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"Lerneffekt muss eintreten"

Warum der BVB die Geduld mit Jadon Sancho verliert

02.07.2020 06:16
Jadon Sancho steht beim BVB in der Kritik
© Tim Groothuis
Jadon Sancho steht beim BVB in der Kritik

Jadon Sancho ist ein fußballerisches Supertalent, dessen Dienste Borussia Dortmund gern noch länger behalten möchte. Der 20-Jährige agiert aber auch ein schwererziehbarer Halbstarker, der sich immer wieder Ärger einhandelt. Das Team ist unzufrieden - und macht das lautstark deutlich.

17 Tore und 17 Vorlagen in 32 Bundesliga-Spielen sprechen für sich: Jadon Sancho ist ein immens wichtiger Akteur bei Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund. Nur Robert Lewandowski und Timo Werner waren für ihre Klubs noch erfolgreicher. Sportlich führte für Trainer Lucien Favre in der gerade zu Ende gegangenen Saison kein Weg daran vorbei, ihn als Stammspieler einzusetzen. Insgesamt spielte er 2290 Minuten für Schwarz-Gelb in der Liga, hinzu kamen acht Champions-League-Partien und die drei DFB-Pokal-Spiele, die der BVB lediglich absolvieren konnte.

Nicht weiter verwunderlich also, dass die Dortmunder den Engländer gern weiter beschäftigen möchten. Sein Vertrag läuft noch bis 2022. Da der BVB angeblich eine dreistellige Millionen-Ablöse fordert, ist ein schneller Verkauf derzeit unwahrscheinlich. Die Gerüchte um einen Wechsel des 20-Jährigen aber halten sich hartnäckig, deswegen will der BVB endlich Klarheit. Laut "WAZ" haben die Verantwortlichen ihm eine Frist gesetzt, sie wollen spätestens zum Saisonbeginn im September Planungssicherheit haben. Wenn das Transferfenster im Oktober wieder öffnet, soll also Sancho bereits kein Thema mehr sein.

"Er sollte keine Sonderrechte haben"

Sportlich zumindest nicht. Abseits des Platzes dürfte der Offensivmann dagegen weiterhin für Schlagzeilen sorgen - wenn denn kein plötzlicher Sinneswandel eintritt. Auf dem Rasen überzeugte er mit Spielübersicht, Brillanz und Kaltschnäuzigkeit - daneben aber gibt er den schwererziehbaren Halbstarken. Immer häufiger muss er sich öffentliche Kritik von seinen Teamkollegen gefallen lassen. Nun beklagte sich Torhüter Roman Bürki via "Bild"-Zeitung über seinen Mitspieler: "Er sollte keine Sonderrechte haben. Spieler in seinem Alter lernen das nur, wenn wir ihnen gemeinsam Grenzen aufzeigen."

Gemeint war die Friseur-Eskapade von Sancho. Gemeinsam mit Manuel Akanji hatte sich während der Corona-Pause ohne Mund-Nasen-Schutz die Haare schneiden lassen. Er verstieß damit nicht nur gegen die Hygiene-Auflagen der DFL, sondern dokumentierte das auch noch in den Sozialen Netzwerken. Die Folge: eine 10.000-Euro-Strafe der DFL. Mitnichten war damit alles vorbei, vielmehr kommentierte Sancho das äußerst uneinsichtig: "Ein absoluter Witz, DFL." Für viele unnötig und albern. Auch für die Mitspieler.

Neben Bürki hatte auch Emre Can die Nase voll: "Bei solchen Sachen muss er einfach schlauer sein, erwachsener sein, erwachsener werden. Solche Fehler darf er sich in Zukunft nicht mehr leisten, wir sind als Mannschaft da auch verantwortlich." Das Alter des Engländers will Bürki nicht als Ausrede gelten lassen: "Man kann nicht immer sagen: 'Er ist noch jung, er ist noch jung ...' Der Lerneffekt muss irgendwann eintreten!", forderte der Schweizer. "Es gibt in einer Mannschaft Regeln. Und wer sich nicht daran hält, der wird sportlich bestraft. Das tut Spielern übrigens deutlich mehr weh, als wenn man ihnen eine Geldstrafe aufbrummt."

Zuvor hatte bereits Axel Witsel gegenüber "Sport1" gesagt: "Jadon ist ein guter, positiver Junge. Er liebt es, an Grenzen zu gehen, als Spieler und auch als Typ. Wir alle mögen ihn, auch wenn wir ihn manchmal an unsere Regeln erinnern müssen." Sportlich sei sein Wert allerdings unumstritten.

"Ein großartiger Trainer"

Alles andere als unumstritten ist dagegen der Trainer - zumindest wirkt das so. Favre war nach der Topspielpleite gegen den FC Bayern heftig in die Kritik geraten, ihm war vorgeworfen worden, kein Meister-Trainer sein zu können. Innerhalb des Klubs aber bekam er immer Rückendeckung. So auch von seinen Spielern. Can sagte, er könne das Gemeckere nicht verstehen: "Wenn man die Punkteausbeute in der Rückrunde sieht, da haben wir bis auf zwei Spiele immer gepunktet. Er ist ein großartiger Trainer, der zu 100 Prozent zum BVB passt und ich hoffe, dass ich noch mehrere Jahre mit ihm hier arbeiten kann."

Genauso argumentierte auch Bürki: "Ich kann nicht nachvollziehen, wie man einen Trainer infrage stellen kann, der den Vereins-Punkterekord pro Spiel aufstellt. Ich habe überhaupt keine Zweifel am Trainer." Für ihn ist klar, wo der Fehler liegt: in den ewigen Vergleichen mit Jürgen Klopp. "Du kannst einem Trainer keine faire Chance geben, wenn jedes Mal von einem anderen geredet wird", sagte er der "Bild". Und nochmal: Der Trainer, den wir jetzt haben, hat den Punkterekord beim BVB aufgestellt - nicht Jürgen Klopp!"

Eben jener Klopp, der ebenfalls etwas zu Sancho zu sagen hat: Einen Transfer des bockigen Jungstars zum FC Liverpool im Sommer schließt er aus. Er sei ein "hochinteressanter Spieler", so Klopp. Aber "das ist einfach eine unsichere Zeit." Bedeutet: Für den BVB gibt es höchstwahrscheinlich Planungssicherheit - wären da nicht die Eskapaden.

Anja Rau

© n-tv
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