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Floors: "Habe vier Jahre auf Tokio hingearbeitet"

10.04.2020 12:39
Johannes Floors will in Tokio Gold holen
© BEAUTIFUL SPORTS/Oliver Kremer via www.imago-image
Johannes Floors will in Tokio Gold holen

Johannes Floors peilt in Tokio sein erstes Einzelgold bei Paralympics an. Im Interview spricht der derzeit schnellste Prothesensprinter der Welt über Probleme beim Training oder Vergleiche mit "Blade Runner" Oscar Pistorius.

Die Verlegung der Paralympics kam nicht mehr wirklich überraschend. Wie sah ihre Gefühlswelt aus, als die Verschiebung endgültig feststand?

Johannes Floors (Para-Weltmeister über 100 und 400 m): Es war klar, es muss passieren. Bei mir ist nach der Entscheidung ganz viel Druck abgefallen. Gerade weil klar war, dass es mit der Situation, die wir vorher hatten, nicht möglich sein wird, seine Leistung zu halten oder zu steigern.

Hätten sie sich früher Klarheit gewünscht?

Wir hatten schon eine Zeit lang auf die Entscheidung gehofft - vor allem als es hieß, dass sich das IOC noch einen Monat Zeit lassen will. In so einer Schwebe zu stehen, ist nicht schön. Aber ich kann auch verstehen, dass ein gewaltiger Rattenschwanz dranhängt Olympische und Paralympische Spiele zu verlegen und die Entscheidung deshalb nicht so leicht fällt.

Wie schwer ist es für den Kopf, dass man auf das Ziel, auf das man seit vier Jahren hinarbeitet, plötzlich noch ein Jahr länger warten muss?

Ich habe seit Rio tatsächlich vier Jahre auf Tokio hingearbeitet. Es ist schon sehr schade, weil man immer das Datum vor Augen hat. Ich war letzte Saison sehr fit, genau da hätten wir gerne weitergemacht. Aktuell ein Motivationsloch zu haben, ist absolut verständlich. Es heißt jetzt einfach fit bleiben. Man muss sich irgendwo die Motivation selber suchen. So eine Verschiebung ist eine Herausforderung. Jetzt noch ein Jahr dranzuhängen, kann man aber auch als Chance sehen.

Wie können sie sich derzeit überhaupt fit halten?

Ich gehe viel draußen Laufen. Mein Trainer lässt mich jeden Tag einen Dauerlauf von 30 bis 60 Minuten machen. Das ist schon unangenehm - gerade wenn es mit den Prothesen auf die Straße oder in den Wald geht. Das sind andere Belastungen als auf der Tartanbahn.

Können sie konkret erklären, was genau die Schwierigkeiten sind, wenn man mit Prothesen abseits der Tartanbahn laufen muss?

Wir haben nur Prothesen mit Spikes. Wenn wir rausgehen müssen, brauchen wir einen Gummischutz drunter, weil der Boden sonst zu fest ist. Wenn man nur einseitig amputiert ist, ist die eine Seite plötzlich höher. Man hat dann einen Beckenschiefstand, was auf Dauer sehr ungemütlich ist. Gerade beim Waldboden weiß man auch nie, worauf man tritt. Wenn da nur ein Zweig, ein Tannenzapfen oder irgendwas Rutschiges liegt, dann ist das total gefährlich, weil man nur die Prothese mit dem Vorfuß hat. Wenn man stattdessen die vielen Läufe auf der Straße macht, ist das auch nicht so optimal, weil der Belag deutlich härter ist als auf der Tartanbahn.

Mit welchen Zielen werden sie 2021 nach Tokio reisen?

An meiner Zielsetzung für Tokio hat sich nichts geändert. Der Fokus bleibt der gleiche, ich will einfach 400 m schnell laufen und dann müssen wir schauen, wie sich die Saisonvorbereitung und -gestaltung so entwickelt und wie lange wir noch mit den ganzen Einschränkungen zu kämpfen haben.

Oscar Pistorius hält bis heute mit 45,07 Sekunden die schnellste jemals mit Prothesen gelaufene Zeit auf der Stadionrunde. Haben sie diese Marke für Tokio im Blick?

Das ist die Marke, die mir immer vor Augen schwebt. Auch wenn die nirgendwo als offizieller Weltrekord festgehalten ist. Ich möchte diese Marke auf jeden Fall schlagen. Vielleicht kommt sogar eine Marke mit einer 44 dabei raus. Natürlich würde ich das am liebsten in Tokio schaffen, das wäre phänomenal. Das wäre der Höhepunkt meiner bisherigen Karriere. Man weiß es nicht. Aber wenn das Training so laufen wird wie 2019, ist das nicht unrealistisch.

Sie werden medial oft mit Pistorius verglichen und in Anlehnung an dessen Spitznamen als 'neuer Blade Runner' betitelt. Stören sie solche Vergleiche?

Mich stört es nicht, so betitelt zu werden. Aber natürlich ist ganz klar, dass ich in keine Fußstapfen treten möchte. Ich bestreite meinen eigenen Weg. Da sind solche Titel nettes Beiwerk. Aber am Ende des Tages laufe ich einfach meine 400 m und bin immer noch Johannes Floors und nicht Oscar Pistorius.

Welche finanziellen Folgen hat die Verlegung der Paralympics für sie und für die Sportler im Allgemeinen?

Natürlich gibt es Athleten, die mit Erfolgen, Startgeldern, Preisgeldern etc. planen oder auch mit Prämien, die bei den Olympischen und Paralympischen Spielen zustande kommen können. Es ist natürlich ein immenser finanzieller Einschnitt, wenn gerade so ein Jahr wegfällt. Wir sind hier ganz gut mit Fördergeldern ausgestattet, allerdings ist auch nicht ganz klar, wie das im nächsten Jahr weitergeht. Ich komme aktuell noch ganz gut durch diese Situation. Da gibt es sicherlich genug Sportler, die nicht so entspannt auf die Situation gucken können. Da muss auf jeden Fall eine Lösung her.

Sie würden sich also für diese Sportler Unterstützung von zentraler Stelle wie beispielsweise aus der Politik wünschen, damit diese in der Coronakrise nicht wegbrechen?

Das ist ein gefährliches Thema, da wir die gleichen Probleme in vielen Branchen haben. Gerade Selbstständige oder Kleinunternehmer leiden sehr unter der aktuellen Situation. Da würde ich die Sportler dazu zählen, die viel investieren und gleichzeitig mit ihrem Sport über die Runden kommen müssen. Da müssen Lösungen her, damit solche Leute nicht wegbrechen.

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