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WM-Aus, Wembley, Equal Pay! Voss-Tecklenburg zieht Bilanz

27.12.2019 11:23
Martin Voss-Tecklenburg coacht das DFB-Team seit einem Jahr
© Alex Burstow, getty
Martin Voss-Tecklenburg coacht das DFB-Team seit einem Jahr

Martina Voss-Tecklenburg blickt nach ihrem ersten Jahr als Fußball-Bundestrainerin zurück und voraus. Im großen Interview spricht die 52-Jährige auch über Millionengehälter im Frauenfußball, gesellschaftliche Haltungsfragen und ihre schwangere Nummer eins.

Frau Voss-Tecklenburg, Ihr erstes Jahr als Bundestrainerin ist vorbei - was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Martina Voss-Tecklenburg (Fußball-Bundestrainerin): Die sind sehr vielfältig. Sportlich gesehen haben wir 14 Spiele gemacht, eines davon verloren. Das macht die Bilanz aus anderer Sicht vielleicht negativ, meine Bilanz ist sehr positiv, weil wir dieses Jahr viel bewegt haben. Wir sind mit dem Trainerstab gewachsen, aber auch als Team. Es hat sich bewahrheitet, dass die WM einen Tick zu früh kam für uns alle. Wir konnten manches noch nicht wissen, zum Beispiel: Wie funktionieren Spielerinnen unter Druck? Oder wie kommen wir mit unserem Fußball mit welchen Spielerinnen auf welcher Position zum besten Ergebnis? Das haben wir alles analysiert.

Und Ihre persönlichen Erkenntnisse?

Das betrifft vor allem die Verarbeitung, wenn man über 200 neue Menschen kennengelernt hat. Ich musste die Abläufe im DFB kennenlernen - der ganze Apparat ist ja doch viel größer, als ich das vorher kannte.

Das klingt in einem WM-Jahr nach einer echten Herausforderung...

Es war ein herausforderndes Jahr, sehr spannend, sehr facettenreich, bereichernd. Ich bin immer noch total glücklich, dass ich diesen Job machen darf.

Gehen Sie optimistisch ins neue Jahr, obwohl Sie beim Highlight Olympia nach dem WM-Aus im Viertelfinale zum Zuschauen verdammt sind?

Das kann auch positiv sein, weil es Ruhe gibt für das, was man auf der geschaffenen Basis optimieren und aufbauen will. Es nutzt ohnehin nichts, zu lamentieren. Wir werden 2020 viele gute Länderspiele haben, gerade in der zweiten Jahreshälfte werden wir Stand jetzt auf vier qualitativ sehr starke Gegner treffen. Wir können zudem schauen, wie unsere schon im A-Team angekommenen Jungen eine U20-WM spielen. Da haben sie eine ganz andere Rolle. Und mit Blick auf die EM 2021 kann es für unsere etablierten Spielerinnen auch positiv sein, dass sie mal ein turnierfreies Jahr haben.

Wie wichtig war das Länderspiel Anfang November in Wembley, wo Ihr Team vor fast 78.000 Zuschauern 2:1 gewonnen hat?

Es war nicht nur Werbung für den Fußball, es war für mich ein Zukunftsspiel. Es kann vor allem sehr wertvoll werden, wenn wir bei der EM in England dabei sein sollten.

Zum großen Thema 'Equal Pay' für Fußballerinnen haben Sie davor gesagt, man müsse erst einmal 'Equal Play' erreichen. Wie meinen Sie das?

Equal Play heißt für mich, dass alle Mädchen, die Fußball spielen wollen, auch die Möglichkeiten dazu haben. Es gibt noch immer Vereine, Trainer, Funktionäre, die Mädchenfußball nicht so gleichberechtigt und selbstverständlich sehen, wie wir das brauchen. Wir müssen noch viel kämpfen und Überzeugungsarbeit leisten. Hinzu kommt, dass wir nicht über 'Equal Pay' reden können, weil unsere grundsätzlichen Strukturen anders sind. Die Erlöse, die wir mit dem Frauenfußball generieren, sind nicht die gleichen wie im Männerfußball. Von daher müssen wir das in diesem Bereich in Relation setzen. Und im Verhältnis wachsen wir und schieben Entwicklungen an. Verbessern können wir uns aber in der Frage der Haltung.

Die allgemeine Wertschätzung?

Ja. Welche Haltung haben wir als Gesellschaft gegenüber dem Frauenfußball? Was wir auf jeden Fall immer wieder herausstellen dürfen, sind die bei uns transportierten Werte. Viele negative Begleiterscheinungen des Fußballs gibt es bei uns nicht. Wir spielen einfach ehrlichen, leidenschaftlichen Fußball. Mit diesem Pfund dürfen wir wuchern, weil es echt ist. Es ist nicht gespielt, nur damit wir uns abheben. Wenn wir über gesellschaftliche Themen sprechen, dann ist der Frauenfußball ein Vorbild in vielen Bereichen. Wir sehen junge Frauen, die Vorbilder sind, die teils wegen der dualen Karriere Doppel- und Dreifachleistungen bringen. Das dürfen wir mehr in den Fokus stellen.

Wieso tut Deutschland sich da so schwer?

Das hat viel mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun. Wir sind da hinsichtlich Frauenrollen und -förderung im Vergleich mit anderen Ländern sehr unterschiedlich. Fußball war in Europa lange Zeit nur als Männersport assoziiert. Das ist in den USA ganz anders, deswegen ist die Situation dort nicht mit unserer vergleichbar. Ich kann mir aktuell noch nicht vorstellen, dass wir bald den Status wie dort erreichen, dass unsere Nationalspielerinnen in Deutschland drei bis fünf Millionen Euro verdienen, weil sie tolle Sponsoren haben, in jede zweite Talkshow eingeladen werden, Heldinnen sind und derart Einfluss auf gesellschaftliche Themen nehmen können.

Ist das denn in anderen europäischen Ländern denkbar?

Nein, im Moment nicht. Aber vielleicht bewegt sich da etwas.

Ist das Vollprofitum der nötige nächste Schritt für die Frauen-Bundesliga, um Anschluss zu halten?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben ja hervorragende Strukturen in Deutschland im Männerfußball. Die Bundesliga ist toll, die Vermarktung ist toll. Wenn wir es schaffen würden, das eins zu eins in den Frauenfußball mitzunehmen, dann wäre das klasse.

Sie sind in der Männer-Bundesliga gut vernetzt, ist ein Umdenken spürbar?

Das ist schwierig zu greifen. In der Akzeptanz ohne Frage überall. Das alleine reicht aber nicht aus. Es braucht Unterstützung.

Zurück zu ihrem Team - gerade die Youngster haben in diesem Jahr überzeugt. Haben Sie diese Entwicklung von Spielerinnen wie Giulia Gwinn, Klara Bühl oder Lena Oberdorf so kommen sehen?

Nein, aber das war auch nicht unsere Fragestellung. Wir haben ganz klar gesagt: Wir brauchen eine Zukunftsachse. Das braucht Zeit. Dass die Jungen das so gut machen und auch explizit individuell in ihren Rollen wachsen, ist schön.

Eine der gestandenen Spielerinnen wird noch eine Weile fehlen. Torhüterin Almuth Schult erwartet Nachwuchs...

Als sie mich anrief und sagte, dass sie etwas länger ausfällt, habe ich gleich gesagt: Du bist schwanger! Ich freue mich sehr für Almuth und ihren Mann. Wir wissen alle, wie ehrgeizig sie ist, doch bevor man über ein Comeback nachdenkt, steht jetzt über allem die Gesundheit. Alles andere wird folgen, ohne Druck. Wir sind ja auch gut aufgestellt, Deutschland muss sich wenig Gedanken machen über gute Torhüterinnen und Torhüter (lacht).

Ist die Zeit denn reif für eine Mama im Nationalteam?

Natürlich. Wie das nachher aussieht, muss man individuell lösen. Das hat auch viel damit zu tun - das weiß ich ja selbst - wie gesund sind Kinder zu Hause, wen hat man als Unterstützung. Almuth hat eine große Familie, aber sie wird auch jeglichen Support von uns bekommen. Da ich eine Bundestrainerin bin, die das selbst erlebt hat, ist ja völlig klar, dass wir da immer lösungsorientiert vorgehen werden.

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