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Lückenkemper: "Trainiere wie noch nie in meinem Leben"

21.02.2020 10:57
Gina Lückenkemper hat Großes vor
© CHAI via www.imago-images.de
Gina Lückenkemper hat Großes vor

Gina Lückenkemper zählt seit einigen Jahren zu den größten deutschen Leichtathletik-Stars. Im Interview spricht die erfolgreiche Sprinterin über ihr neues Leben in den USA - und ihre großen Ziele für Tokio.

Frau Lückenkemper, beim Hallen-ISTAF waren Sie zuletzt als Social-Media-Reporterin im Einsatz. Haben Sie da nicht Lust bekommen, doch noch bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig zu starten?

Gina Lückenkemper: Nein, nicht wirklich. Ich bin ja auch nicht die ganz große Hallenläuferin - die 60 m sind mir einfach zu kurz. Und nachdem die Vorsaison mit der WM im Oktober so lange gedauert hat, habe ich kein Problem damit, jetzt im Winter einfach nur zuzuschauen. Ich glaube auch, dass einige Athleten unterschätzt haben, was das für eine körperliche und mentale Belastung war.

Sie selber haben nach den Titelkämpfen in Doha große Veränderungen vorgenommen, seit November trainieren Sie in den USA. Wie fällt Ihr Fazit bisher aus?

Ich habe schon weit, weit vor der WM in Katar die Möglichkeit eröffnet bekommen, mich der Trainingsgruppe von Lance Brauman in Florida anzuschließen. Für mich stand dann ziemlich zügig fest: Das muss ich machen, das ist eine einmalige Chance. Aber natürlich bin ich trotzdem mit einem leicht mulmigen Gefühl dann rüber geflogen. Ich wusste, dass sich mein Trainingspensum völlig verändern wird. Für mich ist es schon abschreckend, wenn auf dem Plan Tempoläufe von über 250 m stehen - teilweise sogar bergauf. Das habe ich vorher nicht gemacht. Aber ich wusste, worauf ich mich einlasse. Wir haben im Vorfeld viele Gespräche geführt, Lance hat mich gefragt, ob ich das wirklich will und mir Entwürfe von seinen Ideen gezeigt. Und ich wollte ja raus aus meiner Komfortzone - und dafür war es genau der richtige Schritt. Ich trainiere so hart wie noch nie in meinem Leben, und mein Körper hat es bisher deutlich besser verkraftet, als ich es mir hätte vorstellen können. Was ich jetzt nach den drei Monaten schon für Fortschritte sehe, ist genial. Ich habe so viel lernen dürfen, gerade beim Start, da bin ich sehr, sehr positiv überrascht. Ich bereue den Schritt in keinster Weise.

Was sind die größten Veränderungen?

Für mich hat sich das Krafttraining wirklich extrem verändert - das liegt aber vor allem daran, dass ich davor in dem Bereich sehr wenig gemacht habe. Ich war früher an zwei Tagen in der Woche im Kraftraum, jetzt sind es vier. Man sieht es mir offenbar auch an (lacht, d.Red.). Wenn ich jetzt wieder in Deutschland bin, werde ich von Leuten, die mich länger nicht gesehen haben, darauf angesprochen, ob ich abgenommen habe. Ich habe aber kein Gramm abgenommen. Durch die viele Zeit im Kraftraum ist nur alles ein bisschen anders geformt, dadurch sieht alles ein bisschen anders aus. Insgesamt bin ich wohl etwas fitter, als ich es sonst um diese Jahreszeit war. Und da will ich mich nicht beschweren.

Wie sieht Ihr Leben vor Ort in den USA aus?

Dadurch, dass ich nicht auf Basis eines Visums einreise, sondern über das ESTA-System, kann ich keine Wohnung mieten. Während meinen ersten beiden Trainings-Blöcken habe ich in einer Ferienwohnung gelebt, das kenne ich schon, weil wir in den vergangenen Jahren immer wieder mit der Nationalmannschaft in Clermont waren. Ich habe mittlerweile vor Ort auch schon gute Kontakte geknüpft, so dass ich beim nächsten Mal bei Freunden wohnen kann. Von meiner Trainingsgruppe und den Coaches wurde ich wirklich sehr herzlich und offen empfangen, sie haben es geschafft, mir meine Anfangszeit so angenehm wie möglich zu machen. Mittlerweile treffe ich auch Freunde, um einen Kaffee trinken zu gehen oder abends etwas gemeinsam zu kochen - so dass ich nach dem Training nicht nur zu Hause sitze.

Was vermissen Sie am meisten?

Natürlich vermisse ich meine Familie, meine Freunde und vor allem auch mein Pferd Picasso. Aber ich weiß ganz genau, wofür ich das alles mache - ich will noch schneller werden. Und Familie und Freunde sind ja nicht aus der Welt, wir telefonieren über Video. Als ich zum ersten Mal rüber geflogen bin, hat mich mein Freund begleitet - aber der musste nach zwei Wochen natürlich auch wieder zurück nach Deutschland. Da habe ich mich die erste Zeit dann schon ein bisschen einsam gefühlt so alleine in einem fremden Land. Aber mittlerweile habe ich mich eingelebt.

Sie trainieren mit nicht ganz unbekannten Athleten zusammen, was können Sie von Stars wie Noah Lyles lernen?

Noah geht immer unfassbar fokussiert und motiviert ins Training. Gerade die Art und Weise wie er Tempoläufe, die richtig weh tun können, attackiert - da kann ich mir echt noch etwas abschauen. Denn Tempoläufe in dem Umfang, in dem Maße, wie ich sie jetzt absolviere, bin ich vorher so krass nicht gerannt. Wie die anderen in der Gruppe betrachtet Noah das Sprinten außerdem auch als seinen Job, ich bin da umgeben von Profis. Der Sport ist für sie alles - und das wollen sie eben richtig, richtig gut machen. Es ist für mich etwas Besonderes, das zu erleben. In Deutschland müssen viele Athleten, sowohl in der Leichtathletik als auch in anderen Sportarten, neben dem Training noch einen anderen Job ausüben. Ja, wir haben das große Glück, dass Sportler bei der Bundeswehr oder der Bundespolizei angestellt werden können, aber nicht jeder Sportler sieht sich da. Das ist eine tolle Möglichkeit, aber es ist auch spannend zu sehen, wie es woanders läuft. Und ich glaube nicht, dass man auf einem gewissen Niveau sowohl in den Sport als auch in einen anderen Beruf 100 Prozent investieren kann. Ich habe mir jetzt zum Beispiel ein Urlaubssemester genommen, weil ich mich derzeit nicht so sehr auf die Uni konzentrieren kann, wie ich es gerne würde. Und Larifari will ich nicht. Und ich glaube, dass das in Deutschland manchmal ein großes Problem ist. Da sind uns die Amerikaner und andere Nationen voraus.

Die Olympischen Spiele sind in diesem Jahr das große Highlight. Wie sehr spukt Tokio bei Ihnen schon im Kopf herum?

Es ist natürlich ein Ziel, dass mich täglich begleitet. So muss es auch sein. Diese Saison ist alles auf Tokio ausgelegt. Ich habe schon in einem Olympia- und in einem WM-Finale gestanden - aber eben in Anführungszeichen nur mit der Staffel. Das waren absolute Highlights, klar. Aber ich möchte es schaffen, mich auf der großen internationalen Bühne zu etablieren, dazu gehören Finalteilnahmen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen im Einzel. Und da möchte ich gerne hin.

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