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Gestern BVB-Kandidat, heute Krisenmanager

Wie viel Schuld trägt Kohfeldt an der Bremer Misere?

14.11.2019 13:33
Florian Kohfeldt steckt mit dem SV Werder Bremen im Tabellenkeller fest
© unknown
Florian Kohfeldt steckt mit dem SV Werder Bremen im Tabellenkeller fest

Knapp zwei Jahre lang ging es für Florian Kohfeldt beim SV Werder quasi nur bergauf. Doch im Spätherbst 2019 ist der 37-Jährige plötzlich als Krisenmanager gefordert. Umstritten bleibt, wie viel Schuld der unlängst sogar beim BVB gehandelte Coach am Absturz der Bremer trägt.

Ende März stand die Fußball-Prominenz Schlange, um Florian Kohfeldt zu gratulieren. Dem gebürtigen Siegener war eine besondere Ehre zuteil geworden: Die Auszeichnung als "Trainer des Jahres 2018". Reinhard Grindel, damals noch DFB-Präsident, schwärmte: "Unter ihm spielt Werder Bremen frischen, begeisternden und erfolgreichen Fußball." Nur sieben Monate später sind die Lobeshymnen verstummt.

Elf Punkte aus elf Partien, sieben Liga-Spiele ohne Sieg und 24 Gegentore haben den SV Werder, der mit dem Saisonziel Europacup angetreten war, in unmittelbare Nähe zur Abstiegsregion gebracht. Ebendahin, wo kein Bremer mehr sein wollte.

Kohfeldt kennt die Situation: Als er die Hanseaten im Oktober 2017 vom glücklosen Alexander Nouri übernommen hatte, waren sie Vorletzter. In erstaunlich kurzer Zeit gelang es dem beförderten U23-Coach damals, einer verunsicherten Mannschaft neues Leben einzuhauchen. Der Jahrgangsbeste der DFB-Trainerausbildung 2015 ließ sein Team zur Freude der Fans offensiv und mutig spielen - egal, ob der Gegner FC Bayern München oder FC Augsburg hieß.

Was in der Vorsaison noch fast zum Einzug in die Europa League reichte, ist neuerdings ein Problem. Denn: Werder hält meist gut mit, gewinnt aber nicht mehr. Kein Wunder, dass sich der Wind an der Weser langsam dreht.

Kohfeldt bekommt die dramatische Standardschwäche nicht in den Griff

Zwar sitzt Kohfeldt weiter fest im Sattel, muss sich derzeit allerdings ungewohnt viele kritische Fragen gefallen lassen. Die Drängendste: Wieso bekommen die Bremer ihre dramatische Standardschwäche nicht in den Griff?

Beim jüngsten 1:3 in Gladbach kassierten die Grün-Weißen bereits den zehnten (!) Gegentreffer nach einem ruhenden Ball. Kohfeldt flüchtete sich anschließend in Galgenhumor. "Ich beantrage, dass wir künftig ohne Standards spielen", unkte der Übungsleiter.

Umso kurioser, dass der SVW erst in der Sommerpause einen Spezialisten für diese Disziplin ins Trainerteam geholt hatte. Doch seit Ilia Gruev mit der Mannschaft arbeitet, läuft defensiv nichts mehr zusammen.

Freilich wirkt die unglaubliche Verletzungsmisere, die zwischenzeitlich zwölf Profis gleichzeitig außer Gefecht gesetzt hatte, bis heute nach. Nahezu wöchentlich musste Kohfeldt seine Viererkette umbauen, Automatismen konnten sich so nicht entwickeln.

Trotzdem ist der Chefcoach nicht nur Opfer der widrigen Umstände.

Kohfeldts Nibelungentreue wird zum Dilemma

Im eigentlich ruhigen Bremer Umfeld mehren sich Stimmen, die Kohfeldts personelle Entscheidungen hinterfragen. Seit Wochen hält der 37-Jährige an formschwachen Spielern fest, die das Vertrauen nicht rechtfertigen.

Hinten links hat der Österreicher Marco Friedl aktuell einen Freifahrtschein, obwohl er den Nachweis seiner Bundesliga-Tauglichkeit bislang schuldig geblieben ist. Der Vertreter des dauerverletzten Ludwig Augustinsson wurde von der Konkurrenz längst als Achillesferse der Abwehr ausgemacht, oftmals laufen nahezu alle Angriffe des Gegners über seine Seite.

Und Kohfeldt? Der lässt den gelernten Innenverteidiger weiter auf einer Position ran, die ihm offenkundig nicht liegt. Diese Nibelungentreue wird immer mehr zum Dilemma. So wenig er am Ausfall der Leistungsträger Augustinsson und Niklas Moisander ändern kann - die Formierung einer harmonierenden Elf liegt letztendlich in der Verantwortung des Trainers. Und ebendieser wird Kohfeldt momentan zu selten gerecht.

Ein weiteres prominentes Beispiel ist Maximilian Eggestein. Das Eigengewächs zollt dem anstrengenden EM-Sommer Tribut, ist augenscheinlich total überspielt. Doch Kohfeldt gewährt ihm die dringend benötigte Verschnaufpause nicht. Dabei verfügt der Kader mit Philipp Bargfrede über eine hochwertige Alternative.

Schwieriger ist die Lage im Tor. Jiri Pavlenka, der in den vergangenen beiden Spielzeiten zu den besten Keepern der Bundesliga zählte, steckt in einer handfesten Krise. Der einstige Rückhalt ist inzwischen zum Risikofaktor mutiert. Dass Kohfeldt dem Tschechen dennoch den Rücken stärkt und Herausforderer Stefanos Kapino zappeln lässt, ist nachvollziehbar, andernfalls wäre Pavlenka völlig demontiert.

Die Transferstrategie von Werder Bremen darf angezweifelt werden

Zugutehalten muss man Kohfeldt, dass er in Bremen mit begrenzten Mitteln arbeitet. Jahr für Jahr stehen die Verantwortlichen um Manager Frank Baumann vor der kniffligen Aufgabe, das Team mit vergleichsweise geringem Budget umbauen zu müssen. In den letzten Wechselperioden klappte das sehr ordentlich, Zugänge wie Milot Rashica und Davy Klaassen haben nicht nur das spielerische Niveau, sondern auch ihren Marktwert deutlich erhöht.

Im vorigen Sommer lagen die Norddeutschen jedoch häufig daneben. 13,7 Millionen Euro wurden in die Käufe beziehungsweise Leihen von Friedl, Niclas Füllkrug, Ömer Toprak, Michael Lang und Leonardo Bittencourt investiert. Die Zwischenbilanz der Neuen fällt aus unterschiedlichen Gründen ernüchternd aus.

Nahezu ausschließlich auf Profis zu setzen, die über möglichst viel Erfahrung in Deutschlands höchster Spielklasse verfügen, in ihren Ex-Klubs aber nur sporadisch zum Zug kamen, zahlt sich bislang nicht aus. Insofern darf auch Werders Transferstrategie angezweifelt werden. Manch ein Versäumnis, allen voran das Fehlen eines Augustinsson-Backups, rächt sich jetzt.

Wie wollen die Bremer nun der Negativspirale entkommen? Zuallererst mit Beständigkeit: "Wer das Spiel in Gladbach gesehen hat, kann nicht ernsthaft sagen, dass der Weg der falsche ist", stellte Kohfeldt kürzlich klar. Noch stimmt ihm die Mehrheit zu, immerhin hat Werder zuletzt selbst gegen Top-Vereine auf Augenhöhe agiert. Nur nie gewonnen.

Mal war in der Analyse von Chancenwucher die Rede, mal von individuellen Aussetzern, gelegentlich auch vom fehlenden Spielglück. Den Absturz in den Keller nur auf Faktoren zu reduzieren, die nicht trainierbar sind, wäre freilich naiv.

Bis zur Winterpause sollte Krisenmanager Kohfeldt mit seinen Schützlingen tunlichst drei der ausstehenden sechs Partien gewinnen, um zumindest noch die 20-Punkte-Marke zu knacken. Sonst könnte der "Trainer des Jahres 2018" zum "Absteiger des Jahres 2019" werden.

Heiko Lütkehus

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