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Anaylse zum Prokop-Aus beim Deutschen Handballbund

Prokops Timing-Problem: DHB findet einfach einen Besseren

08.02.2020 11:01
Christian Prokops Zeit als Coach der deutschen Handball-Nationalmannschaft ist abgelaufen
© Bertrand Delhomme via www.imago-images.de
Christian Prokops Zeit als Coach der deutschen Handball-Nationalmannschaft ist abgelaufen

Christian Prokop ist das Amt des Handball-Bundestrainers wieder los. Seine kurze Amtszeit ist ein Kampf: Mit Experten, Fan und anfangs mit der eigenen Mannschaft. Am Ende, als er sich endlich mal sicher fühlen darf, wird dem Leipziger schlicht das Timing zum Verhängnis.

Die Karriere als Bundestrainer hatte für Christian Prokop noch gar nicht angefangen, da hing dem damaligen Trainer des Bundesligisten SC DhfK Leipzig ein schwerer Stein um den Hals. Für die im Handball gewaltige Summe von 500.000 Euro hatte der DHB den 38-Jährigen aus seinem bis 2021 laufenden Vertrag herausgekauft - und das, obwohl gleich mehrere deutlich prominentere Kandidaten bereit gestanden hatten, den Job zu übernehmen, ganz ohne Ablöse. Martin Schwalb, einst Torjäger in der Bundesliga, später als Trainer Champions-League-Sieger mit dem HSV wollte gerne Bundestrainer werden, Markus Baur, als Spieler Weltmeister 2007, auch.

Mehr dazu: Die Netz-Reaktionen zum Prokop-Aus: "Die Art und Weise geht gar nicht"

Am Ende bekam aber, vor allem auf Betreiben von DHB-Vizepräsident Bob Hanning, der international völlig unerfahrene Prokop den Job. Es war von Anfang an eine Personalie, die Handball-Deutschland spaltete - auch wenn Prokop nach der Saison 2015/2016 zum "Bundesligatrainer des Jahres" gewählt wurde. Dieser junge Mann hatte von Anfang an keine Lobby. Prokop war schnell und bis zuletzt ein Mann von Hannings Gnaden. Und der streitbare Funktionär ist nicht eben wohlgelitten bei vielen in der Handballbranche. Entsprechend kaprizierte sich die Kritik nach der Demission Prokops auch flugs auf dessen Förderer. Es ist Teil der Tragik von Prokops nie ganz glücklicher Amtszeit, dass das überraschende Ende wohl vor allem kam, weil mit Alfred Gislason ein hochdekorierter Nachfolger für wenige Stunden zur Verfügung stand.

"Wir haben kein gutes Bild abgegeben bei der EM"

Es ist nun aber auch ein Teil der Wahrheit: Christian Prokop hat es während seiner kurzen Amtszeit, die aber immerhin drei große Turniere umfasste, nie geschafft, sich unverzichtbar zu machen. Er lieferte entweder genau die Ergebnisse, die wenn nicht zu erwarten, so doch mindestens zu erhoffen waren. Oder eben weniger, wie bei der schlimmen Europameisterschaft 2018. "Es soll größere Spannungen zwischen ihm und der Nationalmannschaft geben", diktierte dann auch der übergangene Schwalb: "Das hat jetzt nichts damit zu tun, dass ich irgendwann einmal Nationaltrainer werden möchte: Wir haben kein gutes Bild abgegeben bei der EM."

Recht hatte Schwalb aber dennoch, Prokops Ideen zündeten nicht, weder die Ausbootung von "Bad Boy" Finn Lemke, noch die Idee mit dem siebten Feldspieler im Schlüsselspiel gegen Spanien, Mannschaft und Trainer waren völlig entzweit. Ohne die bevorstehende Heim-WM 2019 hätten wohl mehrere Spieler ihren zumindest zwischenzeitlichen Rücktritt aus dem DHB-Team eingereicht. Erfahrene Nationalspieler wie Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek oder Uwe Gensheimer fremdelten schwer mit dem Trainer, Kapitän Gensheimer tat sich immer seltsam schwer unter Prokop. Auch 2020 enttäuschte der Weltklasseaußen völlig, sowohl sportlich als auch in seiner Rolle als Führungsspieler. Die gerade zu Ende gegangene Europameisterschaft lieferte Prokop erst spät gute Argumente für eine Weiterbeschäftigung.

In der Vorrunde hatte sich die Mannschaft weit unter ihren Möglichkeiten präsentiert, im frühen Schlüsselspiel gegen Spanien ging das DHB-Team sang- und klanglos unter. Erst nach dem Umzug aus Trondheim zur Hauptrunde in Österreich zeigten Uwe Gensheimer und Kollegen ihr schönes "Wien-Gesicht", wie es der Kapitän nannte.

Charaktertest bestanden, Job verloren

Christian Prokop wirkte aber in den Tagen von Wien oft mitgenommen von den Diskussionen um ihn und seine Arbeit, vor allem auf der Pressekonferenz nach dem zum "Charaktertest" hochgejazzten Spiel gegen Österreich. Dabei war es sein Abend, seine Mannschaft hatte gerade in einer begeisternden Atmosphäre den Gastgeber schwer vermöbelt, das 34:22 war mehr als ein sportliches Spektakel. Es war ein Fest. Und vielmehr noch war es eine Demonstration für den Bundestrainer. Seine Spieler hatten sich nach der schlimmen Enttäuschung gegen Kroatien, das maximal dramatisch das Ende der Halbfinalträume brachte, aufgerafft zu einer großen Leistung. Die scharfe Kritik von ehemaligen Weltklassehandballern wie Christian Schwarzer ("schon einige Dinge, die nicht so zusammenpassen") und Daniel Stephan ("nicht die Qualitäten, um den Bundestrainer abzugeben. Da fehlt mir einiges") konterten seine Führungsspieler scharf. Hinterher war kein Zentimeter Platz mehr für eine Trainerdiskussion, zumindest für den Moment.

Seine Spieler hatten vor den Augen eines Millionenpublikums Zweifel am Binnenklima zwischen Trainer und Mannschaft weggewischt. Es wäre ein Moment für Euphorie gewesen, mindestens für Erleichterung. Es folgten: Treueschwüre von Bob Hanning - "Die Trainer-Diskussion wurde nicht von uns, sondern medial aufgemacht" – und Axel Kromer, der versprach: "Wir werden natürlich mit Christian in Richtung Olympia gehen. Wir sind überzeugt davon, mit Christian einen hervorragenden Weg eingeschlagen zu haben." Das ist zwei Wochen her und jetzt ist Prokop weg.

Man habe Prokop bei der EM, die das deutsche Team auf Platz fünf beendet hatte, "mit voller Überzeugung den Rücken gestärkt. Mit dem zeitlichen und räumlichen Abstand haben wir eine Analyse vorgenommen, die einen etwas anderen Blick auf die Dinge vermittelt hat. Es tut mir leid für Christian Prokop. Das war nicht geplant", sagte der Chef des Deutschen Handballbundes.

Das Zeitfenster für Gislason war nur kurz geöffnet

Man kann es der versammelten DHB-Spitze nun abnehmen, was Präsidiumsmitglied Uwe Schwenker, der als Vertreter der Bundesliga in diesem Gremium sitzt, aussprach: Es sei eine Situation eingetreten, "die drei, vier Tage vorher noch nicht abzusehen war. Ich wusste, dass Alfred zu Verhandlungen im Ausland war, um dort einen Vertrag zu unterschreiben." Dabei ging es wohl um die russische Nationalmannschaft. Er habe auf der Präsidiumssitzung am Montag mitgeteilt, dass Gislason am Ende der Woche nicht mehr zur Verfügung stünde. Nach anschließender Diskussion habe sich die Mehrheit der Präsidiumsmitglieder dann für einen Trainerwechsel ausgesprochen. "Wir haben abgewogen, wo sind die größeren Chancen für die Zukunft - das hat den Ausschlag gegeben", berichtete Schwenker.

Wenn ein Mann vom Format eines Alfred Gislason auf dem Markt ist, der die Führungsspieler kennt, der über 20 Jahre in der Bundesliga tätig war und auf Vereinsebene nahezu alles gewonnen hat inklusive der Champions League, ist es die Verantwortung der DHB-Führung, ihn als Teil der Analyse zu begreifen. Und es ist richtig, Fehler zu korrigieren, notfalls gegen die öffentliche Meinung, aber mit Überzeugung. Das ist die Verantwortung des Verbandes. "Er übernimmt keine einfache Aufgabe, aber er ist eine gestandene Persönlichkeit und hat bei den Spielern aufgrund seiner Erfolge die nötige Akzeptanz", sagte Ex-Bundestrainer Heiner Brand der Deutschen Presse-Agentur. "Er wird etwas bewegen können."

Spieler reagieren geschockt auf das Prokop-Aus

Die Spieler jedenfalls sind geschockt vom Aus ihres Trainers, mit dem sie sich doch gerade erst während der EM wieder zusammengerauft haben. "Ich war geschockt, als ich die Nachricht bekommen habe. Ich hatte überhaupt keine Ahnung davon und war sprachlos im ersten Moment, weil ich niemals damit gerechnet hätte und es aufgrund der Ergebnisse auch nicht für nötig gehalten habe", sagte Kapitän Uwe Gensheimer bei Sky. Er habe das Gefühl gehabt, mit Prokop sei alles auf dem richtigen Weg gewesen, betonte der 33 Jahre alte Linksaußen. "Wir haben es mehrfach angesprochen, dass wir ein gutes Verhältnis zu Christian haben und ihn sehr schätzen. Deswegen kann ich das nicht nachvollziehen - unabhängig von der Qualität seines Nachfolgers", sagte Gensheimer.

Ähnlich sieht es auch sein Teamkollege Fabian Böhm: "Das war schon eine Überraschung, besonders nach dem Turnier und den Äußerungen, die da gemacht wurden. Ich wurde nicht mit eingebunden, ich weiß nicht, wie es bei anderen Spielern war", sagte er bei "Sky".

"Es war in der Außendarstellung enorm unglücklich", man müsse aber "pragmatisch handeln". Bei der Bewertung der Rolle des Bundestrainers spielte auch eine Rolle, wie der aufgetreten sei, die Zusammenarbeit zwischen Mannschaft und Trainer. Außerdem sei Teil der Analyse gewesen, wer denn als Alternative zur Verfügung stünde. Es war schlechtes Timing für Prokop, dass Alfred Gislason Zeit und Lust hatte, Bundestrainer zu werden. Denn sonst, so legten es die Stimmen während der Pressekonferenz des DHB nahe, wäre man wohl mit dem bisherigen Bundestrainer zumindest in die nahe Zukunft gegangen. Seine Analyse der Europameisterschaft sei in Ordnung gewesen, sagte DHB-Sportvorstand Axel Kromer. Auch das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer sei intakt gewesen, weswegen man die Mannschaft nicht wie 2018 in die Diskussion um Prokop einbezogen habe. Entsprechend überrascht waren die Spieler von der Nachricht.

"Eines der beschissensten Telefonate"

"Es war in der Außendarstellung enorm unglücklich", man müsse aber "pragmatisch handeln". Bei der Bewertung der Rolle des Bundestrainers spielte auch eine Rolle, wie der aufgetreten sei, die Zusammenarbeit zwischen Mannschaft und Trainer. Außerdem sei Teil der Analyse gewesen, wer denn als Alternative zur Verfügung stünde. Es war schlechtes Timing für Prokop, dass Alfred Gislason Zeit und Lust hatte, Bundestrainer zu werden. Denn sonst, so legten es die Stimmen während der Pressekonferenz des DHB nahe, wäre man wohl mit dem bisherigen Bundestrainer zumindest in die nahe Zukunft gegangen. Seine Analyse der Europameisterschaft sei in Ordnung gewesen, sagte DHB-Sportvorstand Axel Kromer. Auch das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer sei intakt gewesen, weswegen man die Mannschaft nicht wie 2018 in die Diskussion um Prokop einbezogen habe. Entsprechend überrascht waren die Spieler von der Nachricht.

Die Trennung von Prokop sei keineswegs auf Betreiben von Bob Hanning zurück gegangen. "Es stimmt nicht, dass Bob sich wesentlich ins Zeug gelegt hat, um diesen Trainerwechsel durchzusetzen. Er hat sich eher zurückgehalten", sagte Schwenker. Vielmehr habe er den Kontakt zu Gislason hergestellt und die Personalie auf der Präsidiumssitzung am vergangenen Montag thematisiert. Hanning selbst sagte, die Entscheidung gegen den 2017 von ihm verpflichteten Prokop habe ihm "sehr wehgetan. Nachdem wir die Entscheidung von Alfred hatten, haben wir das Christian mitgeteilt. Das war eines der beschissensten Telefonate, seit ich hier bin."

Gislason ist eine Lichtgestalt an der Seitenlinie

Mit der Verpflichtung von Alfred Gislason ist dem DHB nun ein Coup gelungen. 22 Jahre arbeitete der Isländer als Trainer in der Bundesliga, mit dem SC Magdeburg und dem THW Kiel gewann er die Champions League, sein Ruf ist gewaltig, auch wenn die ganz großen Titel zum Ende seiner Laufbahn nicht mehr beim THW Kiel landeten. Im Sommer 2019 beendete er seine Laufbahn als Vereinstrainer mit dem Gewinn des DHB-Pokals und und des EHF-Cups. Das strahlt alles deutlich mehr als "Bundesligatrainer der Saison". Gislason ist ein unbestrittener Weltklassetrainer, eine Lichtgestalt an der Seitenlinie. Die Reaktionen sind dahingehend einmütig.

Und auch viele Spieler freuen sich bei aller Überraschung auf ihren neuen Chef. Andreas Wolff, der den Isländer wie Wiencek und Pekeler aus der gemeinsamen Zeit in Kiel kennt, ist sich sicher: "Wir kriegen einen Trainer mit einer riesigen Erfahrung und einer großen Titelsammlung, der über Jahre in mehreren Mannschaften gezeigt hat, dass er zur Spitze der Trainergilde gehört." Laut Rückraumspieler Kai Häfner werde es mit Gislason "sehr, sehr gut" werden.

Gislason will neue Dynamik entwickeln

Es klingt ein wenig grotesk, aber mit der viel und ob der Entwicklung zurecht kritisierten Entlassung Prokops könnte der DHB einen Schritt zurück zur Einigung eingeleitet haben. Gislason ist unumstritten, der so impulsive Isländer ist ein Mann mit großer Vita und steht nicht im Verdacht, "installiert" worden zu sein, "im Alleingang" gar. Er ist nicht der Mann Hannings, er ist im Handball eine Weltmarke. Hinter Gislason können sich die Liga und der Verband versammeln, für Kritiker ist der Isländer mit der großen Vita unantastbar. Und damit unterscheidet er sich diametral von seinem Vorgänger. Gislason selbst sagt, er "habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass es für mich ein Traumjob ist, Handball-Bundestrainer zu sein."

Er kündigte schnelle Besuche bei den Bundesligavereinen und Gespräche mit den Nationalspielern an. "Ich werde versuchen, eine Dynamik zu entwickeln", sagte Gislason. Er werde aber "sicherlich nicht alles auf den Kopf stellen. Wir haben eine sehr homogene Mannschaft. Ich werde mit Sicherheit auf dem aufbauen, was bei der EM stattgefunden hat."

"Wir hatten einen hervorragenden Trainer"

Der Zeitpunkt für einen Trainertausch ist unglücklich. Schließlich steht vom 17. bis 19. April in Berlin das Turnier um die Olympiaqualifikation an.Es geht gegen Schweden, Slowenien und Algerien - nur die besten beiden dürfen nach Tokio. Zuvor gibt es nur noch ein Länderspiel: Am 13. März spielt das DHB-Team gegen die Niederlande, kein Gegner von Weltformat, auch wenn sie im ersten EM-Spiel durchaus zu beeindrucken wussten. Aber ein richtiger Test ist das nicht für den neuen Bundestrainer Alfred Gislason. Nur ein Spiel - und dann die wichtigste Prüfung des Jahres.

Axel Kromer schickte den Worten seines neuen leitenden Angestellten noch einen Gruß an dessen Vorgänger hinterher: "Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass wir einen hervorragenden Trainer hatten", Prokop könne sich bald aussuchen, wo er einen neuen Job antreten wolle. Den alten aber, den ist er los.

Till Erdenberger

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