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Kuhn: "Brady weiß sicherlich genau, was er will"

11.01.2020 10:20
Großes NFL-Interview mit Sebastian Vollmer und Markus Kuhn
© imago sportfotodienst
Großes NFL-Interview mit Sebastian Vollmer und Markus Kuhn

Die NFL-Playoffs biegen auf die Zielgeraden ein. Nachdem die New England Patriots mit Quarterback Tom Brady bereits die Segel streichen mussten, kämpfen noch acht Teams um einen Platz im legendären Super Bowl. 

Die ehemaligen NFL-Spieler Sebastian Vollmer und Markus Kuhn erklären im Interview mit unserem Partner-Portal ntv.de, warum Brady weitermacht und welche Quarterbacks seine legitimen Nachfolger werden können.

Die beiden "DAZN"-Experten beschreiben die Tortur der Football-Playoffs, verraten, wie man nach einem Super-Bowl-Sieg feiert - und erklären, warum man einen Super-Bowl-Ring nicht beim Aldi-Einkauf trägt...

Vor einer Woche schied Tom Brady mit seinen New England Patriots überraschend gegen die Tennessee Titans im Wild Card Game aus. Woran lag's?

Markus Kuhn: Für mich war das kein Schock. Ich habe mir schon gedacht, dass es für Brady gegen die Titans schwer werden könnte, weil sie die Patriots sehr gut kennen. New Englands Schwächen haben sich durch die ganze Saison gezogen. Nach mehreren Niederlagen ist die Magie Foxborough, die uneinnehmbare Heimstätte, weggefallen. Um Tom Brady herum fehlte es einfach an Talent. Gerade in der Offense. Da gab es nicht genug hochkarätige Spieler, um so ein Spiel auf Playoff-Niveau zu gewinnen.

Vollmer legt sich fest: Brady bleibt bei den Patriots

Sebastian Vollmer: Die Patriots sind zwar die Nummer eins in Sachen Defense und Special Teams. Aber offensiv hatte Brady außer Julian Edelman keinen von Rang um sich herum. Auch die Offensive Line hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Aber klar, auch Brady wird nicht jünger und die alte Garde der Quarterbacks wird langsam von der jungen abgelöst.

Sechsmal gewann Brady mit den Patriots den NFL-Titel, viermal war er Superbowl MVP: Geht eine Ära zu Ende?
Sechsmal gewann Brady mit den Patriots den NFL-Titel, viermal war er Superbowl MVP: Geht eine Ära zu Ende?

Die ganze Football-Welt diskutierte, ob Brady seine Karriere beendet. Jetzt ist klar, dass er weitermacht. Aber bei welchem Team?

Kuhn: Brady weiß sicherlich genau, was er will. Ich denke, seine Idealvorstellung wäre, bei den Patriots zu bleiben. Als einer der größten Quarterbacks der Geschichte will man seine Karriere natürlich nicht mit einem mit Pick-6 (ein Fehlwurf zu einem Gegenspieler, der daraufhin direkt einen Touchdown erzielt, wie geschehen im Spiel gegen die Titans; d. Red.) beenden. Deshalb werden wir Tom Brady nächstes Jahr höchstwahrscheinlich in der Patriots-Uniform wiedersehen.

Vollmer: Andererseits endet die Legacy manchmal einfach nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Natürlich ist Brady aktuell nicht mehr der beste Quarterback, aber 90 Prozent der NFL-Teams könnten sich glücklich schätzen, wenn sie ihn in ihren Reihen hätten. Die Frage ist aber, wie viel Geld er will und wie viel die Patriots einem dann 43-jährigen Quarterback bezahlen wollen. Bei fünf Millionen Dollar Basis-Gehalt sagen sie sicher nicht nein, aber will Brady 13 oder 14 Millionen, dann müssen sie sich überlegen, ob er das wert ist.

Neben Brady schied auch Drew Brees von den New Orleans Saints aus. Was macht die Ära der jungen, lauffreudigen Quarterbacks aus, die gerade beginnt?

Kuhn: Werfen wird immer am wichtigsten bleiben für den Quarterback. Aber inzwischen muss man sich nicht mehr entscheiden, ob man einen Spielmacher hat, der nur gut werfen oder gut laufen kann. Die Athletik und das Laufspiel werden immer stärker und die jungen Spieler können schon genauso gut werfen wie die alten Hasen – und auch der Wurf wird sich stetig verbessern.

Die jungen Wilden heißen Lamar Jackson von den Baltimore Ravens, Deshaun Watson von den Houston Texans oder Patrick Mahomes von den Kansas City Chiefs. Wer hat die Nase vorn unter den Talenten?

Vollmer: Für mich ist das Lamar Jackson. Er hat mit den Ravens auch das beste Team um sich. Letztes Jahr war Patrick Mahomes von den Chiefs zurecht der MVP und er spielt immer noch auf einem absolut hohen Niveau. Ich traue allen von ihnen einen Super-Bowl-Sieg zu.

Kuhn: Ja, Jackson hat einfach eine Wahnsinnssaison gespielt. Football ist ja auch eine Sportart, die mit Game-Plans gewonnen wird und so kann man nicht nur anhand von einfachen Zahlen sagen, wer wie gut war. Mahomes hat in der vergangenen Saison zwar mehr Touchdowns geworfen als 2019, aber dieses Jahr haben einige Teams zum Beispiel ihre Defensiven verbessert. Dadurch hat man weniger den Ball und versucht über das Laufspiel die Kontrolle zu behalten.

Nach den Wild Card Games beginnen nun die eigentlichen Playoffs. Was ist das Besondere an diesen K.-o.-Spielen?

Vollmer: Obwohl du zuvor 16 reguläre Saisonspiele gespielt hast, kommt dir bei einem Playoff-Spiel ein komisches Gefühl auf: Denn wenn du verlierst, gehst du nach Hause. Noch ein Meeting am nächsten Tag, aber das war's dann direkt. Und du weißt, dass es das Team, so wie es zu dem Zeitpunkt ist, wegen Draft, Trades und so weiter nie mehr geben wird. Vor allem möchtest du nicht der Grund sein, dass deine Teamkameraden nach Haus geschickt werden. Passiert dir in der Saison ein krasser Fehler, dann hast du noch mal die Chance das gutzumachen im nächsten Spiel. Passiert dir das in den Playoffs, ist alles vorbei.

Playoffs: "Der Körper tut einfach nur noch weh!"

Vom mentalen und physischen ist die Saison echt lang, aber du musst die Kraft finden, dich noch mal aufzuraffen. Wo kann man noch mehr machen? Welcher Stein kann noch umgedreht werden? In einem Playoff-Spiel musst du einfach die ganzen Zeit das Beste bringen, denn alles kann passieren.

Wie fühlt sich der Körper an in dieser Phase der Saison?

Vollmer: Der tut einfach nur noch weh! Du spürst jede Verletzung aus der Saison und hast keine Zeit, die wirklich auszukurieren. Du versuchst einfach noch durchzukommen und nutzt jeden mentalen Trick, um dich für das Spiel aufraffen zu können. In den Playoffs ist kein Spieler mehr bei 100 Prozent. Aber sie haben auch etwas Positives, denn das Ende der Saison ist in Sicht.

Vor diesem Ende will jeder Spieler den sagenumwobenen Super Bowl erreichen.

Vollmer: Wenn du es in den Super Bowl schaffst, ist das noch mal eine ganz andere Geschichte. Du weißt, die ganze Welt schaut dir zu. Du sitzt dann eine Woche vorher im Hotel und bereitest dich vor, alle TV-Kanäle sprechen über dich und dein Team und du spürst, wie riesig die Aufmerksamkeit ist.

Was bedeutet der Super Bowl Sunday in den USA?

Kuhn: Der Super Bowl ist das größte Sportereignis der Welt und wird in den USA wie ein nationaler Feiertag begangen. Auch wenn du kein Football-Fan bist, jeder guckt an diesem Sonntag das Spiel, geht auf Super-Bowl-Parties. Man schaut mit einem lachenden und einem weinenden Augen zu, weil man weiß, dass nach dem Super Bowl eine Durststrecke mit Football-Pause eintritt.

Wie feiern die Spieler den Gewinn des Super Bowl?

Vollmer: Ich habe schon beide Seiten erlebt, die Niederlage im Super Bowl und den Sieg. Vor dem Hintergrund, dass das Team zum letzten Mal in dieser Konstellation zusammen ist, feiert man den Abschluss des kompletten Jahres. Du weißt, dass du vielleicht mit deinen Freunden nicht mehr zusammenspielen wirst. Das ist bittersweet - bittersüß. Du versuchst den Abend einfach zusammen zu genießen. Das ist auch bei einer Niederlage der Fall.

Kann man das nach so einer mental und physisch kräftezehrenden Saison überhaupt noch genießen?

Vollmer: Du bringst vor allem auch deine Familie mit auf die Feier, um ihnen deinen Dank auszudrücken, ihnen irgendwie etwas zurückzugeben. Es ist extrem, was die Familien über eine komplette NFL-Saison einstecken müssen. Da kümmert man sich als Spieler wirklich um gar nichts, das muss man so ehrlich sagen. Der Sport regiert von morgens bis abends. Training, Reha, Fitness, Massagen. Viel Persönliches bleibt einfach auf der Strecke, du verpasst Geburtstage und Hochzeiten, an Silvester bist du eh schon um 21 Uhr im Bett.

Wird man anschließend als Footballspieler anders betrachtet, wenn man den Super Bowl gewinnt?

Vollmer: Es ist ein Titel, den einem niemand mehr nehmen kann. Dich selbst siehst du aber nicht anders, auch für die anderen Spieler wirst du als Super-Bowl-Champion nicht besser oder schlechter.

Kuhn: Also von mir verlangt Sebastian immer, dass ich ihn mit "Champion" anspreche. (lacht) Dann trägt er seinen Ring vor mir spazieren.

Was stellen die Spieler eigentlich mit dem Super Bowl Ring an?

Vollmer: Das Ding ist ja wirklich pompös. Du bekommst den bei einer Feier mit dem Eigentümer und das ist auch schön. Aber danach läufst du nicht mit dem Super-Bowl-Ring durch Aldi. Den bewahrst du in einer Bank oder in einem Safe auf und holst ihn mal für bestimmte Veranstaltungen raus.

Im Sommer 2016 trainierten Vollmer (li,) und Kuhn gemeinsam bei den Patriots
Im Sommer 2016 trainierten Vollmer (li,) und Kuhn gemeinsam bei den Patriots

Im Conference-Halbfinale an diesem Wochenende steht nur eins von acht Teams, das auch im vergangenen Jahr in dieser Runde ums Weiterkommen kämpfte. Erleben wir die unberechenbarsten Playoffs aller Zeiten?

Kuhn: Die Playoffs sind jedes Jahr unglaublich spannend. Dieses Jahr haben wir aber extrem viele aufregende Spieler, tolle individuelle Talente wie die genannten Jackson oder Mahomes. Auch Russell Wilson von den Seahawks und Aaron Rodgers von den Packers zuzusehen, macht immer super viel Spaß. Die beiden treten ja gleich im Conference Halbfinale gegeneinander an und wir dürfen kommentieren – da freue ich mich schon.

Vollmer: In den letzten 14 von 15 Super Bowls standen immer Tom Brady, Ben Roethlisberger, oder Peyton Manning auf dem Feld. Die alte Garde war immer dabei, was echt beeindruckend ist, aber das ändert sich jetzt. Du hast jetzt nur noch Rodgers mit den Packers als "Oldie" unter den acht verbleibenden Teams. Mit den ganzen jungen Quarterbacks wird es richtig spannend und intensiv.

Kuhn: Das Coole am Football ist ja, wie das Ligasystem aufgebaut ist, dass mit dem Draft eine gewisse Ausgeglichenheit erreicht werden soll. Das schlechteste Team kann sich immer den besten Jungspieler holen. Jeder Fan kommt auf die Kosten, weil er die Chance hat, dass sein Team oben mit dabei ist.

Die Experten legen sich fest: Die Ravens holen den Super Bowl

Gibt's am Wochenende noch mal eine Überraschung wie bei Brady und Brees?

Kuhn: Ich glaube, dass die Seahawks eine gute Chance haben, die Packers im Lambeau Field zu schlagen. Wenn man das überhaupt Überraschung nennen kann. Ansonsten werden die Favoriten weiterkommen, San Francisco 49ers gegen die Minnesota Vikings und in der AFC die Baltimore Ravens und die Kansas City Chiefs.

Vollmer: Ich glaube auch, dass sie die Favoriten durchsetzen werden. Aber alle Teams haben eine Chance, manchmal braucht es nur eine kritische Entscheidung eines Schiedsrichters oder einen Fehler im Team. Oder es kann wieder niemand Running Back Derrick Henry von den Tennessee Titans aufhalten wie im Wild Card Game gegen die Patriots. Wer weiß.

Wer gewinnt am Ende den Super Bowl?

Beide: Die Ravens sind dieses Jahr so stark, die werden die Trophäe mit nach Hause nehmen.

Mit Markus Kuhn und Sebastian Vollmer sprach n-tv-Redakteur David Bedürftig

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