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"Für mich der mit Abstand beste Basketballer"

Frank Buschmann erklärt den "Mythos" Michael Jordan

03.05.2020 16:37
Frank Buschmann hat den "Mythos Michael Jordan" hautnah erlebt
© DUOMO/PCN via www.imago-images.de
Frank Buschmann hat den "Mythos Michael Jordan" hautnah erlebt

Die Sportwelt diskutiert momentan über die Michael-Jordan-Dokumentation "The Last Dance". Im Fokus: Die letzte erfolgreiche Meisterschaftssaison der legendären Chicago Bulls 1997/98 und all die verrückten Geschichten, die in jener Saison und zuvor schon passierten. Im RTL-Interview erklärt Kommentator Frank Buschmann das Phänomen Michael Jordan. 

RTL.de: Herr Buschmann, fangen wir einfach an: Ist Michael Jordan für Sie der beste Spieler der Basketball-Geschichte?

Buschmann: Ja, selbstverständlich! Da regt mich ja allein die Frage auf (lacht). Im Ernst: Für mich ist er der mit Abstand beste Basketballer, den dieses Spiel je gesehen hat.

Kein Widerspruch. Wir bleiben in der Kategorie "einfach", nennen Sie uns doch bitte drei Adjektive, die Jordan beschreiben.

Besessen, … (überlegt kurz), athletisch, smart.

Kommen wir langsam zur Meta-Ebene. Er hat viele Titel gewonnen, Rekorde geholt. Aber das Phänomen Jordan ist ja weit mehr als das. Was macht den Mythos Michael Jordan aus?

Da werden jetzt viele lachen, aber es ist in erster Linie das Unterordnen der eigenen Fähigkeiten und Qualitäten unter den Teamgedanken, begründet durch die angesprochene Besessenheit, erfolgreich zu sein. Und dafür offen zu sein, individuelle Auszeichnungen hinten anzustellen, um das Wichtigste im Sport zu erreichen – nämlich Titel! Das hat er wie kein Zweiter vollzogen. Das hängt eng mit seinem Erfolgstrainer der Bulls, Phil Jackson, zusammen. Er konnte Jordan davon überzeugen, dass es durchaus Sinn ergibt, den letzten Pass zu spielen und nicht den letzten Wurf zu nehmen. 

Noch mehr als Titel gibt es Anekdoten über Jordan, welche ist Ihre Lieblingsanekdote?

Wenn ich diesen Mythos beschreiben soll, dann kommt mir dieses eine Erlebnis in den Sinn, das ich nie vergessen werde. Es war damals bei einer Trainingssession während des All-Star-Weekends bei der Eastern-Conference-Auswahl. Das war immer ein "Riesen-Irrenhaus" mit Hunderten Medienvertretern, die dieses Show-Training begleiteten. Es war also eine Menge los, viel Gewusel. Ich war auch gerade beschäftigt, dann habe ich plötzlich - das war ganz mystisch - ein ganz komisches Gefühl empfunden: 'Jetzt ist in dieser Sekunde irgendwas anders.' Und ich drehe mich um und sehe, dass in diesem Moment Michael Jordan in die Halle kommt. Es klingt total gaga. In dem Moment wusste ich, was den Mythos Michael Jordan ausmacht, dieser Mann hat eine Aura, die man wahrscheinlich nur nachempfinden kann, wenn man es erlebt hat.

Sie durften es relativ oft erleben, denn Sie waren in den 90ern mit einem TV-Team live dabei in den USA. Nehmen Sie uns doch mal mit in diese Zeit. Wie war das vor Ort, gerade in den Finals?

Die NBA Finals waren schon vor den Bulls und Michael Jordan ein großes Ding im amerikanischen Sport. Aber mit der großen Zeit der Bulls hielt der Wanderzirkus Einzug – in jeder Stadt, in der die Bulls aufgetaucht sind. Es war eine Kombination von ganz besonderen Sportlern und Charakteren. Du hast den besten Basketballer aller Zeiten mit Michael Jordan, du hast den besten zweiten Mann aller Zeiten mit Scottie Pippen und einen der besten Rebounder mit Dennis Rodman, der nebenbei ein kompletter Paradiesvogel ist. Diese Truppe mit Ergänzungsspieler wird dann noch trainiert von einem buddhistisch angehauchten Zen-Meister namens Phil Jackson – mehr geht nicht! Und mehr hat es danach auch nicht mehr gegeben.

Was war Ihr persönliches Highlight vor Ort?

Es gibt nicht den einen Moment. Das beeindruckendste Spiel, das ich je live vor Ort kommentiert habe, war das berühmte "Flu-Game" [Jordan führte die Bulls trotz schwerer Erkrankung zum Sieg in Spiel 5 der Finals 1997, Anm, die Red]. Tatsächlich wird noch heute gestritten, ob es eine schlechte Pizza, eine Lebensmittelvergiftung, einfach eine Magenverstimmung oder doch die Grippe war. Er konnte kaum auf eigenen Füßen die Halle betreten, lieferte ein sensationelles Spiel ab, verließ anschließend von Scottie Pippen gestützt die Halle. Das vereint auf dem Parkett all das, was ich beschrieben habe. Vor allem die Besessenheit. Aufgeben war nie eine Option für ihn. 

Die beeindruckendste Szene in den Finals war, als er 1996 nach dem Titelgewinn und nach dem Tod seines Vaters am Boden lag und weinte – das werde ich nie vergessen. Es ist etwas anderes, so etwas "nur" am Bildschirm zu sehen oder live in der Halle zu erleben.

Sie berichteten als erstes deutsches TV-Team live von den Finals. Wurden sie dort eigentlich als deutsche Exoten belächelt? 

(Lacht). Man muss uns nur angucken, da liegt der Verdacht nahe, dass wir belächelt wurden. Wir waren ja nicht die einzigen Europäer. Ich weiß noch: Die Franzosen, Spanier, Italiener und Griechen waren auch da. Die wirkten seriöser und waren basketballfachspezifischer unterwegs als wir aus Deutschland. Im Nachhinein betrachtet muss ich sagen: Wir waren schon eine Truppe Basketballverrückter, die einfach das Gefühl hatten, ihren privaten Traum zu erleben. Und darüber haben wir dann manchmal vergessen, dass wir auch als Journalisten unterwegs waren. Deswegen wurden wir manchmal von den Amerikanern schräg angeguckt. Aber vor allem durch unsere Auftritte bei All-Star-Weekends und den Finals wurden wir schon registriert und wahrgenommen, am Ende auch ernst genommen. Trotzdem hieß es: "The crazy Germans".

Wie groß war der Rummel um Jordan vor Ort? Kamen Sie überhaupt an den Superstar ran?

Ja, ich hatte meine zwei, drei persönlichen Momente mit ihm. Wir hatten ein paar Drehs. Das hat natürlich nur funktioniert, wenn es von der Organisation vom Club und der Liga möglich gemacht wurde. Diese Begegnungen waren natürlich schön, aber für mich schlägt nichts die Momente, die ich als Live-Reporter am Mikrofon beim Begleiten seiner sportlichen Fähigkeiten hatte.

Sie haben in ihrer beruflichen Karriere viele erlebt, viel kommentiert. Wenn Sie vergleichen müssen zwischen den Spielen der Bulls in den 90ern und den Nationalmannschaftsspielen wie zum Beispiel 2005 der Sieg gegen Spanien im EM-Halbfinale, wo steht Jordan in Ihrem Ranking?

Das ist eine gemeine Frage, die mir auch Fans oft stellen. Das Faszinierendste und Spektakulärste, das ich je in meinem Sportreporter-Leben machen durfte, waren die NBA Finals 1996 bis 98. Ich muss aber schon sagen, dass die großen Auftritte von Dirk Nowitzki und der deutschen Nationalmannschaft für mich einen ähnlichen Stellenwert haben, weil ein ganz anderer enger Kontakt da war. Wir waren noch viel dichter dran. Teilweise waren wir im gleichen Hotel und haben zusammen gegessen. Es sind zwei unterschiedliche Ebenen. Nichts würde ich missen wollen.

Gefühlt spricht die ganze Sportwelt aktuell über die ESPN-Dokumentation "The Last Dance" und das letzte erfolgreiche Jahr der Bulls 1997/98: Haben Sie Doku schon ganz gesehen? 

Nein, ich schaue auch jeden Montag die neuen Folgen, habe also den gleichen Stand wie jeder andere auch. Die Macher sind extrem dicht an die Protagonisten herangekommen. Für mich ist es die mit Abstand beste Sportdokumentation, weil sie echt ist. Bei vielen Dokumentationen, die ich in Deutschland sehe, habe ich das Gefühl, dass es für die Doku "gespielt" ist.

Wenn sie jetzt montags wie der Otto-Normal-Sportfan vor dem TV sitzen, kriegen Sie bei den alten Bildern Gänsehaut?

Ja. Für mich ist das einfach anders als für 99,999 Prozent der Zuschauer. Ich sehe die Szenen und weiß, wo ich bei bestimmten Spielszenen in der Halle saß. Ich weiß bei manchen Interviews, die im Locker Room gemacht wurden, wo ich dort gerade stand. Das sind alles Dinge, die wiederkommen, wenn ich sie sehe. Ich bin total stolz und demütig, dass ich das erleben durfte.

Was die Doku deutlich zeigt, ist der ständige Zoff und Drama im Team. Die Rodman-Eskapaden, Jordan und Pippen gegen den Besitzer Reinsdorf und Manager Krause, Pippen wollte lange Zeit nicht mehr für Chicago spielen. All das geschah 1997 und 1998. Würde dieses großartige Team 2020 überhaupt zusammenbleiben in der Social-Media- und Breaking-News-Welt oder in die Luft fliegen? 

Spannende Frage. Tatsächlich glaube ich, dass es alles anders wäre in Zeiten von Social Media. Manche Dinge wären vielleicht viel schneller an die Öffentlichkeit gekommen. Es wäre noch mehr aufgebauscht worden. Jordan hätte deutlich mehr Gegenwind für seine Spielweise bekommen in den sozialen Netzwerken, Aber ich kann es nicht abschließend sagen. Deswegen verbietet es sich eigentlich auch, die verschiedenen Epochen und Jahrzehnte zu vergleichen.

Aber eines kann ich allen sagen, die heute meinen, dass es ein verklärter Blick sei: Unter heutigen Bedingungen – wenn die Bulls jetzt die Liga entern würden im Alter von 25 – würden Jordan, Pippen und Rodman unter der Regie von Jackson die Liga dominieren.

Um nochmal das Wort vom Anfang aufzugreifen. Jordan war ein "Besessener". Er war zwar ein großartiger Leader, hat aber auch seine Mitspieler angeschrien und zusammengebrüllt, Privatfehden geführt, den eigenen General Manager vor dem versammelten Team gehänselt. Rechtfertigt am Ende der Erfolg dieses mitunter harte Verhalten?

Ich drücke es mal klar aus: Wäre er nicht so gewesen, wären auch die Erfolge ausgeblieben. Da bin ich mir sehr sicher. Mit einem anderen Trainer als Phil Jackson wäre es vielleicht schwierig gewesen. Bei aller Jordan-Mania muss man auch andere Aspekte berücksichtigen. In der Doku wird zum Beispiel sehr deutlich, wie wichtig Pippen für das Gefüge der Bulls war, wie wichtig Rodman war und Coach Jackson, der wusste, wie man mit einem Rodman umgehen muss.

Für alle, die nicht in den 90ern aufgewachsen sind oder sozialisiert wurden. Was haben Jordan und die Bulls bewirkt in der Welt, in Deutschland und für den Sport?

Sie haben natürlich in Verbindung mit dem "Dream Team" 1992 sehr viel bewirkt. Damals ist endgültig dieser Mythos "Michael Jordan" in die Welt getragen worden. Es war ein einziges "Booah!" Dann haben sie jedes Team mit 50 Punkten Differenz nach Hause geschickt. Es war ein Spektakel. Es hat den Basketball ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Keine Frage. Aber ist Deutschland eine Basketball-Nation geworden? Nein! Ende der 90er sind nachts eine halbe Million Menschen aufgestanden und haben sich die Bulls gegen Utah angeguckt. Es sind davon aber nicht genügend übriggeblieben für eine große Entwicklung des Basketballs in Deutschland.

Was waren die Gründe dafür?

Der Hauptgrund: Es gibt keinen Wanderzirkus mehr wie die Bulls. Zweitens: Das Angebot von Live-Sport-Übertragungen ist immens gestiegen. Und die Spiele sind nachts, es gibt keine Prime- Time-Spiele auf einem großen Sender. Deutschland hat die Liebe zum Basketball noch nicht mal entwickelt, als Nowitzki die großen Erfolge mit der Nationalmannschaft gefeiert hat. Deutschland bleibt einig Fußballland.

Zum Schluss: Gibt es etwas, das man als Sportler oder auch Nicht-Sportler von Jordan lernen kann?

Man kann sich die alten Bilder angucken und darüber nachdenken. Das Gesamtkonstrukt Michael Jordan kann man nicht lernen. Dafür gehört so viel dazu. Viel gottgegebenes Talent, Ehrgeiz, Besessenheit. Was man vielleicht lernen kann: Das Ego, das riesengroß war, doch dem Mannschaftserfolg unterzuordnen. Das hat er perfekt gezeigt. Irgendwann hatte ihn Coach Jackson überzeugt, dass es Sinn macht, im entscheidenden Moment zu passen. Man kann Vertrauen lernen!

Auch wenn er dafür durchaus ein paar Jahre gebraucht hat ...

Ja, aber ganz ehrlich: Das kann ich auch nicht von einem Spieler erwarten, der erst zwei, drei Jahre vom College weg ist. Wir reden immer noch über den Mann, der sechs Mal in die Finals gekommen ist und sechs Mal gewonnen hat. Das ist schon ganz gut gelaufen für ihn.

Das Interview führte Emmanuel Schneider

Hinweis: In seinem Podcast "LAUSCHANGRIFF" bei AUDIO NOW spricht Frank Buschmann mit Florian Schmidt-Sommerfeld unter anderem über die ersten Folgen der Jordan-Dokumentation "The Last Dance".

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