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Turbulente Wochen in der Hauptstadt

Pleiten, Pech und Pannen: Hertha legt Graue-Maus-Image ab

05.05.2020 13:26
Bei der Hertha war in den letzten Monaten einiges los
© Matthias Koch via www.imago-images.de
Bei der Hertha war in den letzten Monaten einiges los

Die Sache ist so bizarr, dass das Offensichtliche als Erklärung für manche nicht ausreicht. Im Internet verbreitete sich schnell der Gedanke, Salomon Kalou habe mit dem verräterischen Kabinen-Video vielleicht genau diese verheerende Wirkung erzielen wollen. Auf Twitter wurde der Ivorer scherzhaft sogar für den Nannen Preis für die beste Undercover-Reportage vorgeschlagen.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen - wie oft die Verantwortlichen von Hertha BSC zuletzt wohl an dieses Sprichwort gedacht haben?

Der possenreiche Kurz-Auftritt von Jürgen Klinsmann ("Handy-Gate"), dessen denkwürdiger Rücktritt ("HaHoHe, Euer Jürgen"), die anschließende Schlammschacht in den Medien ("Lügenkultur", "Ego-Wahn"), die drei Trainerentlassungen, das 80-Millionen-Euro-Shopping im Winter dank Investor Lars Windhorst: Kein anderer Bundesligist unterhielt die Öffentlichkeit in dieser Saison so sehr wie Hertha BSC.

"Eine graue Maus sind wir ganz sicher nicht mehr, wenngleich das weniger mit unseren Kampagnen zu tun hat, sondern mehr mit der turbulenten Saison", hatte Herthas Markenchef Paul Keuter schon vor Kalous Fehltritt in der "Berliner Morgenpost" gesagt. Keuter schien das scherzhaft zu meinen, doch in dem Satz steckt wohl mehr Wahrheit als dem ehemaligen Twitter-Sportchef in Deutschland lieb ist.

Hertha, immer gut für einen Skandal

Hertha BSC will Aufmerksamkeit, um endlich auch über die Stadtgrenzen hinweg als Hauptstadtklub wahrgenommen zu werden - oder als "Big City Club", wie Windhorst es ausdrückt. Der Investor stellte dafür bislang 224 Millionen Euro zur Verfügung, mit denen spätestens ab der kommenden Saison die Europacupplätze angegriffen werden sollen. Parallel dazu arbeitet Keuters Team am Digitalisierungsprozess, um zusätzliche Einnahmen zu generieren und die Reichweite des Klubs zu vergrößern.

Mit vielen Ideen fremdeln aber Teile der Anhänger, der von einer Werbefirma hervorgebrachte Slogan "We try, we fail, we win" wurde schnell wieder abgesetzt. Keuter geriet zwischenzeitlich sogar zum Feindbild bei den organisierten Fans, denen das neue Konzept zu sehr zu Lasten der Tradition geht. Erschwerend kommt hinzu, dass Stadtrivale Union Berlin nach dem Aufstieg viele Sympathien in der Hauptstadt dazugewonnen hat.

Hertha gibt trotz aller Bemühungen derzeit weniger das Bild eines glamourösen Großstadtklubs ab, sondern wird in der Öffentlichkeit eher so wahrgenommen wie jahrelang der Hamburger SV: immer gut für einen Skandal.

Hertha hat ein Imageproblem

Der Klub bemüht sich wie im Fall Kalou stets eifrig um Richtigstellung und Konsequenzen, die Suspendierung des Stürmers von der Elfenbeinküste begrüßte sogar Gesundheitsminister Jens Spahn. Und man kann getrost davon ausgehen, dass sich Fußballprofis nicht nur bei Hertha so sorglos und teils abgehoben verhalten, wie es Kalous Video auf erschreckende Weise dokumentiert.

Und trotzdem hat Hertha nun das Imageproblem, nicht nur die "Bild" spottete über den "Pannen-Verein". Womöglich wäre mancher im Klub derzeit sogar froh über das alte Graue-Maus-Image.

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