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Interview mit FCS-Kenner Carsten Pilger

Insider: So kann Saarbrücken auch Bayer schlagen

09.06.2020 15:37
Der 1. FC Saarbrücken hofft auf das nächste Pokal-Wunder
© Pressefoto Rudel/Herbert Rudel via www.imago-image
Der 1. FC Saarbrücken hofft auf das nächste Pokal-Wunder

Es ist das nächste Kapitel im Klassiker "David gegen Goliath". Die Pokal-Helden des 1. FC Saarbrücken empfangen am Dienstagabend mit Bayer Leverkusen das nächste Schwergewicht aus dem Oberhaus – diesmal allerdings vor leeren Rängen.

Wie das Team aus dem Saarland es so weit geschafft hat, warum der Pokal nur die Kirsche auf der Fußball-Torte ist und was im Saarland passiert, wenn das nächste Pokal-Wunder geschieht, erklärt der Journalist Carsten Pilger im "RTL"-Interview. Der gebürtige Saarländer betreibt seit 14 Jahren einen FCS-Blog und ist Autor mehrerer Fanbücher über den Traditionsklub.

Herr Pilger, was macht der Ruhepuls? Wie groß ist die Aufregung vor diesem großen Spiel? 

Krass gesunken im Vergleich zu den letzten Pokalspielen. Vor jeder Runde fühlte es sich so an, als sei das jetzt der Höhepunkt. Der Ruhepuls schlägt dann eher in Adrenalin um, wenn die 90 Minuten laufen. So ein bisschen trübt die Vorfreude auch die Corona-Krise, weil ich weiß: Egal wie es ausgeht, hinterher wird niemand die Chance haben, sich in der großen Masse zu umarmen oder Gefühle zu teilen, die beim Fußball eben entstehen. Das ist ein bisschen das Traurige an der Geschichte. Auf der anderen Seite tröstet es, dass jeder in der gleichen Situation ist.

Die Situation hat eine gewisse Tragik: Ausgerechnet beim Spiel der Spiele sind keine Zuschauer erlaubt, wie schlimm ist das für den Klub und die Fans? 

Für die Fans ist es extrem schlimm. Ich kenne auch Leute mit Serien, in denen sie über zehn Jahre kein Spiel verpasst haben. Beim Spiel nicht im Stadion zu sein, ist hart. Auch wenn wir das Stadion in Völklingen gewiss nicht lieben, wir wollen ja zurück in den Ludwigspark, wenn er umgebaut ist. Es gibt unter den Fans das Sprichwort 'Das ist typisch FC'. Um das für Außenstehende zu erklären: Damit wird darauf angespielt, dass der FCS, wenn es eigentlich gut läuft, immer in irgendein Schlamassel oder Missgeschick gerät – ein bisschen fühlt es sich diesmal auch so an.

Für den Klub ist es ganz wichtig heute zu spielen - auch finanziell. Als das Halbfinale erreicht wurde, hat der Schatzmeister bekanntgegeben, dass der Klub durch die Einnahmen schuldenfrei sei. Das ist gerade in einer Zeit, in der viele Vereine mit Schulden Probleme haben, sehr wichtig. Vor allem als ein Verein, der so tief gefallen ist. Für den Klub ist es also finanziell sehr wichtig, aber auch für die Spieler, die sich das ganz hart erarbeitet haben.

Nehmen Sie uns mal mit ins Seelenleben. Welchen Stellenwert hat der Halbfinaleinzug in der Vereinsgeschichte des 1. FC Saarbrücken? Ist es das wichtigste Spiel der Klub-Geschichte?

Mit dem Ausdruck "Das wichtigste Spiel" tue ich mich schwer. Wenn ich auf die Vereinsgeschichte gucke, wird es Eingang finden in die großen Spiele, über die man auch in Jahrzehnten noch reden wird. Es ist fast ein Jahrhundertspiel. Der letzte Halbfinaleinzug der Männer war in den 1980ern, die Frauen haben es 2008 ins Pokal-Finale geschafft. Das war natürlich auch ein Jahrhundertspiel. Wobei sich die Fanszenen damals zwischen Männern und Frauen unterschieden haben. Bei vielen männlichen Fans kam wahrscheinlich erst durch den Finaleinzug Interesse auf, was ein bisschen schade war. 

Carsten Pilger ist FCS-Experte                       (Foto:privat)
Carsten Pilger ist FCS-Experte (Foto:privat)

Vom eigentlichen Stellenwert sagt dir jeder FC-Fan, dass es eigentlich wichtiger war, in dieser Saison aufzusteigen. Der Verein ist seit sechs Jahren in der Regionalliga hängengeblieben. Und trotz teilweise großem finanziellen Aufwand, hat er es nicht geschafft, aus der Liga raus zu kommen. So absurd es sich anhört: Der Pokal ist nicht Priorität 1. So toll die Saison ist: Am Ende zählt nur der Aufstieg. Über den Pokal wird man in Jahrzehnten noch reden, faktisch bringt uns der Aufstieg aber weiter.

Gibt es besondere Fan-Aktionen, um das Halbfinale zu verfolgen?

In Saarbrücken haben die Kneipen die Sperrstunde nach hinten verlegt, um zu ermöglichen, dass die Menschen das Spiel dort gucken können. Es gab aus Fankreisen den Versuch, das Spiel im Autokino zu zeigen. Laut meinen Infos ist das an rechtlichen Problemen gescheitert. Die meisten werden es zu Hause gucken und das ist ja auch sinnvoll. Sich in Stadionnähe zu begeben, wäre meiner Meinung nach unverantwortlich – so schön die Geste auch wäre.

Keine Fans im Stadion, keine Spielpraxis seit drei Monaten. Leverkusen durfte unterdessen wieder ran. Es spricht eigentlich alles gegen Saarbrücken. An welche Hoffnung klammern sich die FCS-Fans?

Naja, bislang sah es in dieser Pokalsaison für Mannschaften aus dem Rheinland eher schlecht aus. Da wird man sich in Leverkusen vielleicht auch in Köln oder Düsseldorf umgehört haben. Ich glaube, das Stadion ist ein großer Vorteil. Es ist sehr wichtig, dass das Spiel in Völklingen stattfindet. Noch weniger als die FCS-Fans selber mögen gegnerische Teams das Stadion. Gerade wenn du aus dem Profibereich kommst und eher verhätschelt wirst. Das Stadion ist da eher rauer und unangenehmer. Und vielleicht tut es mit ein paar Millionen Euro auf dem Konto etwas mehr weh, sich über diesen Rasen zu bewegen. 

Zudem habe ich Hoffnung in die Mannschaft. Die Jungs spielen teilweise seit mehreren Saisons zusammen. Der Kader wurde stetig verbessert. Es ist ein Team, das eigentlich auch auf gutem Drittliga-Niveau mithalten könnte und auch zweitligaerfahrene Spieler hat. Da mache ich mir wenig Sorgen, die Mannschaft wird sich wie in den vergangenen Spielen stark präsentieren und es sicher auch den eingespielten Leverkusenern nicht leicht machen.

Wenn Sie auf die bisherige Saison zurückschauen: Was war das Erfolgsrezept in der Regionalliga und vor allem im Pokal? Anders gefragt: Was macht das Team aus?

In den Spielen im Pokal hat das Team teilweise mit überraschenden Formationen gearbeitet. Ganz kurios ist es bei Steven Zellner, der in dieser Saison glaube ich alle Positionen außer Torhüter gespielt hat. Im Pokal tauchte er plötzlich in einer Offensivrolle auf und lief die Gegner als Störelement an. Vielleicht war das der entscheidende Schritt von Ex-Trainer Dirk Lottner zu Lukas Kwasniok, der aus einer gut eingespielten Truppe taktisch neue Sachen herausgeholt hat. Hinzu kommen individuelle Stärken. Ein Gillian Jurcher, der in Pokalspielen deutlich mehr aufblüht als in der Liga. Auch wenn man in den vergangenen Spielen vor allem auf die Elfmeter geguckt hat, Keeper Daniel Batz hat auch über 90 Minuten eine herausragende Leistung gebracht. Es ist eine Mischung aus Eingespieltheit und einem Trainer, der mehr Kniffe in der Taktikkiste hat. Das Team und die Spielweise sind sehr schwer vorhersehbar.

Sie haben die erste Namen eben schon genannt: Welche FCS-Spieler sollten man heute Abend besonders auf dem Schirm haben?

Nach der letzten Runde wird jeder auf Keeper Daniel Batz gucken. Wichtig sind auch Kianz Froese – ein sehr spielintelligenter Mittelfeldmann, der in der Vorlagenstatistik weit oben steht. Fanol Perdedaj ist im Mittelfeld eine Art "Aggressive Leader", der kann auch mal hitzig sein, aber er ist ein enormer Anführer. Alle Fans hoffen auf ein Tor von Sebastian Jacob, der mit Manuel Zeitz als gebürtige Saarländer eine absolute Identifikationsfigur ist.

Angenommen heute Abend gibt es das saarländische Pokalwunder. Was passiert in dann in Völklingen, in Saarbrücken, im Saarland? Ruft Ministerpräsident Tobias Hans einen Feiertag aus?

Ich hoffe, dass die Leute dann feiern und vernünftig bleiben und nichts machen, was gegen die Corona-Regeln verstößt, auch wenn es natürlich schwer zu kontrollieren sein wird.  Dann beginnt wahrscheinlich Coach Lukas Kwasniok am Tag darauf die Planungen für das Finale. Der guckt sich in Ruhe das andere Halbfinale an und macht die Taktik fürs Finale (lacht).

Beim FCS würde man dann langsam Morgenluft wittern. Wir sind bislang Vizemeister geworden, waren im Pokalhalbfinale, mit den Frauen im Finale, so ein Titel fehlt halt noch. Warum sollte nicht dieses Jahr, wo so viele kuriose Sachen passieren, der Titel nach Saarbrücken gehen. Und dann kommt nächsten Jahr die Europa League … wobei eher nicht ins Saarland, weil man kein Stadion hat, das dafür ausgelegt ist. Es wäre einfach eine schöne Geschichte. Vielleicht überdenkt der Profifußball auch den Umgang mit den Amateuren. Meiner Meinung nach kommt da zu wenig. Gerade auch für die Vereine unterhalb der 2. Liga. Saarbrücken ist die beste Werbung dafür, dem DFB zu zeigen, dass auch unterhalb der 2. Liga ordentlicher Fußball gespielt wird. Und ein Pokal dadurch gewinnt, wenn nicht jedes Jahr Bayern und Dortmund im Finale stehen.

Zum Abschluss: Die Saarländer haben viele Redensarten. Welches passt für dieses Match und die Situation heute Abend am besten?

Das ist glaube ich wirklich das 'Typisch FC'. Also 'Tyisch FC', dass man das größte Match der letzten Jahre ohne Zuschauer spielen muss. Und alle mit einem lachenden und weinenden Auge in die Partie gehen. Trotzdem wollen wir heute Abend gewinnen.

Das heißt, Ihr Tipp lautet wie?

Ich glaube, es wird diesmal ein 3:2 nach Verlängerung.

Kein Elferschießen für die "Elferkiller" aus Saarbrücken?

Diesmal kein Elfmeterschießen!

Das Gespräch führte Emmanuel Schneider

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