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Weltklasse-Judoka beantragt Asyl in Deutschland

02.09.2019 15:41
Saeid Mollaei holte 2018 den WM-Titel
© Kiyoshi Ota, getty
Saeid Mollaei holte 2018 den WM-Titel

Der iranische Judoka Saeid Mollaei hat auf Druck seines Landes absichtlich im WM-Halbfinale in Tokio verloren. Nach seiner Flucht aus Japan beantragt der Weltmeister von 2018 Asyl in Deutschland.

Tränen statt Triumph, Flucht statt Ehre: Irans Judo-Weltmeister Saeid Mollaei wurde bei der WM in Tokio am Wochenende zum Opfer der Weltpolitik - und zu einem Flüchtling. Weil er im weiteren Turnierverlauf auf den Israeli Sagi Muki hätte treffen können, sollte sich der 27-Jährige auf Druck des iranischen Verbandes und des Nationalen Olympischen Komitees frühzeitig aus der Klasse bis 81 kg zurückziehen.

Doch Mollaei weigerte sich. Er trat weiter an, verlor am Ende aber sein Halbfinale und auch den Kampf um Bronze. Seitdem lebt er in Angst. Eine Rückkehr in den Iran kam für ihn nicht infrage. Mollaei flüchtete offenbar nach Berlin, um in Deutschland Asyl zu beantragen. Dies jedenfalls teilte Marius Vizer, der Präsident des Judo-Weltverbandes IJF, der japanischen Zeitung "Asahi Shimbun" mit. Dem "SID" wollte das Bundesinnenministerium das Asylgesuch am Montag aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht bestätigen.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat die IJF inzwischen um einen Bericht gebeten. "Nachdem wir von dem Fall gehört haben, hat das IOC einen vollständigen Bericht von der IJF angefordert. Auf Grundlage dieses Reports werden wir die Situation ausführlicher bewerten", teilte die IOC-Presseabteilung dem SID am Montag auf Anfrage mit.

Mollaei ist das jüngste Opfer der Boykotthaltung zahlreicher islamischer Länder gegenüber Israel. In der Vergangenheit hatte es bereits unzählige Fälle gegeben. Bei der WM in Tokio hatte sich im Halbfinale zudem auch der Ägypter Mohamed Abdelaal geweigert, gegen den Israeli Muki anzutreten.

Der Druck auf Mollaei wuchs am vergangenen Samstag ins Unermessliche. "Das iranische Olympia-Komitee und der Sportminister sagten mir, ich solle nicht antreten", berichtete er. Kurz vor seinem Achtelfinale gegen den russischen Olympiasieger Chassan Chalmursajew bekam Mollaeis Trainer den entsprechenden Anruf von Sportminister Davar Zani.

"Es ist unsere Aufgabe, die Sportler zu schützen"

Mollaei suchte daraufhin das Gespräch mit Marius Vizer. Der Weltverbandschef stellte ihn vor die Entscheidung: Sich beugen und in sein Heimatland zurückkehren oder für Freiheit und seine Würde kämpfen. Mollaei entschied sich für den Kampf und zog bis ins Halbfinale ein.

Verschiedenen Medien berichteten zwar, Mollaei hätte das Turnier aufgrund einer Kopfverletzung beendet, doch er trat zum Halbfinale an. Die iranische Regierung hatte genug. Eine Delegation der iranischen Botschaft verschaffte sich illegal Zugang zum Veranstaltungsort und schüchterte Mollaei ein.

Sein Trainer erhielt zudem einen Anruf vom NOK-Präsident Reza Salehi Amiri, der erklärte, dass man vor dem Haus der Eltern Mollaeis stehe. "Ich hatte Angst um mich und meine Familie, also habe ich nicht richtig gekämpft", sagte Mollaei. Beim Duell um Bronze habe er "nur zehn Prozent gegeben", um bei der Siegerehrung nicht mit Muki auf dem Siegerpodest zu stehen.

IJF-Präsident Vizer gab Mollaei Rückendeckung und stellte ihm eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Tokio in Aussicht. "Es ist unsere Aufgabe, die Sportler zu schützen. Das ist ganz klar", sagte der Österreicher, der die IJF seit 2007 anführt. Vizer werde sich beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) dafür einsetzen, dass Mollaei im Flüchtlingsteam starten dürfe. Vizer kündigte zudem eine zeitnahe Lösung des Konflikts mit dem iranischen Verband an.

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