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Kapitän Gensheimer "hätte niemals damit gerechnet"

Reaktionen auf Prokop-Aus beim DHB: "Ich war geschockt"

06.02.2020 23:01
Nicht mehr Nationaltrainer der deutschen Handballer: Christian Prokop
© Simon Hofmann, getty
Nicht mehr Nationaltrainer der deutschen Handballer: Christian Prokop

Der frühere Welthandballer Daniel Stephan sieht den Wechsel auf der Position des Männer-Bundestrainers positiv.

"Es ist die richtige Entscheidung. Christian Prokop war nicht der richtige Mann, er hat die Mannschaft nicht weiterentwickeln können", sagte Stephan dem "SID".

Der Deutsche Handballbund hatte elf Tage nach der EM am Donnerstag die Trennung von Prokop vollzogen, Nachfolger wird der langjährige Kieler Erfolgstrainer Alfred Gislason.

Stephan, der Prokop während der Europameisterschaft in Österreich, Schweden und Norwegen hart kritisiert hatte, zeigte sich dennoch überrascht: "Zumal der DHB sich ja bei der EM mit der aufgekommenen Kritik gar nicht richtig auseinandergesetzt hatte."

Gislason sei "ein erfahrener und hoch angesehener Trainer. Es ist ein Glück für den deutschen Handball, dass man so einen Trainer verpflichten kann."

Schwarzer übt Kritik: "Ich bin sprachlos, vor allem die Art und Weise"

Christian Schwarzer, Weltmeister von 2007, bemängelte die Umstände der Trennung. Während der EM, die Prokop mit der deutschen Mannschaft auf dem fünften Platz beendete, hatte der DHB dem Bundestrainer noch das Vertrauen für den erhofften Weg zu den Olympischen Spielen in Tokio im Sommer ausgesprochen.

"Ich bin sprachlos, vor allem die Art und Weise, wie da mit Menschen umgegangen wird, kann ich nur ganz schwer nachvollziehen", sagte Schwarzer dem "SID": "Eigentlich sollte der gehen, dessen Projekt das war, der das damals initiiert hat, mit Ablösesumme und allen anderen Nebengeräuschen."

Der mächtige DHB-Vizepräsident Bob Hanning hatte Prokop 2017 vom damaligen Bundesliga-Aufsteiger SC DHfK Leipzig als Nachfolger von Dagur Sigurdsson geholt. Es wurden 500.000 Euro Ablöse an Leipzig fällig.

Roggisch mit leichter Kritik an DHB-Spitze

Oliver Roggisch, Teammanager der deutschen Nationalmannschaft, übte am Donnerstagabend leise Kritik an der Trennung von Prokop.

"Ich glaube, dass Christian Prokop eine richtig gute Europameisterschaft gespielt hat mit der Mannschaft, die hinter ihm steht", sagte Roggisch bei "Sky". Die Entscheidung des Verbandspräsidiums sei daher "nach außen erst einmal schwer nachzuvollziehen".

Roggisch selbst war nach eigener Aussage "in keiner Weise in die Entscheidung eingebunden und heute genauso überrascht wie alle anderen auch, dass Christian beurlaubt worden ist", sagte der 41-Jährige.

Direkten Kontakt mit Prokop habe er noch nicht gehabt, ihm aber eine Nachricht via WhatsApp geschickt. "Jeder kann sich vorstellen, dass er sehr enttäuscht ist. Das muss er sicher erstmal sacken lassen", fügte Roggisch hinzu.

Nicht überrascht zeigte sich der Weltmeister von 2007 vom Prokop-Nachfolger. "Ich kann verstehen, dass Alfred Gislason interessant ist für jeden Verein und jeden Verband, wenn er auf dem Markt ist. Er ist ein erfolgreicher und großer Trainer", so Roggisch.

DHB muss "sich selbst hinterfragen - angefangen bei Bob Hannings Pulloverwahl"

Nationaltorhüter Andreas Wolff freut sich jedenfalls auf die Zusammenarbeit mit Gislason. "Wir kriegen einen Trainer mit einer riesigen Erfahrung und einer großen Titelsammlung, der über Jahre in mehreren Mannschaften gezeigt hat, dass er zur Spitze der Trainergilde gehört", sagte Wolff dem "SID".

Dierk Schmäschke, Geschäftsführer des deutschen Meisters SG Flensburg-Handewitt, bezeichnete die Ereignisse im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag als "völlig überraschend. Den Zeitpunkt kurz vor einem Bundesliga-Spieltag finde ich sehr unglücklich."

Die Verantwortlichen der Nationalmannschaft müssten "sich selbst hinterfragen - angefangen bei Bob Hannings Pulloverwahl bis hin zu öffentlichen Statements auf Pressekonferenzen - ob alles im Lot ist", sagte Schmäschke.

Geschockter Gensheimer "hätte niemals damit gerechnet"

Kapitän Uwe Gensheimer reagierte mit Unverständnis auf das Prokop-Aus. "Ich war geschockt, als ich die Nachricht bekommen habe. Ich hatte überhaupt keine Ahnung davon und war sprachlos im ersten Moment, weil ich niemals damit gerechnet hätte und es aufgrund der Ergebnisse auch nicht für nötig gehalten habe", sagte Gensheimer nach dem Bundesligaspiel der Rhein-Neckar Löwen gegen die MT Melsungen (30:33) beim TV-Sender "Sky".

Er habe das Gefühl gehabt, mit Prokop sei alles auf dem richtigen Weg gewesen, betonte der 33 Jahre alte Linksaußen. "Wir haben es mehrfach angesprochen, dass wir ein gutes Verhältnis zu Christian haben und ihn sehr schätzen. Deswegen kann ich das nicht nachvollziehen - unabhängig von der Qualität seines Nachfolgers", sagte Gensheimer.

Weitere Reaktionen:

Heiner Brand (ehemaliger Bundestrainer, bei "Sky"): "Zum jetzigen Zeitpunkt ist diese Entscheidung überhaupt nicht nachvollziehbar, so eine Entscheidung hätte man wenn, dann früher treffen müssen. Christian hat sich in seiner Amtszeit sehr wohl weiterentwickelt, die Frage ist natürlich, muss nicht der Bundestrainer von Anfang an jemand sein, der sich schon weiterentwickelt hat. Für Alfred wird das eine interessante Herausforderung, er ist eine gestandene Persönlichkeit, anerkannt in allen Bereichen, aber wir wissen ja auch um die Defizite der Mannschaft."

Viktor Szilagyi (Geschäftsführer des THW Kiel): "Wir wissen, mit welchem Einsatz und welcher Akribie Alfred arbeitet. Mit seiner Erfahrung, seinen Qualitäten und seinem Charisma ist er ein Gewinn für den deutschen Handball. Wir wünschen ihm alles Gute und viel Erfolg für seine neue Aufgabe und freuen uns auf seinen nächsten Besuch in der Arena - dann als Bundestrainer!"

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