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"Lebemensch" Hinz tritt aus dem Schatten

19.02.2020 11:22
Vanessa Hinz feierte den größten Triumph ihrer Karriere
© GEPA pictures/ Andreas Pranter via www.imago-image
Vanessa Hinz feierte den größten Triumph ihrer Karriere

Mit Einzel-Silber gelang Vanessa Hinz bei der Biathlon-WM der größte Erfolg ihrer Karriere. Es ist das Ergebnis eines langen Lernprozesses.

Für den Kampf mit ihrem inneren Schweinehund hat sich Vanessa Hinz ganz besondere Strategien überlegt. "Stumpfes Training", sagt die Biathletin, ist nämlich so gar nicht ihr Ding - schließlich sei sie zu sehr "Lebemensch". Und so bedarf es eben kleiner Tricksereien.

"Ich kann schon den Berg hochfahren, wenn man mir sagt, ich kriege oben einen Kuchen", scherzte die Bayerin. Auch die Belohnung durch einen Shoppingtrip oder einen Urlaub machen die Schindereien im Training erträglicher.

Als "bisschen andere" Sportlerin beschreibt sich Hinz deshalb, doch die Methode ging auf und führte sie bis zur Silbermedaille im WM-Einzel - nach dreimal Gold und einmal Silber in Staffel-Wettbewerben stand die 27-Jährige am Dienstag erstmals alleine auf dem Podium.

"Über zehn Jahre", berichtete Hinz, habe sie auf diesen einen Moment in Antholz hingearbeitet. Dabei hatte sie nur einen Tag vor dem größten Erfolg ihrer Karriere eine Medaille noch als "weit hergeholt" bezeichnet.

Hinz stand jahrelang im Schatten von Dahlmeier und Co.

Hinz hatte sich schon an ein Leben im Schatten gewöhnt. Laura Dahlmeier, Denise Herrmann - irgendeine deutsche Biathletin gab es immer, die die Medaillen abräumte und die Aufmerksamkeit auf sich zog.

"Ich habe über die Jahre hinweg gelernt, dass ich das für mich mache. Selbst wenn ich immer unter dem Radar laufen kann, muss ich am Schluss ins Bett gehen und sagen: Ich habe das Optimale rausgeholt", erzählte Hinz: "Das ist ein Punkt, den man lernen muss, und den ich zum Glück auch irgendwann gelernt habe."

Gelernt hat Hinz viel. Hatte sie früher noch oft gehadert und gezweifelt, geht sie nun anders an ihren Sport heran. "Es ist nie etwas Schlechtes, wo nicht auch etwas Gutes mit dabei ist", erklärte sie. Und diesen Ansatz musste sie in diesem Winter schon oft anwenden.

Hinz steckt Rückschlag gut weg

"Ich hatte diese Saison schon sehr viel zu knabbern, gerade nach Annecy ist es mir nicht gut gegangen", sagte Hinz. Beim Weltcup in Frankreich kurz vor Weihnachten hatte sie im Sprint einen indiskutablen 64. Platz belegt - ein Rückschlag von vielen.

"Da war ich froh, wieder daheim zu sein", sagte sie. Schließlich sei ihre Familie "einfach das Allerwichtigste", erzählte Hinz, "weil denen ist es total egal, wie gut ich bin. Die leiden mit mir mit, aber für die bin ich die Schwester, die Nichte, die Enkelin oder einfach die Tochter." Dort, daheim in Schliersee, holte sie Kraft für einen neuen Anlauf.

Den Kopf auch mal komplett von Biathlon, von Siegen und Niederlagen, freizubekommen, das ist Hinz wichtig. Und auch da hat sie sich Strategien und Tricks erarbeitet. "Lesen habe ich wieder für mich entdeckt", berichtete sie, besonders Psychothriller, etwa von Jo Nesbö oder Sebastian Fitzek, haben es ihr angetan: "Man kann in eine andere Welt fliehen und schaltet halt einfach ab. Das bringt mir verdammt viel." Mit der Silbermedaille um den Hals ist aber die reale Welt doch am schönsten.

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