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Bundestrainer in Krisenzeiten: Löw als Gewinner

19.03.2020 13:08
Joachim Löw wurde am Mittwoch per Videochat zugeschaltet
© Eibner-Pressefoto /Thomas Boecker/DFB via www.imag
Joachim Löw wurde am Mittwoch per Videochat zugeschaltet

Jochim Löw hat sich mit einer bemerkenswerten Rede zur moralischen Instanz im deutschen Fußball aufgeschwungen. Der Bundestrainer könnte als Gewinner aus der Krise hervorgehen.

Joachim Löw verfolgte Angela Merkels dramatischen Appell an "Vernunft und Augenmaß" der Deutschen zu Hause in Freiburg - und war zufrieden mit seiner Kanzlerin. "Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst!", sagte Merkel, und befand sich mit ihrer "Blut, Schweiß und Tränen"-Rede über die Coronakrise als größte Herausforderung für Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg ganz auf Löws Linie.

Er erwarte, dass Merkel "die Menschen nochmal versucht zu erreichen, damit alle die Regeln, die vorgegeben sind, einhalten", hatte der Bundestrainer zuvor im Stile eines Staatsoberhauptes betont. Es war ein überaus bemerkenswerter Auftritt, nie dagewesen in 14 Amtsjahren als höchster deutscher Fußballlehrer. Löw zeigte Haltung - auch politisch mit seiner Kritik an "Macht, Gier, Profit". Der Fußballer Löw richtete den Blick weit über den Tellerrand hinaus - und gewann damit stark an Profil.

Trotz seiner Betroffenheit ließ der 60-Jährige klar erkennen, wie gerne er jetzt wie geplant mit der Nationalmannschaft ins EM-Jahr starten würde. Der Fußball aber sei aktuell nicht wichtig: "Wir befinden uns in einer Krise! Alle Menschen müssen jetzt und in Zukunft Solidarität zeigen, große Achtsamkeit. Alle müssen Abstriche machen, das ist sehr, sehr wichtig."

Löw geht mit gutem Beispiel voran, er will auf Teile seines Millionen-Gehalts verzichten - und hält sich ansonsten diszipliniert an die Corona-Regeln. Er verlässt sein Haus nur noch selten. "Für mich gilt, was für alle gilt", betont Löw, ganz Normalbürger. Wenn es ihm seine selbst auferlegte Zurückhaltung erlaubt, hilft er im engsten privaten Umfeld, wo er kann.

Löw setzt für EM 2021 auf ein eingespieltes Team

Ansonsten heißt es auch für Löw: Home Office. Zunächst will er den Kontakt zu seinen Profis intensivieren. "Es ist mir wichtig, wie es ihnen persönlich geht, ihren Familien und Freunden. Das werde ich die nächsten Wochen machen", sagte er. Um das Sportliche geht es dabei nur am Rande.

Dennoch entwirft Löw, entwirft auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) längst Zukunftsszenarien für die Nationalmannschaft. Mit der "alternativlosen" Verschiebung der EM ins Jahr 2021 "können wir gut umgehen", betonte DFB-Direktor Oliver Bierhoff, "wir müssen jetzt eben ein Jahr später planen".

Die für Ende März angesetzten Länderspiele gegen Spanien und Italien, die als Härtetests für die EURO gedacht waren, wurden auf Juni verschoben. "Es sind mal Termine anberaumt", sagte Löw. Wenn die Spiele überhaupt stattfinden können, sei ein Publikumsausschluss eine Möglichkeit, betonte DFB-Präsident Fritz Keller. Im schlimmsten Fall muss Löw bis September warten, ehe er seine Stars wieder versammeln kann - dann soll mit Spielen gegen Spanien und in der Schweiz die zweite Auflage der Nations League starten.

Das lange Warten auf die EM könnte Löw sogar in die Karten spielen - nicht nur wegen der Rückkehr der schwer verletzten Stammkräfte Leroy Sane und Niklas Süle. Das Einspielen seiner stark verjüngten Mannschaft habe zuletzt "nicht immer so reibungslos geklappt, wie man sich das vor einem Turnier wünscht", gab er zu. Einige der Jungstars seien "noch nicht am obersten Level ihrer Leistungsfähigkeit und Entwicklung". Das könnte in 15 Monaten anders sein - und Löw dann erneut zu einem Gewinner machen.

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