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Exodus im Frauenhandball: Die Besten wandern nach Ungarn ab

01.07.2020 13:10
Alicia Stolle und Emily Bölk wechseln nach Ungarn
© Jerko Grubisic via www.imago-images.de
Alicia Stolle und Emily Bölk wechseln nach Ungarn

Exodus in der Frauen-Bundesliga: Gleich fünf Nationalspielerinnen wechseln als künftig hochbezahlte Profis nach Ungarn. Der Stellenwert des deutschen Frauenhandballs kann mit den finanziellen Standards in Nord- und Osteuropa längst nicht mehr mithalten.

"Szia" statt "Hallo" und "Kezilabda" statt "Handball" - gleich fünf deutsche Nationalspielerinnen wechseln in diesem Sommer aus der Bundesliga nach Ungarn. Die beiden Torhüterinnen Dinah Eckerle und Ann-Cathrin Giegerich, Kreisläuferin Julia Behnke sowie die Rückraum-Asse Emily Bölk und Alicia Stolle tauschen ein Nischendasein in Deutschland gegen den Alltag hochbezahlter Profis.

Sehr zur Freude von Bundestrainer Henk Groener, seit seinem Amtsantritt 2018 ermuntert dieser seine Spielerinnen, zu europäischen Topklubs zu wechseln. "Nur Profis können Medaillen gewinnen", sagte Groener dem "SID": "Seinen Stellenwert kann man nur durch gute Leistungen erhöhen." Dafür braucht man professionelle Bedingungen, die es im deutschen Frauenhandball kaum gibt - ein Dilemma in Dauerschleife.

Groeners Vorgänger Michael Biegler, mittlerweile Chefcoach bei Bayer Leverkusen, findet es deshalb "lobenswert", dass nun viele Spielerinnen ins Ausland gehen, denn "so eine Chance erhält man durch Leistung, und wir reden ja vom Leistungssport". Problematisch sei es nur, dass sich das Thema Wechsel ins Ausland "nicht mehr überhören lässt und sich alle angesprochen fühlen".

"Es gibt nicht nur Männerhandball"

Zumeist vergeblich versuchen die deutschen Vereine, finanziell Schritt zu halten, aber lediglich Borussia Dortmund (Kelly Dulfer) und der zweimalige Meister SG BBM Bietigheim (Stine Jörgensen, Xenia Smits) haben internationale Hochkaräter im Kader. Der siebenmalige Champion Thüringer HC muss dagegen passen.

"Wir hatten nicht den Hauch einer Chance", sagt THC-Trainer Herbert Müller über den Wechsel von Bölk und Stolle zum ungarischen Spitzenclub FTC-Rail Cargo Hungaria. Die finanziellen Mittel der ungarischen Vereine nennt Müller "utopisch".

Laut Biegler müssen sich der Deutsche Handballbund (DHB) und die Handball Bundesliga Frauen (HBF) deshalb nach der Corona-Krise "breiter aufstellen, um die Sportart in Gänze zu erhalten. Es geht um den gesamten Handball, und davon stellt der Frauenhandball einen Teil dar, es gibt nicht nur Männerhandball." Die Spielerinnen seien "förderungswürdig angesichts dessen, was sie auch neben dem Handball leisten".

Groener fordert jedenfalls, dass sich die Nationalspielerinnen ausschließlich auf Handball konzentrieren können, was im Ausland problemlos möglich ist. "Der Stellenwert ist ein ganz anderer, man wird als Sportler ganz anders wahrgenommen", sagt die langjährige Nationaltorhüterin Clara Woltering, die mit Buducnost Podgorica/Montenegro zweimal die Champions League gewann.

Bölk träumt von Champions-League-Finale

Hochprofessionelle Bedingungen wie eigene Sporthallen, hauptamtliche Trainer und Physiotherapeuten bieten "mehr Möglichkeiten, den Sport intensiv auszuüben", sagt Woltering. Fünfmal pro Jahr sei sie mit Podgorica im Trainingslager gewesen, "man kann trainieren, wann immer man will". Undenkbar in Deutschland, wo eine Bundesligaspielerin nicht selten gefragt wird: Und was machst du beruflich?

Emily Bölk schwärmt jedenfalls von ihren ersten Eindrücken in Budapest: "Eine eigene Arena, eigene Umkleide, eigenes Fitnessstudio, alles in einem Trainingsareal." Konträrer könnten die Gegensätze nicht sein, bislang trainierte sie sowohl beim Buxtehuder SV als auch beim Thüringer HC in Schulturnhallen.

Bölk will mit Budapest "alles gewinnen, das mittelfristige Ziel ist die Teilnahme am Champions-League-Finale". Das findet übrigens, wie könnte es anders sein, seit einigen Jahren in Budapest statt. Vor 11.000 Zuschauern.

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