten"

Tyson lässt niemanden kalt. Entweder man liebt ihn oder man fühlt das Gegenteil. Wo immer der Name dieses Mannes aufleuchtet, der keinen Skandal ausgelassen und 400 Millionen Euro verprasst hat, sind die Menschen "sensibilisiert", wie es unser Box-Experte Andreas von Thien nennt. "Er ist der vielleicht schrillste Mensch auf diesem Planeten, natürlich schlägt die Nachricht voll ein."

Ganz egal, was die beiden alten Männer - Tyson ist 54, sein Gegner drei Jahre jünger - in gut sieben Wochen im Ring veranstalten: Dass es dabei mehr ums Legendäre, als ums sportlich Außergewöhnliche geht, da ist sich von Thien sicher. "Zwei, drei, vielleicht sogar vier Runden wird er richtig Alarm machen, aber dann, dann wird es eng für ihn." Und das nicht nur wegen des Alters, das eben immer seinen Tribut fordert.

Tribut gefordert hat auch das Leben von Tyson. "Er war ja jetzt nicht der Typ Buchhalter, sondern eher auf drei Überholspuren gleichzeitig unterwegs", sagt von Thien, der die Karriere des US-Amerikaners verfolgt und ihn mehrmals persönlich erlebt hat.

Mike Tyson "braucht die Kohle"

Tyson, so erzählt er, ist ein Typ der totalen Extreme. Ein Typ zwischen völlig irre und netter Familienmensch. Ein Typ zwischen Größenwahn und Gutmensch. Ein Biest im Ring, ein Gescheiterter im Leben.

Zu Hause hielt er sich einst einen Tiger als Haustier, auf der Straße schenkte er einem Bettler eine Goldkette. "Mit Geld konnte er nicht umgehen", so von Thien.

Und auch wenn die Box-Legende ihm bei einem Treffen vor sieben Jahren einen geläuterten Eindruck machte, er den Dreck der Vergangenheit, die Drogen, die Sexsucht, die Haft, hinter sich wähnte, hatte er eins noch immer nicht gelernt: das mit dem Geld. "Er braucht die Kohle." Auch deswegen das Comeback.

"Das Maximum wird rausgepresst"

"Ich hatte erwartet, dass er nochmal gegen Evander Holyfield kämpft", sagt von Thien. Also gegen jenen Gegner, dessen Ohr Tyson einst anbiss - was ihm übrigens nicht sehr gut schmeckte.

Nun wird's aber eben Jones. Auch keine schlechte Wahl, zumal auch der Knockout-Gigant Geld derzeit gut gebrauchen kann. "Das ist natürlich ein auch geiler Typ, einer der ganz Großen des Boxens."

In vier Gewichtsklassen war Jones Weltmeister. "Dieses Duell ist nun eine Geschichte, die sich überragend vermarkten lässt. Da wird jetzt die ganz große Geldmaschine angeworfen", sagt unser Experte. "Da wird das Maximum aus diesem Kampf rausgepresst."

Begleitet wird der Weg zum Kampf durch eine Doku - der ganz normale amerikanische Wahnsinn. "Tyson verkauft seinen Namen, mehr hat er nicht."

Kritik an Tyson-Comeback: "Schmierige, Geld abgreifende Zirkusvorstellung"

Den Machern dieses Spektakels geht es wohl tatsächlich vor allem darum, richtig Kasse zu machen - was heftige Kritik laut werden lässt. "Ihr Comeback ist eine schmierige, Geld abgreifende Zirkusvorstellung", schimpfte der Box-Experte Nick Parkinson bei "ESPN".

Bei allem Tadel der Puristen, die um das ohnehin beschädigte Image der Sportart fürchten, könnte die Rechnung der Organisatoren aufgehen.

Dafür schwor Tyson übrigens auch seiner eigenen Überzeugung ab. Nie wieder wollte er boxen, nicht einmal mehr Boxhandschuhe anfassen, sagte er von Thien vor sieben Jahren. Keine Bewegungen für die Kamera. Tyson und sein Sport - die Legende hatte eine unsichtbare Mauer eingezogen. Womöglich auch als Schutz vor sich selbst.

Tysons Kniff mit dem künstlichen Penis

Der Sport hatte Tyson zwar aus der Gosse geholt, ihn aber auch vernichtet. Bei mehreren Kämpfen stand er unter Drogen. Um nicht aufzufliegen, hatte er einen künstlichen Penis dabei, mit sauberem Urin. "Den hat er dann bei der Dopingprobe entleert, das ist völlig irre", erzählt von Thien.

Die Mauer zwischen sich und dem Boxen hat Tyson eingerissen. Er kämpft wieder. Für die Show. Für das Geld. Aber auch für sich. Es ist ein Spagat zwischen Ikone und Irrsinn.

Tyson, der seine Gegner mit Blicken, mit Worten und mit Schlägen vernichtete, kratzt gefährlich an seiner Legende. Er kratzt, weil er es muss.

Tobias Nordmann

© n-tv
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