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DESG nach Große-Ernennung vor Zerreißprobe

19.06.2020 13:53
Matthias Große ist neuer DESG-Präsident
© imago sportfotodienst via www.imago-images.de
Matthias Große ist neuer DESG-Präsident

Nach der umstrittenen Ernennung von Matthias Große zum neuen Präsidenten steht die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) vor einer Zerreißprobe. Vor allem die Athleten äußern Bedenken, auch aus dem Bundestag wird Kritik laut - nach persönlichen Erfahrungen mit dem Lebensgefährten von Claudia Pechstein.

"Es ist und bleibt eine vorläufige Entscheidung eines autonomen Spitzenverbandes, die ich zur Kenntnis nehme", sagte Dagmar Freitag zu der Personalie, die Sportpolitikerin fügte aber an: "Dass ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen mit Herrn Große aus der Vergangenheit meine Zweifel habe, will ich in diesem Zusammenhang allerdings nicht verhehlen."

Freitag erinnerte daran, dass Große vor Jahren Mitarbeiter von ihr und ihres SPD-Parteikollegen Martin Gerster bedroht habe. Beide Politiker hatten sich kritisch zu Pechstein geäußert. Auch Journalisten wurden unter Druck gesetzt. "Nicht grundlos ist ihm aufgrund dessen damals das Betreten der Liegenschaften des Deutschen Bundestages untersagt worden", erklärte die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag.

"Skepsis und Zweifel bleiben"

Auch die Athleten reagierten mit gehöriger Skepsis. "Ich habe seine Kandidatur nicht befürwortet und halte ihn auch weiterhin nicht für einen geeigneten Präsidenten", sagte DESG-Athletensprecher Moritz Geisreiter, meinte aber auch: "Ich werde seine Arbeit jetzt nicht sabotieren oder boykottieren, doch Skepsis und Zweifel bleiben."

Große hatte in den vergangenen Jahren immer wieder lautstark Partei für Pechstein in Streits mit Trainern oder anderen Athleten ergriffen. "Einige Athleten sprachen davon, dass er bedrohlich und einschüchternd sei", erklärte Geisreiter, der die Meinungen der Sportler auch veröffentlichen wollte, doch das Präsidium der DESG kam ihm nun mit seiner Entscheidung zuvor.

Die beiden verbliebenen Vorstandsmitglieder Uwe Rietzke und Dieter Wallisch hatten am Donnerstag mitgeteilt, dass Große das vakante Präsidentenamt zunächst bis zu den Neuwahlen am 19. September ausüben werde. Der Immobilienmakler folgt auf Stefanie Teeuwen, die im November nach Unstimmigkeiten zurückgetreten war.

Dass die Bestimmung Großes juristisch nicht korrekt sei, wies Rietzke zurück: "Das ist in der Satzung so verankert." Als Grund für die plötzliche Benennung nannte er die Besetzung im Vorstand mit nur noch zwei Mitgliedern. "Passiert einem etwas, ist der Vorstand sofort nicht mehr handlungsfähig", so Rietzke.

"Man muss die Jagd auf Claudia Pechstein beginnen"

Große überzeugte offenbar vor allem durch seine Finanzkraft und Geschäftsverbindungen, die dem klammen Verband schnell helfen sollen. Außerdem fordert er sportlichen Erfolg. "Man muss die Jagd auf Claudia Pechstein beginnen", sagte er: "Es kann ja nicht sein, dass sie mit 48 Jahren die beste Athletin ist und die Jugend mit 20 hinterherläuft."

Die sportliche Zukunft dürfte ohne Bundestrainer Erik Bouwman ablaufen. Der Niederländer hatte sich mehrfach mit Pechstein und Große angelegt und die fünfmalige Olympiasiegerin als "peinlich" und "populistisch" bezeichnet. Die Tatsache, dass Große DESG-Präsident werden wolle, sei der "größte Witz, den ich je im Spitzensport erlebt habe", so Bouwman, der sich zunächst nicht äußern wollte. Auch die Zukunft von Sportdirektor Matthias Kulik ist nach diversen Streits fraglich.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) äußerte keinerlei Vorbehalte gegen die Benennung Großes. Man respektiere die vollumfängliche Autonomie der DESG, hieß es. "Deshalb werden wir uns zu den aktuellen Weichenstellungen und Personalentscheidungen in der DESG wie in allen vergleichbaren Fällen anderer Verbände nicht äußern", teilte der DOSB mit.

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