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"Große Reichweite" - klare Kante

Kimmich lässt Rassisten nicht gewinnen

25.02.2020 10:00
Joshua Kimmich hat sich zum Thema Rassismus positioniert
© RHR-FOTO / Dennis Ewert via www.imago-images.de
Joshua Kimmich hat sich zum Thema Rassismus positioniert

Eigentlich soll es um den FC Bayern gehen, doch dann ist Rassismus das Thema. Joshua Kimmich nutzt vor dem Champions-League-Spiel des deutschen Rekordmeisters beim FC Chelsea die Bühne, um sich klar zu positionieren. Vielleicht hat er ja zuvor mit seinem Mitspieler Leon Goretzka gesprochen.

Die Frage mag ihn nicht völlig überrascht haben, aber Joshua Kimmich antwortete bemerkenswert klar: "Wir Spieler haben eine große Reichweite, um uns gegen den Rassismus auszusprechen. Gerade der Fußball ist eine sehr große Chance, um dagegen anzukämpfen." Und diese Reichweite, das wollte er damit sagen, müssten er und seine Kollegen auch nutzen. "Wenn so etwas passiert, sollte jeder seine Stimme erheben." Warum das bemerkenswert ist? Weil Kimmich am frühen Montagabend im Medienraum an der Stamford Bridge vor dem Mikrofon saß, um über Fußball zu reden. Das gehört zu seinem Beruf. Mit dem FC Bayern spielt er (ab 21:00 Uhr im sport.de-Live-Ticker) gegen den FC Chelsea den ersten Teil des Achtelfinales der Champions League aus. Sportlich ist das von großer Bedeutung, es ist der wichtigste Vereinswettbewerb des Kontinents.

Oft verweisen Fußballprofis und ihre Pressesprecher bei solchen Gelegenheiten darauf, man möge doch bitte über Sport reden und nicht über unangenehme gesellschaftliche und politische Themen. Aber Kimmich, 25 Jahre alt, hat offenbar nicht nur erkannt, dass diese Dinge nicht zu trennen sind. Er nahm sich in London auch die Zeit, seine Haltung ausführlich zu begründen. Die Frage lautete, was Profis überhaupt gegen Rassismus tun könnten. Fans von Tottenham Hotspur hatten Antonio Rüdiger vom FC Chelsea am Samstag beim Spiel in der englischen Premier League rassistisch beleidigt. In eben dem Stadion an der Stamford Bridge, in dem Kimmich nun saß. Er und Rüdiger spielen beide für die deutsche Nationalmannschaft, da lag die Frage nahe.

Rüdiger, dessen Mutter aus Sierra Leone stammt, hatte nach dem Spiel, das Chelsea mit 2:1 gewann, sichtlich aufgewühlt ein Interview im Fernsehen gegeben. "Der Rassismus hat gewonnen. Das zeigt sich daran, dass diese Leute gewonnen haben, weil sie wieder ins Stadion gehen können." Schon in der Hinrunde war er im Stadion der Spurs angefeindet worden. Der Klub hatte versprochen, die Rassisten ausfindig zu machen und zu bestrafen. Passiert ist aber nichts. "Es ist nicht so, dass ich aufgebe oder meine Stimme nicht mehr erhebe. Ich werde immer wieder meine Stimme erheben", sagte Rüdiger. "Aber in dieser Hinsicht bin ich alleine."

"Der Fußball kann ein Vorbild sein"

Dem wollte Kimmich in entscheidender Hinsicht gar nicht widersprechen. "Für den Toni ist es natürlich anders als für mich, da ich nie Opfer von Rassismus geworden bin." Dennoch, oder besser: eben drum "sollten wir uns für Spieler wie Toni einsetzen". Er sei, sagte Kimmich, mit dem Fußball aufgewachsen. "Der Fußball kann ein Vorbild für unsere Gesellschaft sein, weil er sehr, sehr viele Werte verkörpert: Toleranz, Respekt, auch Vielfalt, einen gewissen Zusammenhalt." Es sei nie ein Thema gewesen, mit Spielern "aus verschiedenen Ländern, mit verschiedener Herkunft und mit verschiedenen Glaubensrichtungen" in einer Mannschaft zu sein. "Für uns Fußballspieler ist es völlig normal, dass Integration stattfindet und dass Rassismus kein Platz gegeben wird."

Und auch wenn er in jüngster Zeit den Eindruck gewonnen habe, dass der Rassismus gerade in den Stadien und auch in Deutschland zunehme, hoffe er natürlich nicht, "dass der Rassismus gewonnen hat". Kimmich zumindest hat sich positioniert. Und vielleicht ist das ja wirklich ein hoffnungsvolles Signal, wenn sich ein junger Profi vor einem wichtigen Spiel so klar äußert, wenn auch in einer Sache, in der es keine zwei Meinungen gegen dürfte - aber eben gibt. Vielleicht hat Kimmich sich ja mit Leon Goretzka unterhalten, seinem Mitspieler beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft. Der war zuletzt immer wieder mit klaren Aussagen aufgefallen. Das ist wie erwähnt ungewöhnlich für einen Profi, selbst in einer Zeit, in der viele junge Menschen so politisiert sind wie schon lange nicht mehr.

Goretzka trotzt Gegenwind

Dem "Spiegel" hatte Goretzka in der vergangenen Woche gesagt: "Rassismus muss im Keim erstickt und sanktioniert werden." Und er hatte auch zu erklären versucht, warum Fußballer sich oft scheuen, klar Stellung zu beziehen und Haltung zu zeigen. Dafür gebe es zwei Gründe. Zum einen bestehe die Gefahr, gerade in den sozialen Netzwerken "extrem Gegenwind zu bekommen. Da kommen Aussagen wie: Du bist kein Politiker! Spiel gefälligst Fußball!" Zum anderen sei man als Profi "generell vorsichtig mit öffentlichen Äußerungen, weil wir wissen, was manchmal daraus gemacht wird von Medien und allen, die in diesem Karussell mitfahren".

Das sei aber kein Grund für ihn, sich zurückzuhalten. Im Gegenteil. In einem bemerkenswerten Interview mit "spox.de", bei dem Goretzka auch darüber sprach, wie er als Jugendlicher das Konzentrationslager in Dachau besucht und geweint hatte, sagte er: "Ich kann meine Reichweite dazu nutzen, um eine gewisse Haltung zu vermitteln, sie im Optimalfall an junge Fußballfans weitergeben und so als Vorbild agieren. So kann ich meinen Teil dazu beitragen."

Als Mesut Özil bei seinem Rücktritt aus der Nationalelf nach der Weltmeisterschaft unter anderem dem damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel Rassismus vorwarf, hatte Joshua Kimmich sich noch zurückgehalten, wie Goretzka und die meisten seiner Kollegen auch. Jetzt hat er sich getraut.

Stefan Giannakoulis

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