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War die Saison purer Stress für die Schiedsrichter?

VAR-Ärger, Geisterspiele: "Collinas Erben" ziehen ein Fazit

29.06.2020 18:36
Die Schiedsrichter hatten es in der abgelaufenen Bundesliga-Saison nicht leicht
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Die Schiedsrichter hatten es in der abgelaufenen Bundesliga-Saison nicht leicht

Für FC Bayern, BVB und Co. ist die Bundesliga-Saison vorbei. Doch nicht nur für die Fußball-Klubs war die Spielzeit aufreibend. Auch die Schiedsrichter haben kräftezehrende Monate hinter sich: Die Corona-Zwangspause und die Geisterspiele, davor die Diskussionen über das schärfere Vorgehen gegen Unsportlichkeiten, die Spielunterbrechungen wegen Schmähungen gegen einen Funktionär sowie die Dauerthemen Handspiel und VAR. Für das Meistern dieser Schwierigkeiten gebührt ihnen viel mehr Lob, als die Öffentlichkeit ihnen zuzusprechen bereit ist, analysieren "Collinas Erben" in ihrem Saisonfazit:

Nicht zuletzt die Unparteiischen werden einmal tief durchgeatmet haben, als am Samstagnachmittag der letzte Bundesliga-Spieltag dieser Saison beendet war. Denn eine schwierigere Spielzeit dürfte es für sie noch nicht gegeben haben. Das bezieht sich weniger auf ihre Entscheidungen auf dem Feld als vielmehr auf Geschehnisse und Entwicklungen, die nur am Rande etwas mit dem Fußballsport selbst zu tun hatten: Die Schiedsrichter mussten plötzlich auf Schmähungen gegenüber einem Funktionär reagieren; zudem sollten sie strenger gegen unsportliches Verhalten auf dem Platz vorgehen – was eine Reaktion auf die Gewalt gegen ihre Kollegen im Amateurbereich war.

Darüber hinaus stellten die coronabedingten Umstände und Veränderungen natürlich auch für die Referees eine besondere Herausforderung dar.

Am 34. Spieltag waren die Unparteiischen nur ein Randthema – dabei hätten vor allem diejenigen, die in den entscheidenden Partien eingesetzt waren, ein ausdrückliches Lob verdient. Harm Osmers und Bastian Dankert leiteten die Abstiegsduelle in Bremen und Berlin souverän, Deniz Aytekin und Benjamin Cortus brachten die Begegnungen um den letzten Champions-League-Platz in Mönchengladbach und Leverkusen geräuschlos über die Bühne.

Videobeweis auch am Wochenende ein Thema

Keine Entscheidung wurde anschließend ins Zentrum der Kritik gerückt, niemand warf ihnen vor, den Kampf gegen den Abstieg oder um den Einzug in die europäische Königsklasse beeinflusst zu haben. Es ist das Schicksal der Schiedsrichter, nur dann im Mittelpunkt zu stehen, wenn sie umstrittene oder falsche Entscheidungen treffen. Gute Leistungen werden dagegen nur selten auch öffentlich gewürdigt.

Und so wurde wieder mehr darüber diskutiert, warum es für den leichten Rempler von Mats Hummels gegen Munas Dabbur im Spiel zwischen Borussia Dortmund und der TSG 1899 Hoffenheim (0:4) beim Stand von 0:3 einen Elfmeter für die Gäste gab und der Video-Assistent nicht intervenierte. Oder weshalb der VAR in der Partie VfL Wolfsburg – FC Bayern München (0:4) kein Review empfahl, als der Wolfsburger Keeper Koen Casteels den Ball außerhalb des Strafraums nicht nur mit der Brust, sondern auch ein bisschen mit der Hand spielte und es Argumente dafür gab, dass er auf diese Weise eine offensichtliche Torchance für die Gäste vereitelte.

Oder wieso es in der Begegnung FC Augsburg – RB Leipzig (1:2) minutenlang dauerte, ehe die Rote Karte gegen Philipp Max zurückgenommen wurde, obwohl die Bilder recht schnell erkennen ließen, dass der Augsburger nicht die Notbremse gezogen, sondern den Ball gespielt hatte.

Die Diskussion über den VAR ist in einer Schieflage

Nichts davon hat das jeweilige Spiel entscheidend beeinflusst, doch die Video-Assistenten sind und bleiben auch drei Jahre nach ihrer Einführung ein Dauerbrenner in der Fußballdebatte. Letztlich geht es ihnen damit wie ihren Kollegen auf dem Rasen: Erledigen sie ihren Job gut, ist das selten der Rede wert; lässt sich aber über sie streiten oder liegen sie gar falsch, dann rücken sie in den Mittelpunkt. Nur selten wird erwähnt, dass die Referees dank der VAR eine Vielzahl klarer Fehler korrigieren können.

Wenn sie dagegen vielleicht einmal nicht intervenieren, obwohl sie es sollten, oder eingreifen, obwohl es nicht nötig ist – beides ist die Ausnahme –, löst das oft hitzige Diskussionen aus. Hinzu kommt, dass "Ermessensspielräume nicht mehr akzeptiert werden", wie Schiedsrichter Patrick Ittrich am Sonntag in der Talksendung "Sky90" bedauerte.

Soll heißen: Die Bilder des Fernsehens werden stets für objektiv und eindeutig gehalten. Dabei sind sie es längst nicht immer, schon weil unterschiedliche Kameraperspektiven zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können und die Zeitlupe so manchen Sachverhalt verzerrt, wodurch sich oft ein anderes Urteil aufdrängt als beim Betrachten der gleichen Szene in der Realgeschwindigkeit.

Ein Beispiel dafür ist das Handspiel von Jérôme Boateng im Spiel des FC Bayern München bei Borussia Dortmund: Dass der Unparteiische es als nicht strafbar bewertete, hielt nicht einmal der BVB für zweifelhaft; die verlangsamte Wiederholung dagegen suggeriert ein absichtliches, gezieltes Handeln des Münchner Verteidigers, das in Echtzeit jedoch kaum gegeben gewesen sein kann. Der VAR stand hier vor einem Dilemma und entschied sich gegen einen Eingriff. Doch statt dieses Dilemma anzuerkennen, hieß es hinterher vielfach: Wie konnte er nur?

Ermüdende Handspiel-Debatte

Apropos Handspiel: Vor der Saison hatten die Regelhüter den Regeltext gründlich überarbeitet; inzwischen ist nicht mehr die Absicht das wichtigste Kriterium dafür, ob ein Handspiel strafbar ist oder nicht, sondern die Armhaltung. Denn diese lässt sich leichter feststellen. Außerdem gilt: Wenn der Ball unmittelbar vor einem Tor vom Schützen oder einem Mitspieler mit der Hand gespielt wird, darf der Treffer auf keinen Fall zählen, selbst wenn das Handspiel noch so unbeabsichtigt und unvermeidbar war. Die Neuformulierung der Regel hat den Ermessensspielraum bei der Bewertung von Handspielen nicht getilgt, aber kleiner werden lassen.

Seitdem wird weniger darüber gestritten, ob ein Handspiel strafbar ist oder nicht – dafür allerdings umso mehr, ob die Regel jetzt fairer ist als vorher. Besonders an der Maßgabe, ausnahmslos jedes Tor zu annullieren, bei dem zuvor eine Hand im Spiel war, wuchs zuletzt die Kritik.

Dabei ist diese Regelung eindeutig und hat den Graubereich an dieser Stelle zum Verschwinden gebracht, was viele nun aber auch wieder nicht richtig finden. Andere wiederum halten die sonstigen Spielräume bei der Bewertung von Handspielen immer noch für zu groß und die diesbezügliche Linie der Schiedsrichter für unberechenbar. Die Debatte ist ermüdend – und nur eine von mehreren.

Aufgeregte Diskussionen gab es auch über die in der Winterpause beschlossene Anweisung an die Referees, Unsportlichkeiten wie Meckern, respektlose Gesten und das Ballwegschlagen nun konsequenter zu ahnden als bislang. Angesichts sich häufender Berichte über Attacken auf Schiedsrichter in den unteren Ligen – die im Saarland, in Berlin und in Köln sogar zu Streiks der Unparteiischen führten – sollten die Bundesliga-Referees nun durchgreifen und damit ein Zeichen an den Amateurfußball senden.

Nicht immer konsequent bei Unsportlichkeiten

Tatsächlich gingen sie gegen die vielen Mätzchen und Marotten fortan häufiger mit Gelben Karten vor, wenngleich die letzte Konsequenz bisweilen fehlte. Auf der anderen Seite standen strenge Gelb-Rote Karten gegen den Bremer Niklas Moisander und den Mönchengladbacher Alassane Pléa wegen unsportlichen Verhaltens, die zwar den verschärften Anweisungen entsprachen und somit vertretbar waren, bei den betreffenden Spielern und ihren Klubs aber auf Kritik stießen. Ob sich die neue Linie positiv auf die Amateurligen auswirken und den dort aktiven Unparteiischen das Amt erleichtern wird, lässt sich noch nicht beurteilen – coronabedingt ruht dort seit Mitte März überall der Spielbetrieb.

Kurz bevor die Pandemie die Bundesliga zu einer Pause zwang, mussten die Schiedsrichter zudem mehrmals den sogenannten Dreistufenplan zur Anwendung bringen. Dieser sieht vor, dass bei gravierenden Störungen von außen – etwa durch Pyrotechnik, aber auch bei rassistischen Vorfällen – zunächst eine Unterbrechung und eine Stadiondurchsage erfolgt. Im Wiederholungsfall verlässt der Referee mit den Spielern den Platz, in einem dritten Schritt kann er das Spiel abbrechen, wenn die Störungen nicht zum Erliegen kommen.

Ende Februar und Anfang März lernte die Bundesliga diesen schon länger existierenden Dreistufenplan kennen – weil die Unparteiischen gehalten waren, auch bei Schmähungen und Beleidigungen gegen den Mäzen der TSG 1899 Hoffenheim, Dietmar Hopp, tätig zu werden.

Geisterspiele – auch für die Unparteiischen eine Herausforderung

So kam es am 24. Spieltag gleich in vier Bundesligaspielen zu Maßnahmen nach diesem Plan, der für die Schiedsrichter durchaus eine Belastung sein kann: Neben der Spielleitung auch noch auf Transparente, Spruchbänder und Sprechchöre achten und deren Inhalte unmittelbar bewerten zu müssen, ist eine zusätzliche und ziemlich anspruchsvolle Herausforderung. Zumal die Unparteiischen damit zu denjenigen werden, die in einer emotional und kontrovers geführten Debatte unmittelbar handeln und damit auch Position beziehen sollen. Angesichts der Tatsache, dass ihre Tätigkeit eigentlich einen gänzlich anderen Schwerpunkt hat, wird ihnen damit eine Bürde auferlegt. Durch die Corona-Pause verstummte diese Diskussion jedoch vorerst.

Als diese Pause schließlich beendet war, mussten sich auch die Schiedsrichter erst einmal an einen Spielbetrieb ohne Zuschauer und weitere geänderte Rahmenbedingungen gewöhnen, etwa an die Covid-19-Tests vor jedem Einsatz, die Anreise erst am Spieltag und die Tatsache, dass vieles von dem, was auf dem Rasen gesprochen wird, nun im Fernsehen zu verstehen war.

Zwei Spieltage lang konnte man den Eindruck haben, dass die Spieler sich ohne Fans gegenüber den Unparteiischen stärker zurückhalten, dann aber waren wieder die bekannten Muster zu beobachten. Diesen Teil der Normalität werden die Referees vermutlich nicht vermisst haben. Insgesamt war es für sie eine stressige, kräftezehrende und nervenaufreibende Saison. Wie gut unter diesen Umständen die weitaus meisten Leistungen waren, ist ihnen daher umso höher anzurechnen.

Alex Feuerherdt

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