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"Collinas Erben" sind besorgt

Handspielfrust beim BVB und Co. im Fokus

15.06.2020 15:16
Dem BVB wurde ein Treffer wegen Handspiels aberkannt
© Moritz Mueller/Pool
Dem BVB wurde ein Treffer wegen Handspiels aberkannt

In Wolfsburg und Düsseldorf werden Tore annulliert, in Sinsheim wird ein Elfmeter zurückgenommen – jeweils wegen vorangegangener Handspiele, die erst der Video-Assistent entdeckt hat. Die Entscheidungen sind allesamt korrekt, trotzdem ist die Debatte aufs Neue entflammt. Denn die Regelung scheint manchen zu rigoros.

Es gab an diesem 31. Spieltag der Fußball-Bundesliga erneut einige Aufregung um das leidige Thema Handspiel, diesmal jedoch nicht aufgrund der Regelauslegung durch die Unparteiischen als vielmehr wegen der Regel selbst. In gleich drei Spielen annullierten die Referees ein Tor respektive eine Elfmeterentscheidung, weil es unmittelbar zuvor zu einem Handspiel der angreifenden Mannschaft gekommen war. In keinem dieser Fälle ließ sich dem betreffenden Spieler auch nur der leiseste Vorwurf machen. Doch die Regel sieht seit dieser Saison bekanntlich vor, dass ein Handspiel, das einem Tor oder einer Torchance unmittelbar vorausgegangen ist, auch dann geahndet werden muss, wenn es ohne diesen Kontext nicht strafbar wäre.

Im Regelwerk heißt es zur Begründung für diese strikte Anweisung, es dürfe in der Sportart Fußball nun mal nicht sein, "dass ein Tor, das mit der Hand/dem Arm erzielt wird (ob absichtlich oder nicht), zählt". Darüber hinaus müsse auch ein Spieler bestraft werden, der mit der Hand oder dem Arm in Ballbesitz gelangt und sich so einen klaren Vorteil verschafft, das heißt: ein Tor oder eine Torchance seiner Mannschaft vorbereitet. Mit dieser Festlegung soll dem Streit darüber, ob ein Handspiel bei einer Torerzielung oder direkt davor nun ahndungswürdig war oder nicht, ein Riegel vorgeschoben werden. Die Schiedsrichter sollen es in diesem Punkt leichter haben und nicht auf ihr Ermessen angewiesen sein.

Warum der Elfmeter für Hoffenheim revidiert wurde

Dass das auch zu Härtefällen führen würde und damit zu einer Diskussion über den Sinn dieser Regelung, war abzusehen. Wenn sich dann an einem Spieltag gleich mehrere solcher Härtefälle ereignen, wird die Debatte unweigerlich besonders laut geführt. Es begann beim Auftaktspiel am Freitagabend zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und RB Leipzig (0:2), als Schiedsrichter Tobias Welz nach einem Foulspiel des Leipziger Torwarts Péter Gulásci an Munas Dabbur in der sechsten Minute einen Strafstoß verhängte. Allerdings hatte zuvor der Hoffenheimer Christoph Baumgartner den Ball bei einem Zuspiel von Steven Zuber gänzlich unfreiwillig, aus kurzer Distanz, mit normal gehaltenem Arm und in der Realgeschwindigkeit kaum sichtbar zu Dabbur abgefälscht, was dem Unparteiischen jedoch verborgen geblieben war.

Dem Video-Assistenten dagegen fiel es bei der Überprüfung der Szene auf, die im Elfmeterpfiff mündete. Und da aus dem Handspiel unmittelbar eine Torchance resultierte – nämlich für Dabbur –, die dann zu einem Strafstoß und damit zu einer überprüfbaren Situation führte, musste er eingreifen. Welz nahm seine Entscheidung schließlich zurück und annullierte auch die Gelbe Karte für Gulásci.

Denn der Keeper war nicht wegen der Schwere seines Fouls verwarnt worden – in diesem Fall wäre es bei der Gelben Karte geblieben –, sondern weil er eine offensichtliche Torchance im Strafraum verhindert hatte und dabei zum Ball orientiert war. Eine persönliche Strafe wegen eines solchen rein "taktischen" Vergehens wird revidiert, wenn die daraus folgende Entscheidung aufgrund eines vorangegangenen Vergehens des angreifenden Teams geändert wird.

In der kommenden Saison gilt die "T-Shirt-Linie"

In der Begegnung des VfL Wolfsburg gegen den SC Freiburg (2:2) und im Spiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Borussia Dortmund (0:1) wiederum wurde jeweils ein Tor wegen eines vorangegangenen Handspiels des Torschützen aberkannt: Der Wolfsburger Daniel Ginczek hatte sich den Ball versehentlich selbst an die Hand geköpft, von wo aus die Kugel ins Tor ging; dem Dortmunder Raphael Guerreiro war ohne sein Zutun der Ball bei der Annahme an den Oberarm gesprungen, bevor er ihn ins Tor schoss. Beide Handspiele waren schwer zu erkennen und wären ohne den Zusammenhang mit der Torerzielung nicht strafbar gewesen. Wie in Sinsheim benötigten die Schiedsrichter, Bastian Dankert in Wolfsburg und Sascha Stegemann in Düsseldorf, zudem die Unterstützung des VAR, um auf sie aufmerksam zu werden.

In der kommenden Saison dürfte ein Tor wie das von Guerreiro übrigens zählen, denn dann greift eine kleine Regeländerung beim Handspiel: Mit dem Teil des Arms, der über der sogenannten T-Shirt-Linie liegt – also oberhalb der Achselhöhle –, kann der Ball dann so legal gespielt werden wie mit der Schulter. Derzeit wird regeltechnisch noch alles vom Schultergelenk abwärts zum Handspielbereich gezählt. Die neuen Regeln sind zwar formal seit dem 1. Juni in Kraft, doch in den laufenden, wegen der Corona-Pandemie zwischenzeitlich unterbrochenen Wettbewerben gelten weiterhin dieselben Regeln wie zu Saisonbeginn.

Nichts ändern wird sich dagegen an der Regel, nach der ausnahmslos jedes Handspiel im unmittelbaren Zusammenhang mit einem Tor oder einer Torchance zu ahnden ist. Man mag das bisweilen als ungerecht empfinden, zumal in Fällen, in denen der betreffende Spieler rein gar nichts für sein Handspiel kann und es außerdem des Video-Assistenten bedarf, um es überhaupt zu identifizieren. Es sei allerdings an die zahllosen erregten Diskussionen über Handspiele im Vorfeld von Toren erinnert, als es diese Regelung noch nicht gab und die Schiedsrichter ermessen mussten, ob eine Strafbarkeit gegeben ist. Nun, da es in diesem konkreten Fall keinen Graubereich mehr gibt, ist es auch wieder nicht recht.

Was sonst noch wichtig war:

  • In der Partie 1. FC Köln – Union Berlin (1:2) nahm Schiedsrichter Martin Petersen nach einer halben Stunde eine Elfmeterentscheidung für die Gäste zurück, nachdem der VAR interveniert hatte. Man kann allerdings darüber streiten, ob es wirklich so klar und offensichtlich falsch war, das Handspiel von Rafael Czichos mit einem Strafstoß zu ahnden. Immerhin hatte der Kölner den Ball in der Drehbewegung mit dem Arm weggedrückt. Ein wenig Verwirrung kam angesichts der Spielfortsetzung nach der Rücknahme der Entscheidung auf: Der Referee gab einen Schiedsrichterball und überließ dem Kölner Torwart Timo Horn die Kugel. Das war nicht korrekt: Da Czichos den Ball mit dem Arm ins Toraus gelenkt hatte und Petersens Pfiff erst erfolgt war, als der Ball die Linie überschritten hatte, hätte es eigentlich mit einem Eckstoß für Union weitergehen müssen.
  • Umgekehrt lief es in der Begegnung zwischen dem FC Schalke 04 und Bayer 04 Leverkusen (1:1) kurz nach dem Seitenwechsel: Da spielte der Leverkusener Edmond Tapsoba den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand, was Schiedsrichter Daniel Siebert jedoch nicht bemerkte. Es kam deshalb zum On-Field-Review, anschließend sprach der Unparteiische den Schalkern einen Elfmeter zu. Eine knifflige Entscheidung: Einerseits hatte der Schalker Juan Miranda den Arm von Tapsoba ein wenig mit dem Knie zum Ball geschoben. Andererseits war Tapsobas Hand schon vor diesem Kontakt über Schulterhöhe und damit in einer Position, bei der eine Berührung des Balles mit dem Arm oder der Hand grundsätzlich strafbar ist. Das dürfte auch den Ausschlag für Sieberts Entscheidung gegeben haben.
  • Regeltechnisch komplex war die Entstehung des Treffers zum 2:0 im Spiel VfL Wolfsburg – SC Freiburg. Wout Weghorst köpfte den Ball gegen die Torlatte, den Abpraller schob Daniel Ginczek ins Tor, jedoch aus Abseitsposition. Deshalb durfte der Treffer nicht zählen. Allerdings war Weghorst unmittelbar nach seinem Kopfball von Nicolas Höfler mit dem Fuß am Kopf getroffen worden. Und da sich dieses Foul ereignet hatte, bevor Ginczeks Abseitsstellung strafbar wurde, konnte und musste es mit einem Strafstoß geahndet werden. Auf Vorteil und Tor zu entscheiden, war wegen des Abseits nicht möglich. So kam es, dass die Wolfsburger doch noch das 2:0 erzielten. Schiedsrichter Bastian Dankert hatte die anspruchsvolle Situation mit der Unterstützung des VAR absolut korrekt gelöst.
  • Das gilt auch für die Entscheidung seines Kollegen Robert Hartmann in der Begegnung von Hertha BSC gegen Eintracht Frankfurt (1:4). Nach der "Notbremse" von Dedryk Boyata gegen Bas Dost hatte der Schiedsrichter zunächst auf Strafstoß für die Gäste und Gelb-Rot gegen den Berliner entschieden. Der Video-Assistent machte Hartmann jedoch darauf aufmerksam, dass sich das Foulspiel knapp außerhalb des Strafraums zugetragen hatte. Das hatte Konsequenzen: Statt eines Elfmeters gab es einen Freistoß für die Eintracht – und statt Gelb-Rot glatt Rot für Boyata. Denn während „Notbremsen“ innerhalb des Strafraums nur zu einer Verwarnung führen, wenn der Ball gespielt werden konnte oder sollte, gibt es für sie außerhalb immer die Rote Karte, ungeachtet der Ballorientierung.

Von Alex Feuerherdt

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