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Erster deutscher Boxweltmeister

Vor 90 Jahren: Schmelings steiniger Weg zum Mega-Triumph

12.06.2020 19:10
Max Schmeling wurde vor 90 Jahren zum ersten deutschen Boxweltmeister
© via www.imago-images.de
Max Schmeling wurde vor 90 Jahren zum ersten deutschen Boxweltmeister

Vor 90 Jahren eroberte Max Schmeling in den USA die Krone im Schwergewicht – durch einen Tiefschlag seines Gegners. Doch der Weg dahin war lang.

Mit 22 1/2 Jahren machte sich Max Schmeling 1928 auf in die USA, fuhr mit dem Schiff nach New York. Er war Europameister im Halbschwergewicht und Deutscher Meister im Schwer- und Halbschwergewicht.

Damit aber schienen dem aufstrebenden Boxer die Möglichkeiten auf dem alten Kontinent erschöpft zu sein. Schmeling wusste: Ein ganz Großer kann er nur im "Mekka des Boxens" werden.

Durchbeißen in Amerika

Der Deutsche tat sich schwer, in Amerika Fuß zu fassen. "Sieben Monate sitzt er in Amerika", spotteten die Zeitungen in der Heimat, "und was hat er bisher geleistet?"

Erst als er sich dem Box-Manager Joe Jacobs anschloss, bekam der ungeduldige Schmeling endlich im November 1928 seinen ersten Kampf. Im Madison Square Garden boxte er gegen den US-Boy Joe Monte. Ausgerechnet kurz vor dem Kampf wurde Schmeling ernsthaft krank – 40 Fieber! Doch der Deutsche wusste um die enorme Wichtigkeit seines ersten Auftritts in den USA.

Schon in der Pause zur dritten Runde war Schmeling am Ende, in seiner Ecke flogen die Fetzen mit Trainer Max Machon. "Machon, ich möchte sterben", gibt Schmeling in seiner 1956 erschienenen Biographie "-8-9-aus" den Disput wieder: "Ich bin fix und fertig und weiß nicht, was ich anfangen soll". Der Trainer entgegnete: "Wenn's heute schiefgeht, bist du wirklich gestorben, für Amerika und für Deutschland auch. Entweder du reißt dich zusammen oder wir packen unseren Krempel und fahren heim."

Und Schmeling riss sich zusammen, Monte gab sich in der 8. Runde eine Blöße, die Rechte des Deutschen krachte hinein – ein Volltreffer, K.o.-Sieg für Schmeling.

In der ersten Reihe im Madison Square Garden saß der Promoter-Pate Tex Rickard, damals der wichtigste Mann im Boxsport. Er sprang auf und rief: "What a right hand!" Dieser Ausruf machte die Runde in den amerikanischen Zeitungen und wurde – so Schmeling – der Türöffner für ihn in die amerikanischen Ringe.

Der Durchbruch

Anfang 1929 bestritt Schmeling drei Kämpfe innerhalb eines Monats, am 1. Februar 1929 duellierte sich der Deutsche mit dem harten Johnny Risko. Die begeisterten Zuschauer im ausverkauften Madison Square Garden erlebten eine erbitterte Ringschlacht, in der 9. Runde hatte Schmeling den Amerikaner mürbe geboxt, Risko wankte in seine Ecke, war kampfunfähig – AUS!

Das Duell "Schmeling gegen Risko" wurde vom "Ring Magazine" zum "Kampf des Jahres 1929" gekürt, der deutsche Schwergewichtler hatte es geschafft, er war in aller Munde.

Nach dem Sieg gegen Risko fuhr Max Schmeling erst einmal mit dem Schiff zurück nach Deutschland. Als er von Cuxhaven aus mit dem Zug in Hamburg eintraf, erlebte er zum ersten Mal, wie populär er auch in der Heimat war: Tausende Menschen waren gekommen, um ihn zu empfangen.

Schmeling erinnerte sich: "Journalisten umdrängten mich. Von meiner 'Flucht' nach Amerika war nicht mehr die Rede. Alle Vorwürfe, die sie mir noch vor wenigen Monaten gemacht hatten, waren vergeben und vergessen. Ich wurde, da ich nun zu den Anwärtern auf die Weltmeisterschaft gehörte, wieder in Gnaden aufgenommen. Die Stadt meiner Kindheit empfing mich mit triumphaler Begeisterung."

Geschafft – der Kampf um die WM

Nach einem Punktsieg gegen den "spanischen Holzfäller" Paulino Uzcudun war Schmeling am Ziel. Sein sechster Fight in den USA würde ein Kampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht sein – der Gegner, Jack Sharkey aus den USA.

Anfang April 1930 setzte Max Schmeling mit dem Schiff über nach New York. Sein Trainingscamp bezog er im mehr als 200 Kilometer entfernten Endicott. In seinen Memoiren schrieb er: "Ganz Amerika fieberte der Weltmeisterschaft entgegen. Am Pazifik und am Atlantik verschlang man die Zeitungen mit den Vorschauen und den Berichten aus Endicott und Orangeburg, wo sich Sharkey vorbereitete. Zentrum des irrsinnigen Reklame-Tam-tams aber war New York, war der Broadway. Vor den Kassen der Großkinos drängten sich abends die Massen. Tausende sahen Sharkey und mich in den Wochenschauen. Wenn wir auf der Leinwand erschienen, ging ein Raunen durch die Zuschauerreihen, und jedem wurde in 'Bild und Ton' erneut eingehämmert, welches 'Weltereignis' bevorstand."

Der 12. Juni 1930 : Schmeling versus Sharkey!

Sharkey, der Mann aus Boston, Sohn bitterarmer litauischer Einwanderer, ist 8:5 Favorit. Das Yankee-Stadion in der West-Bronx in New York platzt mit 80.000 Zuschauern aus allen Nähten – es brodelt vor Spannung.

Es ist 21:23 Uhr Ortszeit in New York und 3:23 Uhr nachts in Deutschland, als Ringrichter Jim Crowley den Kampf freigibt. In Deutschland haben viele Wecker geklingelt – vergebens, denn die Rundfunkübertragung fällt kurzfristig wegen technischer Probleme aus.

Der Kampf ist auf 15 Runden angesetzt. Der Gong zur ersten Runde ertönt, mit 24 Jahren greift Max Schmeling als erster Deutscher nach dem WM-Titel. Sharkey dominiert von Anfang an, von Schmeling aber weiß man, dass er langsam startet. Die ersten drei Runden gehen an den 27-jährigen US-Boy, dann fühlt Schmeling, dass er nun in die Gänge und besser in den Kampf kommt.

In der vierten Runde dann aber das plötzliche Ende – der Amerikaner haut mit seiner Linken unkontrolliert unter Schmelings Gürtellinie, der muss auf die Bretter. "Sekunden später durchzuckte mich ein irrsinniger Schmerz. Brüllte ich los?", so beschrieb Schmeling später das Geschehen. "Ich weiß nur noch, dass ich keine Sekunde die Besinnung ganz verlor. Sharkey hatte tiefgeschlagen!"

Einen Tiefschutz gab es damals noch nicht – der Deutsche konnte nicht mehr weiterkämpfen. Der Reporter des Berliner Tagblatts berichtete: "Schmeling wird in seine Ecke getragen, er sitzt zusammengekrümmt, fast besinnungslos auf seinem Stuhl. Ein kaum wiederzugebender Tumult erhebt sich unter den Zuschauern ... Der Ringrichter hat scheinbar den Tiefschlag nicht gleich bemerkt. Sharkey rennt fassungslos im Ring umher ... Und als er Schmeling in der Ecke sieht, fordert er ihn auf, weiter zu kämpfen ... Inzwischen verkündet der Sprecher die Disqualifikation Sharkeys: Schmeling Weltmeister durch Tiefschlag!"

Der Ringarzt bestätigte danach den Tiefschlag, an dessen Folgen Max Schmeling nach eigener Aussage noch länger zu leiden hatte.

Der 24-jährige hatte sich seinen Lebenstraum erfüllt, aber "Weltmeister durch Tiefschlag" – darüber konnte sich Max Schmeling nicht freuen. Er wollte den Titel noch am selben Abend zurückgeben. Da fuhr ihn sein Manager Joe Jacobs an: "Ja, bist Du denn wahnsinnig geworden? Du willst den Titel nicht? Die ganze Welt würde über Dich lachen! Kommt ja gar nicht in Frage! Du bist Weltmeister und du bleibst es auch. In den nächsten Kämpfen kannst du beweisen, was in dir steckt."

Auch in Deutschland sickerte die Nachricht langsam durch. Wegen der ausgefallenen Rundfunkübertragungen hatten zunächst die unsinnigsten Gerüchte kursiert:

"Haben Sie schon gehört, Schmeling liegt im Krankenhaus!"

"Haben Sie schon gehört, er muss operiert werden!"

"Haben Sie schon gehört, der Max ist tot!"

Der umstrittene Weltmeister

Auch in der Heimat kam der neue Champion nicht gut weg. Viele Zeitungen begegneten Schmeling nach der umstrittenen Entscheidung mit Vorbehalten und griffen ihn an. Später bei öffentlichen Auftritten wie im Berliner Sportpalast wurde der Weltmeister nicht gefeiert, sondern ausgepfiffen.

Schmeling tat das, was große Boxer oft tun: Er gab seine Antwort im Ring. Im Juli 1931 verteidigte er seinen Titel in Cleveland gegen den K.o.-Schläger Young Stribling (USA) durch technischen K.O. in der 15. Runde, danach galt er als wahrer Champion.

Im Juni 1932 gab Max Schmeling Jack Sharkey die Gelegenheit zur Revanche und wieder endete das Duell mit einem Skandalurteil. Vor 70.000 Zuschauern im "Madison Square Garden Bowl", einer Arena im New Yorker Stadtteil Queens, war Titelverteidiger Schmeling über 15 Runden der klar bessere Boxer, doch Sharkey wurde zum Sieger nach Punkten erklärt. Der Deutsche verlor seinen Titel.

Legende des Sports

Zur Legende des Sports wurde Schmeling allerdings nicht durch seinen kurze Regentschaft als Boxmeister aller Klassen, sondern durch einen Nicht-WM-Kampf vier Jahre später. Am 19. Juni 1936 sollte er im New Yorker Yankee-Stadion nur der Spielball von Joe Louis sein. Der 22-jährige US-Superstar galt als unschlagbar, hatte alle seine 24 Kämpfe gewonnen, davon 20 durch K.O., sämtliche Box-Experten räumten Schmeling null Chancen ein.

Doch es kam anders, der Deutsche schlug den angeblich Unbesiegbaren in der 12. Runde k.o. – es war eine der größten Sensationen in der Geschichte des Sports.

Max Schmeling blieb zeit seines Lebens einer der populärsten Sportler Deutschlands, er starb am 2. Februar 2005 im Alter von 99 Jahren.

Reinhard Brings

© RTL
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