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Die Rennfahrerlegende über den verschobenen Formel-1-Start

"Strietzel" Stuck exklusiv: "Hamilton wird brennen"

31.03.2020 07:26
Hans-Joachim Stuck ist eine deutsche Motorsport-Legende
© HOCH ZWEI
Hans-Joachim Stuck ist eine deutsche Motorsport-Legende

Hans-Joachim Stuck ist einer der legendärsten deutschen Rennfahrer aller Zeiten. Neben seiner Formel-1-Karriere, in der er zwischen 1974 und 1979 bei 74 Grands Prix an den Start ging, fuhr "Strietzel" Stuck auch noch jahrelang in der DTM sowie verschiedenste Langstreckenmeisterschaften. 

sport.de hat mit dem 69-Jährigen exklusiv über die motorsportfreie Zeit während der Corona-Krise, die weiteren Folgen für den gesamten Formel-1-Zirkus sowie den nahenden Todestag von Niki Lauda gesprochen. 

Herr Stuck, die wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Hans-Joachim Stuck: Vielen Dank der Nachfrage. Gott sei Dank geht es uns gut, wir haben uns mit ziemlicher Sicherheit noch nicht infiziert. Ich möchte dazu sagen, dass ich seit vielen Jahren in Österreich lebe und auch im Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft bin. Wir haben mit Bundeskanzler Sebastian Kurz und dem Tiroler Landeshauptmann Günther Platter zwei wirklich fähige Politiker, mit deren Vorgaben und Empfehlungen wir auf dem richtigen Weg sind.

Wie sehr fehlt Ihnen der Motorsport und wie vertreiben Sie sich stattdessen die Zeit?

Momentan ist der Motorsport natürlich etwas in den Hintergrund gerückt. Ich habe eine großartige Ehefrau und zwei Hunde, die jetzt voll auf ihre Kosten kommen. Jetzt ist erst einmal das Familienleben angesagt. Zudem kommt man zu Dingen, die man sonst nicht schafft – sei es, um Ordnung im Büro zu schaffen oder an meinen zwei Oldtimern zu basteln. Grundsätzlich bin ich ein sehr aktiver und hibbeliger Mensch, sodass mir die Entschleunigung bisher durchaus gut tut. Aber natürlich vermisse ich die persönlichen Kontakte. Wirtschaftlich gesehen müssen wir aber in absehbarer Zeit einen Weg finden, um die Beschränkungen zu lockern.

Konnten Sie nachvollziehen, dass die Absage des Formel-1-Auftakts in Australien so lange hinausgezögert wurde?

Zunächst einmal ist es grundsätzlich nachvollziehbar, dass die Formel 1 alles versucht hat, um zu fahren. Schließlich wurden Vereinbarungen getroffen. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass man sich die Reise nach Australien hätte sparen können. Vor allem für die italienischen Teams Ferrari und AlphaTauri waren die Vorbereitungen kritisch. Von daher kam die Absage für mich definitiv zu spät.

Inzwischen wurden alle Rennen bis Anfang Juni verschoben, Monaco wurde sogar komplett abgesagt. Welche Auswirkungen wird die Corona-Krise für die Königsklasse mit sich bringen?

Klar ist: Der Sport und andere Veranstaltungen wie Konzerte müssen vorerst hinten anstehen. Dennoch dürfen wir auch hier die wirtschaftlichen Probleme nicht außer Acht lassen. Es müssen Lösungen gefunden werden. Ich bin der Meinung, dass man den späteren Start der Saison jetzt nutzen kann, um das eine oder andere auf neue Beine zu stellen.

An welche Bereiche denken Sie?

Zum Beispiel: Brauchen wir wirklich 22 Rennen pro Jahr oder würde auch die Hälfte genügen? Zudem sollte man die neuen Regeln mit Blick auf eine mögliche Einsparung der Kosten überdenken. Vielleicht würde etwas weniger Technik auch dazu beitragen, dass die Leistungen der Fahrer wieder mehr Einfluss auf Sieg oder Niederlage hätten. Wir haben gute Leute wie Toto Wolff, Helmut Marko oder Jean Todt, die jetzt die Zeit nutzen sollten, um über grundlegende Dinge nachzudenken. Das halte ich für ganz wichtig.

Wird der unverhoffte Zeitgewinn für Ferrari sogar zu einem Vorteil? Der neue Bolide galt vor dem ursprünglichen Saisonstart nicht unbedingt als Sieger-Auto …

Richtig. Die Frage ist jedoch, wann im Ferrari-Werk wieder die Arbeit aufgenommen werden kann. Es muss weit über den Motorsport hinaus so langsam eine Regelung gefunden werden. Die Menschen, vor allem auch diejenigen, die der Risikogruppe angehören, müssen so geschützt werden, dass sie die eigenen vier Wände verlassen können. Aber Sie haben Recht: Auf die Formel 1 bezogen dürfen die Teams, die bisher Nachteile hatten, noch nachentwickeln.

Irgendwann wird es jedoch aus terminlicher Sicht eng, oder? Ein Kanada-GP im kalten Oktober wäre so gut wie undenkbar.

Das stimmt schon, aber warum soll man nicht auch mal an einem Wochenende zwei Rennen austragen?

… mit Freiem Training, Qualifying und dem Grand Prix?

Nein, man müsste die Regeln anpassen. Denkbar wäre doch ein Qualifying am Freitag, aus dem für beide Rennen die Startaufstellung hervorgeht. Warum nicht? Damit würde man auch den Fans entgegenkommen, die selbst vor einer schwierigen wirtschaftlichen Zeit stehen. So würden sie komprimiert Motorsport erleben.

Fest steht, dass die Formel-1-Saison ohne den Klassiker in Monaco gefahren wird. Welche Gedanken gehen Ihnen hier durch den Kopf?

Es ist einerseits sehr schade, denn Monaco ist eines der fünf Highlight-Rennen der Saison. Andererseits verstehe ich die Entscheidung, da man bei keinem Grand Prix so eng aufeinanderhockt wie im Fürstentum. Hinzu kommt, dass der Parcours keine permanente Strecke ist. Die können ja nicht das ganze Jahr die Leitplanken auf den Straßen stehen lassen.

Sie kennen die aktuellen Formel-1-Fahrer natürlich sehr gut. Wie kommen die Top-Piloten mit dieser Warteposition zurecht?

Dann fange ich mal mit mir an: Ich sitze absolut auf heißen Kohlen (lacht). Wie muss es dann erst den aktuellen Formel-1-Fahrern ergehen? Rennfahren ist ihr Hauptberuf. Lewis Hamilton wird darauf brennen, dass es endlich losgeht. Ich bin mir sicher, dass er jeden Tag im Simulator sitzt. Das gilt sicherlich auch für andere. Daniel Ricciardo ist ebenfalls sehr aktiv, wie ein Blick auf seinen Instagram-Kanal offenbart.

Trotz der Corona-Krise sollten wir andere wichtige Ereignisse nicht vergessen. Im Mai jährt sich der Todestag von Niki Lauda zum ersten Mal. Wie oft denken Sie an ihn?

Sehr häufig – und zwar aus zwei Gründen. Eigentlich hatten wir für seinen Todestag im Rahmen des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring eine Gedenkveranstaltung geplant. Ich sollte eine Laudatio halten. Zudem steht auf meinem Schreibtisch die Trauerkarte, die mir damals zugeschickt wurde. Der Spruch darauf gefällt mir sehr: "Fang' nie an aufzuhören und hör' nie auf anzufangen." Das passt eins-zu-eins zu Niki. Durch das Foto in meinem Büro sind wir heute noch nah beieinander. Sein Tod geht mir immer noch sehr nahe, zumal ich weiß, wie er die letzten Monate seines Lebens verbringen musste. Es war die Hölle für ihn. Niki hat immer die Weichen für die Zukunft gestellt, sein Tod ist ein riesiger Verlust.

Was denken Sie, wie Niki Lauda mit dieser Corona-Krise umgegangen wäre?

Der Niki hätte gesagt: "Geht jetzt alle mal heim, steckt die Köpfe zusammen und macht etwas Gescheites draus."

Das Gespräch führte Dennis Ebbecke

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