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Ferrari kein Spitzenteam mehr?

Marko: Verstappen ist erster Herausforderer von Hamilton

05.06.2020 08:27

Die Formel 1 steht nach der langen Corona-Pause endlich wieder in den Startlöchern. In sollen die Boliden der Königsklasse des Motorsports endlich wieder über eine Rennstreckke brettern. Nach der kurzfristigen Absage des F1-Auftakts in Melbourne zum Beginn der Corona-Krise, ist die Rennserie vor dem zweiten Auftakt in Österreich bestens Vorbereitet.

Auf der "Heim-Strecke" von Red Bull findet in der Alpenrepublik auf dem "Red-Bull-Ring" in diesem Jahr Corona-bedingt nicht nur der Große Preis von Österreich statt, sondern nur eine Woche später auch der Große Preis der Steiermark, wie die Formel 1 zu Beginn der Woche bei der Präsentation ihres  vorläufigen, acht Rennen umfassenden Europa-Kalenders verkündete.

>> Hier geht's zum Formel-1-Rennkalender

Kaum jemand kennt sich an dieser Strecke besser aus als Helmut Marko, ehemaliger Rennfahrer und derzeit Motorsport-Berater bei Red Bull. RTL und N-TV haben mit dem 77-Jährigen über den Ablauf der Rennen, den Corona-Ernstfall sowie Max Verstappens Chancen auf das Austria-Triple und die Fahrer-WM gesprochen...

Wie wird der Ablauf bei den Rennen sein?

Der Zeitablauf ist völlig identisch. Anders ist, dass sämtliche Teammitglieder die Sicherheitsvorschriften erfüllen müssen, also Maske und Abstand, soweit das möglich ist, beim Boxenstopp wird es nicht möglich sein. Und: Es werden alle zwei Tage Tests durchgeführt. Aber sonst ist es eigentlich für Leute, die mit Presse und Medien zu tun haben, einfacher, weil die Termine alle wegfallen (lacht).

Das heißt, Kimi Räikkönen freut sich drauf?

Kimi Räikkönen spricht normal auch nicht viel, diesmal kann er ganz in sich aufgehen. (lacht)

Wie viele Menschen werden im Fahrerlager sein?

Der Formel-1-Tross wird circa 1600 Personen umfassen. Das sind die Teams, die FIA, die Reifenhersteller und Motorenzulieferer und natürlich auch die Funktionäre. Streckenposten werden circa 500 sein. Mit dem Rahmenrennen, der Formel 3, der Formel 2 und dem Porsche Cup, werden wir auf knapp über 2000 Personen kommen.

Die Teams sind verkleinert auf ca. 80 Leute – wer muss mit, wer bleibt zuhause?

Mit müssen natürlich die Renningenieure, die Strategieabteilung und die entsprechenden Mechaniker, wobei die Leute, die am Auto arbeiten, auch schon in England - oder bei AlphaTauri in Italien – vorher getestet werden, denn da wäre es schwierig, einen Ersatz zu finden, Boxenstopp ist etwas ganz Essentielles. Man also nach der Wichtigkeit der Positionen das Team ausgedünnt.

Positiv-Fall? "Rennveranstaltung ist dadurch nicht in Gefahr"

Was passiert bei einem Corona-Fall? 

Der Positiv-Fall ist geregelt. Der kommt in eine eigene Isolierstation und wird dort weiter beobachtet. Aber ganz wichtig: Die Rennveranstaltung ist dadurch nicht in Gefahr.

Wenn ein Fahrer positiv wäre, müssten Sie für Ersatz sorgen. Wer wäre denn der Ersatz etwa für Max Verstappen?

Für Verstappen gibt es keinen Ersatz (lacht). Aber wir haben den Brasilianer Sette Camara, der als Ersatzfahrer für beide Teams (Red Bull und AlphaTauri, die Red.) zum Einsatz kommen kann.

Wie stolz sind Österreich und die Steiermark den Auftakt auszurichten?

Es gibt drei Weltpremieren. Zum ersten Mal startet die Formel-1-Saison mit dem Großen Preis von Österreich. Zum ersten Mal gibt es zwei Rennen. Und das zweite Rennen ist als Großer Preis der Steiermark nach der Region benannt. Wir sind wahnsinnig stolz.

Dadurch, dass wir als erste die Bewilligung bekommen haben, war es möglich, die nachfolgenden Rennen zu organisieren, mit einer Art Musterfall und allem, was hier ausgearbeitet wurde. Ich glaube wirklich nicht, dass es ein Risiko ist. Für Österreich als Export- und Tourismusland ist das eine immense Werbung. Also, wir sind ganz, ganz stolz, freuen uns aber auch, dass es jetzt endlich los geht.

Wie machen Sie das Testen mit den Fahrern?

Die Fahrer – Verstappen ist, muss ich sagen, ängstlich. Wir haben ein paar Veranstaltungen geplant gehabt, aber wenn da die Sicherheitsvorkehrungen nicht wirklich optimal waren, [hat er sie abgesagt]. Das ist verständlich. Er will Weltmeister werden, er will der jüngste Weltmeister werden und geht jedem Risiko aus dem Weg. Die meisten Fahrer leben ja in Monaco, wo die Sicherheitsvorkehrungen ja sehr, streng waren. Da durfte man ja nur wenige Stunden das Haus verlassen. Also, die kommen gut isoliert und vorbereitet hierher.

Wie begrüßen Sie Max Verstappen?

Na ja, wir haben ja noch vier Wochen Zeit. Aber mit den Lockerungen und den Zahlen, die wir in Österreich haben, hoffe ich, dass wir es wie immer mit Handschlag machen können.

Zur Action: Was erwarten Sie für ein Rennen – manche Fahrer sagen, es wird chaotisch, weil sie keinen Rhythmus haben …

Wir haben die üblichen Trainingssitzungen freitags und samstags, ich hoffe, dass wir da hereinkommen. Aber wenn es heiß wird, und das ist im Juli gut möglich, dann kann es schon sein, dass nicht die übliche Kondition und damit auch nicht die Konzentration da ist. Aber für den Zuschauer ist das natürlich ein zusätzlicher Spannungsfaktor.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Max Verstappen hier sein Triple holt?

Das gibt uns natürlich sehr viel Selbstvertrauen. Mercedes war hier nie stark, hat hier auch immer Probleme gehabt. Aber wir kennen das Kräfteverhältnis nicht. Beim Testen wird getäuscht und getarnt, wie wir wissen. Melbourne hat nie stattgefunden. Wir kommen mit Versionen, die von den Updates her unerprobt sind, weil wir praktisch zwei Stufen übersprungen haben, hierher.

Auch der Honda-Motor war in der Höhenlage immer noch besser. Die Entwicklung ist weitergegangen. Aber wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass Ferrari bei den Tests nicht auf dem Level von Mercedes und Red Bull war. Aber vielleicht konnten die in der Zwischenzeit ja aufholen. Ich glaube nicht, dass ein Mittelfeld-Team siegfähig sein wird, vielleicht kommen sie eine Spur näher, mehr aber nicht.

Was kann man in der Fabrik leisten, wenn man keine Rennen fährt, wie kann man sich verbessern?

Es gibt den Simulator, den Windkanal. Wir kommen mit einer komplett anderen Ausbaustufe hierher, verglichen mit dem Auto der Testfahrten und auch beim Motorsektor haben wir eine Stufe übersprungen, wir haben eine Mehrleistung.

"Wir sehen uns als erster und ernster Herausforderer"

Gehen Sie da volle Risiko?

Da ich davon ausgehe, dass die ersten acht Rennen in Europa fix sind – das würde für eine WM ausreichen – muss man vom ersten Rennen voll dabei sein und das Maximum rausholen. Die Übersee-Rennen, das sind Länder, die momentan von Corona stark gefährdet sind. Diese Rennen sind geplant, aber ob sie wirklich stattfinden werden, steht in den Sternen, darum wollen wir vom ersten Rennen an voll auf Attacke gehen.

Sie haben Max Verstappens Ziel – jüngster Weltmeister – genannt. Wie realistisch ist das aus Ihrer Sicht?

Wir haben darauf lange hingearbeitet, wir haben immer wieder Rückschläge gehabt. Aber wir haben jetzt einen soliden Motorenlieferanten mit Honda und wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Die waren hauptsächlich, dass wir erst gegen Mitte der Saison richtig wettbewerbsfähig waren. Jetzt starten wir mit Mitte der Saison, unsere Vorbereitung ist auch wesentlich besser gewesen. Mercedes und Hamilton sind ganz klar der Favorit, aber wir sehen uns als erster und ernster Herausforderer.

"Glaube ich nicht, dass Ferrari absolut zu den Spitzenteams gehören wird"

Was trauen Sie Vettel noch zu dieses Jahr?

Wenn ich davon ausgehe, dass die Testzeiten in Barcelona doch eine gewisse Aussagekraft haben, dann glaube ich nicht, dass Ferrari absolut zu den Spitzenteams gehören wird. Die Situation im Team – Sebastian wird sich sicher nichts sagen lassen, da ist also auch eine große Rivalität. Dass Sebastian seinen Vertrag nicht verlängert hat, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass er das technische Potenzial nicht gesehen hat, das ihm zu einem weiteren Titel verhilft.

Können Sie ihn sich bei Mercedes vorstellen?

Ich finde das ganz toll. Das wäre für den Motorsport ganz toll. Vettel gegen Hamilton im Mercedes, was gibt es Besseres? Vor zwei Jahren hätten die immer Platz 1 und 2 gemacht. Ich hoffe, dass wir jetzt so nah dran sind, so etwas zu verhindern.

Wenn das nicht klappt, glauben Sie, dass Vettel ein Jahr Pause macht?

Wenn er den Mercedes-Sitz nicht bekommt, ist ein Jahr Pause sinnvoll. Ein Jahr beobachten, was passiert. Für 2022 kommt ein völlig neues Reglement und die Budgetgrenze. Da ist also eine völlig Neuaufstellung und in seiner Situation sehe ich für ihn wieder die Chance, bei einem Siegerteam einzusteigen.

Das Interview führte RTL/n-tv-Formel-1-Reporter Felix Görner

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