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Box-Ikone Halmich gesteht: "Ich wurde stark angefeindet"

10.06.2020 11:47
Machte Frauenboxen in Deutschland salonfähig: Regina Halmich
© unknown
Machte Frauenboxen in Deutschland salonfähig: Regina Halmich

Vor 25 Jahren holte sich Regina Halmich in Karlsruhe gegen die US-Amerikanerin Kim Messer den Titel des WIBF im Fliegengewicht - der erste WM-Sieg einer deutschen Frau und der Beginn ihrer Karriere als Deutschlands Box-Queen.

Weltmeisterin von 1995 bis 2007, weltbeste Boxerin 1997, 56 Profikämpfe, nur eine Niederlage - die heute 43-Jährige hat für deutsche Sportlerinnen den Weg in eine bis dahin verschlossene Männerwelt geebnet.

Im Interview spricht Halmich über ihr Image als "Henry Maske des Frauenboxens", seltsame Fragen und Anfeindungen sowie das Ende des Box-Booms.

Frau Halmich, Sie werden oft als "Henry Maske des Frauenboxens" bezeichnet oder aber als die Frau, die Stefan Raab einst die Nase brach. Schmeichelt Ihnen das oder nicht?

Regina Halmich: Ach, mit dem "Henry Maske des Frauenboxens" will man mir ja nur ein besonderes Lob aussprechen. Aber solche Vergleiche hinken ja immer etwas. Sportlich hatte ich ja beispielsweise einen ganz anderen Stil. Es geht dann wohl eher um die mediale Aufmerksamkeit, die uns beiden zuteil wurde. Und am Ende ist es aber immer so: Meinen Namen verbindet man mit dem Boxsport. Und das ist schön.

Angefangen hat Ihre ganz große Erfolgsgeschichte ja am 10. Juni 1995, als mit Ihrem Sieg über Kim Messer erste deutsche Box-Weltmeisterin wurden. Ist das heute ein ganz besonderer Tag für Sie?

Ja, natürlich ist das Datum bei mir noch sehr präsent. Ich habe die Bilder immer noch in meinem Kopf. Der Gewinn des ersten WM-Titels ist einfach etwas ganz Besonderes, das geht jedem Profisportler so. Aber ich werde jetzt heute nichts Außergewöhnliches machen, um diesen Tag zu feiern. Dass er aber besonders ist, das merke ich daran, dass sich in den vergangenen Tagen sehr viele Journalisten gemeldet haben, um mit mir noch einmal darüber zu sprechen. Da ist mir durchaus nochmal bewusst geworden, dass damals etwas Bahnbrechendes passiert ist.

Haben Sie nach dem Sieg gegen Kim Messer eigentlich eine kleine Ahnung davon gehabt, welchen Boom Sie mit Ihrem historischen Sieg auslösen würden?

Natürlich nicht. Damals hatte ich keinen Gedanken daran. Mir wurde das erst später klar. Die Quoten im Fernsehen haben ja für sich gesprochen. Die waren teilweise höher als die meiner männlichen Kollegen.

Waren Sie stolz auf sich?

Ach, ich wusste einfach, dass ich es geschafft habe. Gegen alle Widerstände, gerade in den Anfangsjahren. Ich musste mich immer dafür rechtfertigen, dass ich boxe. Ich habe viele Häme abbekommen, ich wurde stark angefeindet. Es war fast unanständig, dass eine Frau in den Ring steigt. Es war schon eine kleine Genugtuung, dass so viele Menschen meine Kämpfe angeschaut haben. Bei meinem Abschied waren es sogar 8,8 Millionen!

Wie sehr nervt es Sie dann eigentlich, dass dieser Boom nicht nachhaltig war und dass das Frauenboxen nahezu aus der Öffentlichkeit verschwunden ist?

Da würde ich widersprechen. Schauen Sie sich mal an, wie sich das Frauenboxen weltweit entwickelt hat. Es gibt in England, in den USA, in Mexiko Sportlerinnen, die verdienen Millionen. Das Frauenboxen hat sich total durchgesetzt. Es ist ja sogar olympisch geworden. Aber natürlich: Wenn wir auf Deutschland schauen, dann müssen wir schon sagen, dass wir den Anschluss verloren haben. Das bedauere ich sehr.

Woran liegt das?

Das hat ganz sicher etwas damit zu tun, dass wir nicht mehr so finanzstarke Boxställe haben. Aber es liegt natürlich auch daran, dass die Fernsehsender kaum noch Kämpfe überträgen.

Dieses "Schicksal" teilen die deutschen Frauen ja mit den Männern. Ist es eine Sogwirkung, dass es derzeit keine große Stars gibt?

Ja, international gibt es ja super Typen und Top-Charaktere, aber das fehlt in Deutschland ein bisschen. Gutes Boxen alleine reicht nicht mehr. Man muss auch außerhalb des Rings positiv auf sich aufmerksam machen. Allerdings leben wir da auch in einer schwierigen Zeit. Wie man ja aktuell sehen kann, trauen sich viele Sportler nicht mehr, ihre Meinung zu äußern oder mal klar Stellung zu beziehen. Weil sie sonst in den sozialen Medien sofort einen Shitstorm kassieren oder verfolgt werden. Da schweigen sie lieber. Das ist sehr schade. Wenn ich daran denke, bin ich echt froh, dass es damals noch nicht gab, da hätte es sonst sicher auch ein paar brisante Storys gegeben. Aber auf der anderen Seite ist es auch so, dass die Leute einfach auch Geschichten rund um die Sportler wollen - der "Tiger", "Rocky" und Maske haben sie erzählt.

Gibt es eigentlich große Unterschiede zwischen Boxkämpfen von Männern und Frauen?

Nein, eigentlich nicht. Klar, die Männer boxen zwölf Runden mit je drei Minuten und Frauen zehn Runden mit je zwei Minuten. Die Frequenz der Schläge ist dadurch bei uns höher, was den Kampf attraktiv macht. Dafür haben Männer etwas mehr Zeit, einen Knockout vorzubereiten. Ich hätte tatsächlich auch lieber drei Minuten geboxt.

Wann haben Sie sich in der Boxszene eigentlich das erste Mal so richtig willkommen gefühlt?

Ich habe mir das Jahr für Jahr ein bisschen mehr erarbeitet. Ich habe meine Leistung gebracht und meine Kritiker sind immer mehr verstummt. Aber so richtig angekommen war ich erst, als ich als Hauptkämpferin im ZDF präsent war. Plötzlich sind aber auch alle auf den Zug aufgesprungen und haben gesagt: Regina, wir haben immer an dich geglaubt. Was mir einfach nur wichtig war und mich glücklich gemacht hat: Meine Leistung als Sportlerin wurde honoriert.

Ging es bei den Anfeindungen, die Sie in frühen Jahren erlebt haben, mehr um Ihre Leistung oder darum, dass Sie eine Frau in einer männerdominierten Sportart sind?

Sowohl als auch. Aber es gab tatsächlich sehr viele Situationen, in denen ich gemerkt habe, dass ich nur ein Frau bin. In Interviews musste ich wirklich die seltsamsten Fragen beantworten. Fühlen Sie sich sexy? Wie machen Sie das mit Ihren Brüsten? Was machen Sie eigentlich, wenn Sie Ihre Tage haben? Oder aber: Was ist in Ihrer Kindheit eigentlich schiefgelaufen? Das war teilweise richtig unangenehm. Und in vielen Berichten über die Kämpfe war herauszulesen, dass die Autoren mich nicht für voll nehmen. Das war wirklich schlimm. Das hat mir wehgetan.

Konnten Sie mit Ihren Erfolg dabei helfen, die Vorurteile gegen und die Anfeindungen gegen boxende Frauen zu reduzieren?

Die Frauen sind inzwischen sehr viel selbstbewusster, als ich es mit 14 oder 15 war. Das hilft ihnen schon. Ich bin damals einfach so reingerutscht, mich hat niemand darauf vorbereitet. Insgesamt, würde ich sagen, ist das Frauenboxen gleichberechtigt. Nur bei der Bezahlung, da hört es mit der Gleichberechtigung auf, abgesehen von wenigen Ausnahmen.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten, würden Sie lieber in der heutigen Zeit boxen oder nochmal Ihren herausfordernden Weg gehen?

Ich würde alles wieder genauso machen. Die schlimmen Zeiten, die Unterdrückung, die ich erfahren habe, all das hat mich ja nur stärker gemacht. Die Geschichte hat aber eben auch das glückliche Ende, dass ich es geschafft habe. Dass ich beide Seiten erleben durfte, macht mich sehr dankbar. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich Erfolg so sehr schätze. Ich weiß, dass er kein Zufallsprodukt ist.

Können Sie sich eigentlich noch an die Gedanken erinnern, die Ihnen bei Ihrem letzten Kampf am 30. November 2007 gegen Hagar Shmoulefeld Finer durch den Kopf gegangen sind?

Klar, das weiß ich ebenfalls noch ganz genau. In der Pause zwischen der neunten und der zehnten Runde habe ich meinem Trainer ganz tief in die Augen geschaut und wusste, dass es gleich vorbei ist. Das war sehr emotional, aber auch nur ganz kurz. Ich musste mich sofort wieder konzentrieren, denn meine Gegnerin war bis zum Schluss brandgefährlich. Als der Kampf vorbei war, ist sofort eine Last abgefallen. Ich war direkt ein wenig traurig, aber auch sehr glücklich, dass ich einen so schönen Weg gehen durfte.

Vermissen Sie es eigentlich manchmal, sich zu prügeln?

Haha, ja, den Adrenalinkick vermisse ich schon. Einmal Kämpfer, immer Kämpfer! Und wenn ich immer mal wieder am Ring sitze und meinen Kollegen zuschaue, dann kribbelt es in den Fingern. Aber es ist alles gut. Ein Comeback wird es auf keinen Fall geben. Es war eine fantastische Zeit, aber man muss auch so clever sein und sagen: Das war's. Und das war's.

War das Boxen für Sie nicht nur Beruf, sondern auch ein Ventil, um Wut abzulassen?

Klar doch! Allerdings ist mir wichtig, zu sagen, dass ich ein völlig normales Kind war. Ich war auch nicht anders als die anderen Mädchen. Überhaupt nicht. Meine Aggression kam eher dadurch, dass man mich als Mädchen beim Boxen nicht wollte. Das hat mich mächtig geärgert und da habe ich gedacht: Euch zeige ich es, ich geh nur ein paar Schritte zurück, um Anlauf zu nehmen. Diese mangelnde Anerkennung war für mich stets ein Antrieb, der mich sehr motiviert hat.

Und was machen Sie heute, wenn Sie wütend sind? Steht noch irgendwo ein Boxsack rum?

Hach, ja, wenn ich wütend bin, dann lasse ich das nach wie vor beim Sport raus. Aber eben anderweitig. Ich mache viele andere Dinge, zum Beispiel High Intensity Training.

Also nie wieder Boxhandschuhe an?

Wie gesagt: nicht, um in den Ring zurückzukehren.

Nicht mal für Show- oder Charitykämpfe? So wie es gerade die Box-Legenden Mike Tyson und Evander Holyfield planen?

Nein, für mich gibt es keine Showkämpfe. Ich mag das nicht. Die Nummer gegen Stefan Raab damals war eine einmalige Ausnahme. Es wird immer so sein, dass ich mehr wollen würde als Show.

Das Interview führte Tobias Nordmann

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