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Neue Flügel, neue Aufhängung, neues Glück?

Mercedes, Ferrari, Red Bull: Wer hat das beste Gesamtpaket?

17.02.2020 17:25
Hat Ferrari 2020 endlich das beste Gesamtpaket?
© HOCH ZWEI / Italy Photo Press via www.imago-images
Hat Ferrari 2020 endlich das beste Gesamtpaket?

Kurz vor den ersten Testfahrten der neuen Formel-1-Saison wirft sport.de einen Blick auf die frisch vorgestellten Boliden der drei Top-Teams Mercedes, Ferrari und Red Bull. Wo hat es die vielversprechendsten Veränderungen gegeben? Wer bietet das beste Gesamtpaket?

Zwar gibt es bislang noch keine Anhaltspunkte, wer mit der größten Motoren-Power überzeugen kann, doch schon bei den Launches der drei Formel-1-Rennställe war das ein oder andere interessante Detail zu entdecken. 

Wir stellen markante Änderungen vor und wagen auf Grundlage der bisherigen Eindrücke eine kurze Prognose, bevor sich die Formel-1-Teams am 19. Februar für die ersten Testfahrten auf den Circuit de Catalunya in Barcelona begeben.

  • Der Frontflügel

Es verwundert kaum, dass Ferrari bei seinem SF1000 nur geringe Änderungen am Frontflügel vorgenommen hat. Schließlich galt die Anordnung der Leitbleche bereits in der letzten Saison als State-of-the-Art und wurde nicht umsonst im Laufe der Saison von Mercedes adaptiert. Für 2020 fällt der Einlass an der Nase etwas größer aus und soll damit für besseren Luftdurchfluss sorgen. Die Finnen sitzen deutlich weiter vorne. Die augenscheinlich größte Änderung liegt im Optischen: Schwarze Elemente sind weggefallen, der Flügel ist nun komplett in Rot gehalten 

Auch Mercedes hat bei seinem W11 am Frontflügelkonzept nur wenig geändert. Die eigentliche Revolution fand bei den Silberpfeilen bereits während der Saison 2019 statt. Markant bleibt auch 2020 weiter die Nase mit dem "Entenschnabel" sowie die schlanke Bauart der Front des Weltmeister-Wagens. Eine leichte Anpassung gibt es beim Cape-Flügel, der nun - beinahe etwas gefährlich anmutend - rechts und links spitz über dem Mercedes-Logo ausläuft. 

Nachdem Red Bull in der Vorsaison mit Blick aufs Chassis und insbesondere beim Frontflügel lange Zeit hinterhinkte, geht Chefdesigner Adrian Newey beim RB16 ganz neue Wege. Der "Schnorchel" vorn an der Nase hat zwei kleinere Lufteinlässe über dem großen Schacht spendiert bekommen. Neben dem Facelift, welches das Auto an der Spitze schlanker macht, hat sich der Bolide auch an den Seiten deutlich verändert. Von Mercedes inspiriert wurde in der Hoffnung auf mehr Abtrieb ein Cape-Flügel installiert, der allerdings deutlich sanfter daherkommt als am Silberpfeil. 

- Zwischenfazit: Evolution statt Revolution bei Ferrari und Mercedes. Diese dürfte aufgrund der vorhandenen Basis vor allem der Scuderia zugutekommen. Red Bull hingegen geht 2020 neue Wege. Chefentwickler Newey ist mit dem dreifachen Lufteinlass an der Nase ein Clou zuzutrauen. Anders als im letzten Jahr werden Max Verstappen und Alex Albon den neuen, schnittigeren Flügel auch bereits in Barcelona testen können. Dieses Mal will Red Bull keine Zeit verlieren. 


Mehr dazu: So sehen die neuen Formel-1-Autos aus


  • Bargeboards, Airbox und Co.

"Wir versuchen auf die maximale Aero-Performance zu gehen und versuchen, den Abtrieb zu maximieren", kündigte Ferrari-Teamchef Mattio Binotto zuletzt an. Da sich damit einhergehend auch der Luftwiderstand erhöht, hat das Team aus Maranello den Boliden zum Heck hin verschlankt und die Seitenkästen neu geformt. Neben neuen Spiegelhalterungen sind nun zwei L-förmige Aero-Elemente - liebevoll Hörner genannt - an der Airbox angebracht: ein Alleinstellungsmerkmal des italienischen Rennstalls.

Auch bei den Radaufhängungen hat man den letztjährigen SF90 konsequent weiterentwickelt: die Quer/Lenkstreben des SF1000 sind breiter und aerodynamischer geformt. Die Bargeboards sind deutlich komplexer geworden, ragen zwar nicht mehr ganz so weit nach vorn an die Räder heran, dafür aber bis fast hoch an die Chassis-Oberseite. Dem Vernehmen nach soll der Ferrari in 2020 zudem deutlich "steiler" daherkommen, erste Bilder lassen vermuten, dass der Anstellwinkel größer geworden ist. 

Mercedes hat diesem so wichtigen Teil des Fahrzeugs ebenfalls ein Facelift verpasst. Unter anderem sind die Kühleinlässe an den Seitenkästen komplett neu gestaltet. Auch die Radaufhängung vorne und insbesondere hinten haben eine sichtbare Überholung bekommen mit dem Zweck, einen größeren Luftdurchlass zu ermöglichen. Dazu wurden die Querlenker des W11 auch auf der Heckseite auf maximaler Höhe angebracht. 

James Allison zeigte sich mit den ersten Ergebnissen aus dem Windkanal zufrieden. Bei ersten Tests ging es dem Mercedes-Technikchef gar nicht darum, mehr Topspeed zu erhalten, sondern "mehr Abtrieb bei gleichem Luftwiderstand". Denn "dann sind wir effizienter geworden." Hierzu hat das Team aus dem britischen Brackley die Seitenkästen im hinteren Bereich noch enger angelegt und damit einen Trend, der bereits 2019 begonnen wurde, fortgesetzt. Trotz allem soll es 2020 keine Hitzeprobleme geben. 

Bei Red Bull hat man Lufteinlässe, Airbox und Co. des RB16 zu einem Großteil vom Vorgänger abgekupfert. Heißt: Der S-Schacht ist geblieben und wird von zwei kleinen Flügeln flankiert, mit denen der Rennstall zwar 2019 nicht in die Saison gestartet war, die aber später dazu kamen. Die vordere Radaufhängung wurde verändert. Die Quer- und Lenkstreben sind in einem flacheren Winkel angebracht, sorgen für geordneteren Luftdurchfluss. 

Im hinteren Bereich muss man - im Vergleich zu Ferrari und Mercedes - geradezu nach den Lufteinlässen suchen. Dafür fällt im direkten Vergleich umso mehr auf, dass auch Red Bull den RB16 deutlich schlanker gestaltet hat. Seitliche Flügel sind aerodynamischer geformt, auch die Spiegel wurden modifiziert.

- Zwischenfazit: Alle drei Boliden sind konsequente Weiterentwicklungen ihrer Vorgänger. Während Ferrari es mit deutlich veränderten Bargeboards und dem Vernehmen nach mit einem veränderten Anstellwinkel versucht, haben Mercedes und Red Bull im Bereich der Radaufhängungen teils gravierende Veränderungen vorgenommen.

Dass die Scuderia auf diese Weise mehr Abtrieb generieren wird, liegt auf der Hand. Ob die sonstigen aerodynamischen Änderungen reichen, um den Top-Speed auf den Geraden nicht vollends zu verlieren, bleibt jedoch offen. Mercedes hingegen scheint gut daran zu tun, gezielte Verbesserungen einzustreuen, das Grundgerüst jedoch nicht allzu sehr zu verändern. Auch Red Bull hat nach dem zweiten Halbjahr kaum Grund, allzu große Modifikation vorzunehmen.

  • Das Heck

"Alles ist viel enger", verriet Sebastian Vettel am Rande der Vorstellung des neuen Ferrari. Und tatsächlich: Nach hinten hin wird der SF1000 deutlich schmaler. Gut möglich also, dass die Scuderia auch unter der Haube in Bezug auf Kühlung und Luftdurchfluss einiges verändert hat. Zudem wurde der "Kamm" an der Motorhaube vergrößert. Der Heckflügel wird wie schon 2019 von einem doppelten T-Flügel unterstützt. 

Auch Mercedes hat den Heckflügel nicht grundlegend verändert. Am ehesten fällt noch der am Heck befindliche T-Flügel ins Auge.. Gut möglich jedoch, dass sich noch während der Barcelona-Tests Änderungen ergeben. Allison kündigte bereits an, dass es "erneut Upgrades für Melbourne" geben wird, "die in der zweiten Testwoche kommen". Anders als 2019 ist aber keine komplette Überarbeitung zu erwarten.

Red Bull hingegen hat einiges am hinteren Flügel verändert. Erstmals seit langem wird der Heckflügel von einer Doppelstrebe gehalten. Hintergrund: Durch diese Aufhängung soll der Neigungswinkel leichter einstellbar sind. Damit einhergehend sind beim RB16 nun die Wastegate-Rohre, also jene Leitungen, die überschüssige Abgase abführen, nun auch nach oben über den Auspuff gelegt worden. Die so genannte Mickey-Mouse-Anordnung. 

- Zwischenfazit: Während Ferrari und Mercedes beim Heckflügel auf Altbewährtes setzen, hat Red Bull den Aerodnynamikern mehr Spielraum gegeben, indem der Flügel nun an zwei Stützen befestigt ist. Gut möglich, dass der österreichische Rennstall das Setup noch besser auf die jeweiligen Strecken abstimmen kann als 2019. Etwas verwunderlich, dass insbesondere Ferrari mit Blick auf den Wunsch nach mehr Abtrieb kaum Veränderungen am hinteren Flügel vorgenommen hat.

  • Fazit:

Ferrari ist die Probleme aus 2019 intensiv angegangen. "Wir haben einige clevere Lösungen gefunden", erklärte Sebastian Vettel beim Launch des SF1000. Über den neuen Anstellwinkel will man mehr Abtrieb erreichen, auch die deutlich veränderten Bargeboards und Leitbleche könnten für eine bessere Lage auf der Straße sorgen. Wie viel Antriebskraft dabei allerdings auf den Geraden verloren geht, werden erst die Barcelona-Tests zeigen. 

Bei Mercedes wird derweil weiterhin solide gearbeitet. "Vor den Testfahrten wissen wir natürlich nicht, wo wir stehen und wie groß der Fortschritt wirklich ist. Es hat sich aber so angefühlt, als würden wir dort weitermachen, wo wir in Abu Dhabi aufgehört haben", erklärte Lewis Hamilton am Rande der Vorstellung des W11. Die ersten Anzeichen deuten daraufhin, als müsste sich der Weltmeister keine Sorgen machen. Der ohnehin schon höchst potente Wagen des Vorjahres wurde vor allem an der Vorderachse, den Seitenkästen und der Hinterradaufhängung weiterentwickelt. Offenbar sorgen die Veränderungen auch dafür, dass in 2020 keine Hitzeprobleme mehr auftreten.

Bei Red Bull sind Änderungen nicht sofort ersichtlich und doch wird beim genaueren Hinsehen ein neues Aero-Konzept offenbart, das bereits an der vordersten Front des Boliden beginnt. Wie sich die Doppelöffnung über dem großen Lufteinlass genau auswirkt, wird sich bei den ersten Testfahrten zeigen. Nach hinten hin hat der österreichische Rennstall seinen Rennwagen genauso verschlankt wie die Konkurrenz. Da der Honda-Motor schon 2019 in dieser Hinsicht keine Probleme machte, dürfte die Kühlung auch 2020 kein Thema sein. Zudem wurde die Hinterradaufhängung verändert, um mehr Luft in diesen Bereich zu bekommen. Dank der Veränderungen dürfte Red Bull noch näher an die beiden Schlachtrosse der Formel 1 herangerückt sein.

Chris Rohdenburg

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