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"Natürlich plane ich mit Werner"

Nagelsmann über Werner, RB, Bayern und den BVB

14.08.2019 17:27
Was reißt Julian Nagelsmann mit RB Leipzig?
© Stuart Franklin, getty
Was reißt Julian Nagelsmann mit RB Leipzig?

Bei RB Leipzig tritt Julian Nagelsmann ein schweres Erbe an. Nachdem Ralf Rangnick das Team in der letzten Saison auf Platz drei führte, wird nicht weniger als das nun auch vom neuen Mann an der Seitenlinie erwartet. Im Interview spricht der Coach über Erwartungen, das Leipziger Personal und Timo Werner.

Herr Nagelsmann, Sie sind seit einigen Wochen nun schon Trainer von RB Leipzig. Wie sind Ihre Eindrücke von der Stadt, dem Verein und dem Umfeld?

Julian Nagelsmann (32/Trainer RB Leipzig): Sehr gut! Das sind alles sehr nette Leute in der Stadt. Der Klub ist sehr jung, nicht nur, was die Geschichte in der Liga angeht, sondern auch die Menschen, die hier arbeiten. Ich bin total herzlich aufgenommen worden. Sowohl vom Klub, dem Gelände, der Mannschaft und auch der Stadt ist es so, dass ich mich total wohl fühle und ich mich freue, die nächsten Jahre hier arbeiten zu dürfen.

Die Kreuzbandverletzung von Leroy Sane könnte auch Einfluss auf die Zukunft von Timo Werner haben, an dem Bayern München angeblich auch interessiert sein soll. Planen Sie zu 100 Prozent mit ihm für die kommende Saison?

Ich bewerte ihn sportlich, und natürlich plane ich mit ihm. Er ist mein Spieler, er hat hier Vertrag. Alles andere sind Geschichten für den Sportdirektor, ich kümmere mich um meine Aufgaben als Trainer. Da habe ich genug zu tun.

Seit den Spekulationen kommt Timo Werner nicht mehr an sein Top-Niveau heran. Würden Sie sich auch für ihn eine schnelle Entscheidung wünschen?

Ich habe nicht den Eindruck, dass er extreme Baustellen im Kopf hat oder Dinge, die ihn groß beschäftigen. Ich hatte auch Gespräche mit ihm, aber da ging es nicht darum, eine Entscheidung aus ihm herauszuprügeln. Es ging darum, ihm ein bisschen den Druck zu nehmen, damit er auch im Kopf befreit aufspielen kann. Es gibt aber glaube ich auch schlimmere Situationen im Leben, als die, die er gerade hat.

Aber der Druck ist dadurch größer, oder?

Auch wenn er auf dem grünen Rasen nicht daran denkt, wird es sicher Momente geben, wo er mal darüber nachdenkt. Das ist ganz menschlich. Auch viele in seinem Umfeld werden ihn ständig danach fragen. Natürlich gibt es Kapazitäten, die dadurch verbraucht werden. Ich glaube, dass er sich selbst viel Druck wegnehmen könnte, wenn er eine baldige Entscheidung treffen würde. Das wäre im Sinne von Timo Werner selbst, im Sinne des Klubs und auch im Sinne seines Trainers.

Ihre Spieler beschreiben Ihr Training als mental sehr anstrengend. Brauchen Profis bei Ihnen alle Abitur?

Ein Abitur hat nicht zwingend etwas mit Spielintelligenz zu tun. Die Anforderungen im kognitiven Bereich werden aber immer größer, da kann man im modernen Fußball noch viele Schritte nach vorne gehen. Die Jungs sollen unter Druck und einer körperlichen Anstrengung viele Informationen wahrnehmen und selektieren und dann schnelle Entscheidungen treffen. Eine Überforderung im Training ist deshalb wichtig.

Alle erwarten einen Zweikampf zwischen den Bayern und dem BVB. Ist das die Chance für Leipzig, etwas unter dem Radar zu bleiben und der lachende Dritte zu werden?

Ich finde es den anderen Teams gegenüber etwas ungerecht, wenn man immer nur von Bayern, Dortmund und als Drittes dann sehr oft über Leipzig spricht. Ich glaube, da gibt es in der Liga noch ein paar andere Teams mit Ambitionen. Natürlich sind Bayern und Dortmund die Favoriten auf die ersten zwei Plätze, weil sie das meiste Geld investieren, die besten Kader und auch sehr gute Trainer haben. Dahinter sind vier, fünf, sechs Teams, die versuchen, vorne mit reinzustoßen.

Sie sind auch deswegen nach Leipzig gekommen, um irgendwann Titel zu gewinnen. Ist ihre Mannschaft schon titelreif?

Das hängt zwar maßgeblich von uns ab, aber eben nicht nur. Wir haben viele junge Spieler, die die deutsche Sprache noch nicht sprechen, die neu in der Stadt und in dem Land sind. Sie müssen sich erst akklimatisieren. Wir haben großes Talent im Team, aber wie schnell das zu hundert Prozent in Leistung umgesetzt wird, hängt von vielen Faktoren ab. Grundsätzlich ist dieser Klub aber in der Lage und hat das Potenzial, in den nächsten drei, vier Jahren einen Titel zu gewinnen.

Marcel Sabitzer sagte in einem Interview, für Titel bräuchte man den ein oder anderen erfahrenen Spieler. Das spricht aber gegen die Vereinsphilosophie. Muss der Klub mittelfristig von diesem 'Dogma', nur auf junge Spieler zu setzen, etwas abrücken?

Wir haben ja auch Spieler, die diese Erfahrung mitbringen. Erfahrung wird oft reduziert auf das Alter, aber es geht vor allem um die Spiele. Lionel Messi hatte mit 22 Jahren schon um die 300 Spiele in der spanischen Liga. Wir müssen uns die Erfahrung einfach holen. Spieler wie Marcel Sabitzer dürfen gerne in die Verantwortung reinwachsen und die junge Bande führen.

Sie selbst haben zuletzt bemängelt, auf dem Platz sei es Ihnen zu ruhig. Hätten Sie lieber einen gestandeneren Profi mit Leader-Qualitäten geholt?

Man muss berücksichtigen: Wir haben viele neue Inhalte, die Jungs waren zunächst mit sich selbst beschäftigt. Da muss man schon sehr weit im Kopf sein, um parallel noch 20 andere zu coachen. Wenn die Mentalitätsspieler, die wir auch haben, die Inhalte verinnerlicht haben, werden sie auch in der Lage sein, andere zu führen.

Mit Hoffenheim haben Sie in der Champions League starke Auftritte hingelegt, aber kaum etwas Zählbares eingefahren. Wie sehr brennen Sie darauf, das mit RB zu ändern?

Insgesamt waren die internationalen Auftritte von wenig Erfolg geprägt, auch wenn wir zum Teil herausragende Spiele gemacht haben. Da brenne ich schon darauf, dass ich international ein erfolgreicherer Trainer werde. Sich nur zu qualifizieren, das war mit Hoffenheim schön - aber es wäre auch schön, wenn da mal ein paar Siege dazukommen.

RB ist sehr stolz auf seine Spiel-DNA mit dem überfallartigen Pressing, Sie haben in Hoffenheim ein etwas geordneteres Offensivspiel bevorzugt. Inwieweit mussten sich beide Seiten anpassen?

Das Spiel besteht immer aus vier Phasen, und es gibt keine Mannschaft der Welt, auch nicht Manchester City, die eine Phase komplett außer Acht lassen kann. Aber es gibt Philosophien, die die eine oder andere Phase stärker akzentuieren. Hier war es so, dass das Umschalten nach Balleroberung stärker akzentuiert wurde. Das machen wir weiter, und meine Ideen bei eigenem Ballbesitz ist ein Verstärker, um eine weitere Komponente ins Spiel zu bringen.

Warum ist das notwendig?

Auch ich habe letztes Jahr jedes Spiel von RB gesehen, und es gab Partien wie gegen Augsburg und Schalke, wo der Gegner nur lange Bälle geschlagen, den Pressingblock überspielt und hinten zwei Busse geparkt hat. Dann musst du einfach Ideen haben, wie man sonst noch ein Tor schießen kann.

Nach dem Ende von Ralf Rangnick als Trainer und Sportdirektor wurde gerätselt, wie denn sein Einfluss auf das Geschehen im Klub bleibt. Wie ist Ihr Kontakt?

Die ersten ein, zwei Wochen war er hier, aber da musste ich erstmal ankommen, die Jungs kennenlernen. Da hatte ich noch gar kein Fundament für einen großartigen Austausch. Jetzt ist er unterwegs und macht sich in Brasilien und New York ein Bild. Danach gibt es sicher die Möglichkeit, sich auszutauschen. Es ist immer schön, wenn man auf eine erfolgreiche Expertise zurückgreifen kann. Aber er hat keinen Einfluss auf den sportlichen Bereich an sich.

Dayot Upamecano stand beim FC Arsenal hoch im Kurs, im Raum stand eine Ablöse von deutlich über 60 Millionen Euro. Wie standen Sie zu einem möglichen Wechsel?

Natürlich gab es von mir ein Veto. Aber ich bin nicht der, der entscheidet, ob ein Spieler verkauft wird oder nicht. Ich bewerte den Spieler rein sportlich, und aus sportlicher Sicht dürfen wir ihn auf keinen Fall verkaufen.

RB Leipzig hat im DFB-Pokal auf dem Ärmel mit dem Spruch 'Unser Ball ist bunt' statt mit einer Firma geworben. Wie wichtig ist es, dass der Profifußball beim Thema Fremdenfeindlichkeit Flagge zeigt?

Das ist sehr wichtig. Wir können zeigen, dass man in einer bunten Gesellschaft sehr gut und friedlich zusammenleben kann. Eine Mannschaft ist grundsätzlich immer ein Abbild der Gesellschaft, aus jeder Schicht ist einer dabei, aus jeder Kultur. Aber alle arbeiten zusammen an einem Ziel. Natürlich gibt es auch Probleme, aber grundsätzlich funktioniert es. Es ist wichtig, Haltung zu zeigen und ganz bestimmte Werte zu vertreten.

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