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Drei große Thesen zum Start in die neue Formel-1-Saison

F1-Thesen: "Frage ist nur, wer am meisten Mist baut"

03.07.2020 12:40
Was ist für Sebastian Vettel in der Formel-1-Saison 2020 drin?
© unknown
Was ist für Sebastian Vettel in der Formel-1-Saison 2020 drin?

Mit knapp viermonatiger Verspätung startet die Königsklasse des Motorsports endlich in ihre Saison 2020. Die Formel 1 macht Station in Österreich, wo auf dem Red Bull Ring in Spielberg das erste Rennwochenende des Jahres ansteht. Nicht nur aufgrund des völlig durcheinander gewirbelten Rennkalenders erwartet uns ein ganz besonderes F1-Jahr. Was sind die heißesten Themen im anstehenden Formel-1-Jahr? So bewerten wir die wichtigsten Thesen vor dem ersten Rennstart am Sonntag:

These 1: Sebastian Vettel erlebt zum Abschluss das nächste Fiasko mit Ferrari. 

Chris Rohdenburg: Es war einmal ein junger Mann aus Heppenheim mit Namen Sebastian. Seit seinem Wechsel zu Ferrari im Jahr 2015 wurde er Rotkäppchen genannt. Eigentlich sollte Rotkäppchen seiner alten Dame, die Scuderia heißt, den ein oder anderen WM-Titel ins Körbchen legen. Doch der bemühte aber immer verzweifeltere Sebastian verlor sich in jedem Jahr aufs Neue im Wald der Fehlentscheidungen und Pannen, und auch die betagte Scuderia wies ihm ein ums andere Mal nicht den richtigen Weg.

Und dann war da ja auch noch der böse Wolf(f) und sein Hamilton. Die beiden ließen dem armen Sebastian kaum Luft zum Atmen. Und wenn ihr Motor nicht unerwartet abraucht, dann werden sie das wohl auch in der Saison 2020 tun. Das Märchen, von einem weiteren Deutschen als Weltmeister im Ferrari, wird wohl auch in diesem Jahr nicht glücklich enden. Daran hat aber nicht allein Rotkäppchen, sondern auch seine wirre "Großmutter" einen nicht zu unterschätzenden Anteil.

Mats-Yannick Roth: "Anständig zu Ende bringen!" Diese Zielsetzung hat sich Vettel selbst kurz vor dem Saisonstart auferlegt. Für den 33-Jährigen wird es darum gehen, noch einmal das ein oder andere Glanzlicht zu setzen. Um sich vielleicht doch noch für einen späten Wechsel zu Mercedes zu empfehlen, und um den Ferrari-Bossen den Spiegel vorzuhalten.

Zu verlieren hat Seb nicht mehr allzu viel, das wird ihn befreien. Ein Fiasko wird es auf eine ganze Saison gesehen nicht mehr geben. Oberstes Ziel muss es sein, den ein oder anderen Saisonsieg hinzubekommen. Möglich ist das - nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Christian Schenzel: Das hängt ganz davon ab, wie hoch man die Latte legt. Wer von Vettel den WM-Titel erwartet, sollte sich einfach wieder hinlegen. Wer glaubt, dass Vettel das Stallduell gegen Leclerc gewinnt, hat die Rechnung ohne Ferrari gemacht. Das Team - ja, sogar dieses Team - wird schon einen Weg finden, den Mann der Zukunft nicht schlecht aussehen zu lassen. Diese beiden Züge sind für Vettel also schon abgefahren. Und trotzdem gibt es Grund zur Hoffnung.

Mit Zündung der nächsthöheren Eskalationsstufe hat die Scuderia perfekte Voraussetzungen für eine katastrophale Saison geschaffen. Noch VOR dem ersten Rennen, wohlgemerkt (Hut ab dafür!). Vettel ist da schon fast in einer Luxussituation. Er hat nichts mehr zu verlieren, die Erwartungen an ihn sind so gering wie vielleicht noch nie in seiner Karriere.

Die richtige Mischung aus "Jetzt-erst-recht-" und "Sch***egal"-Einstellung, und es könnte seine beste Saison seit Langem werden. Hier ein Sieg, da eine Pole, das alles ist durchaus drin. Die letzten Jahre haben allerdings gezeigt, dass man besser nicht drauf wetten sollte.

These 2: Lewis Hamilton wird mit Rekord-Weltmeister Michael Schumacher gleichziehen.

Mats-Yannick Roth: Andersrum gefragt: Wer soll Hamilton dann ernsthaft aufhalten? Bis auf Teamkollege Valtteri Bottas, der zumindest mit den gleichen Waffen kämpft, mag sich so recht niemand aufdrängen. Verstappen, Leclerc und auch Vettel werden in der Lage sein, einzelne Rennwochenenden zu bestimmen.

Der Brite wird von Tag 1 an nur auf sein großes Ziel, den siebten Fahrertitel, hinarbeiten. Dieser Fokus auf das große Ganze macht den Unterschied.  

Christian Schenzel: Was denn sonst!? Ferrari hat sich (mal wieder) selbst ins Knie geschossen. Die Frage ist doch nur, wer am meisten Mist baut. Sebastian Vettel? Die Chefetage? Die Boxencrew? Die Strategen am Kommandostand? Kandidaten gibt es so viele, dass sich Hamilton um die Roten keine Sorgen machen muss.

Bleibt Red Bull. Bleibt Max Verstappen. Der Niederländer ist reif für den großen Coup. Er ist Hamiltons gefährlichster Gegner. Aber er sitzt nunmal nicht im Mercedes. Punkt. 

Theoretisch wäre da noch Valtteri Bottas, aber glaubt wirklich jemand, dass die Silberpfeile das zulassen würden?! Dass Hamilton den historischen "Schumi-Titel" an den Finnen verliert?! 

Chris Rohdenburg: Fragt man die Formel-1-Legenden, dann herrscht Einigkeit: Lewis Hamilton wird auch 2020 den WM-Titel einfahren. Das haben Ralf Schumacher, Damon Hill, Timo Glock und Nico Rosberg zuletzt in der "Sport Bild" getippt - und letztlich gibt es wenig, was man den Experten entgegenhalten könnte. Selbst der Faktor Glück, der in einer deutlich verkürzten Saison möglicherweise eine größere Rolle spielen könnte, sprach in den letzten Jahren eigentlich immer für Hamilton und die Silberpfeile.

Dass Mercedes erneut das beste Gesamtpaket bietet, wurde schon bei den Tests in Barcelona deutlich. Ferrari hat zudem viel zu viele interne Baustellen, Red Bull ist und bleibt eine Wundertüte mit einem starken Max Verstappen, der Hamilton an guten Tagen noch am ehesten Paroli bieten kann. Kurzum: Es spricht wenig dagegen, dass der amtierende Weltmeister Ende des Jahres den siebten WM-Titel einfährt und damit mit Schumi gleichzieht, den er ohnehin schon in den meisten anderen Kategorien überholt hat.

These 3: Die Formel 1 ist nur noch ein Auslaufmodell.

Christian Schenzel: Am Ende läuft es in der Formel 1 - wie in fast jeder anderen Sportart auch - auf einen einzigen Punkt hinaus: Geld. Wo genug Geld ist, brummt das Geschäft. Und an Kapital mangelt es der Königsklasse nicht. Wieso sollte sich das in Zukunft ändern? 

Klar, die Ungleichverteilung des Kapitals schadet der Konkurrenz. Aber nicht zuletzt der Fußball zeigt doch überdeutlich, dass es sich hierbei nicht um ein Problem handelt, das die Existenz des Sports bedroht. Die Fans schalten trotzdem ein, pilgern an die Strecken und in die Stadien - und werden es auch weiterhin tun. 

Die Formel 1 ist die größte, bedeutendste, schnellste und spektakulärste Rennserie der Welt. Diesen Status wird sie nie verlieren und daher auch nicht zu einem Auslaufmodell werden.

Chris Rohdenburg: In Deutschland? Jein! Vieles dürfte davon abhängen, wie es für Sebastian Vettel weitergeht. Verabschiedet er sich aus der Formel 1, dann dürfte es düster aussehen auf dem deutschen Markt. Zumal RTL erst kürzlich bekannt gegeben hat, dass die Rennen 2021 aus dem frei empfangbaren Fernsehen verschwinden werden.

Insgesamt gesehen versucht sich die Formel 1 derzeit mit einer Vielzahl an Regeländerungen, mit einer Ausgabenobergrenze und anderen Anpassungen wieder attraktiver zu machen. Ob das gelingt, wird die Zukunft zeigen. Am Ende bleibt die Formel 1 aber immer noch die reizvollste Rennsportklasse - gleichsam für Fans und Fahrer.

Mats-Yannick Roth: Ist sie das nicht schon längst? Tausende Reaktionen in den sozialen Medien, nachdem RTL sein Aus zum Jahresende verkündet hat, lassen diesen Schluss auf jeden Fall zu.

Zumindest hierzulande ist von der einstigen Motorsport-Begeisterung, die in den Neunziger- bis späten Nullerjahren herrschte, doch längst nichts mehr übrig. Sein Stammpublikum wird die Formel 1 in Deutschland wohl immer behalten - viel mehr ist aber nicht mehr drin. 

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