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Nach Nullnumer in Berlin: Harting verpasst sich Maulkorb

04.08.2019 13:26
Christoph Harting will ab sofort nicht mehr mit den Medien reden
© Maja Hitij, getty
Christoph Harting will ab sofort nicht mehr mit den Medien reden

Diskus-Olympiasieger Christoph Harting lässt nach seiner Berliner Nullnummer seinen WM-Start offen und will bis Tokio 2020 nicht mehr mit den Medien reden.

Nach seiner Heimpleite hatte Harting ganz zum Schluss noch etwas loszuwerden. "Zur Kenntnis", sagte das Enfant terrible der deutschen Leichtathletik also, dies sei für knapp ein Jahr sein "letztes" Gespräch mit der Presse. Ab jetzt "beginnt eine interviewlose Zeit", sagte der Diskusstar mit der Dauerkrise. Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Tokio wolle er sich "ausschließlich" auf "wesentliche Dinge konzentrieren".

Und wer Harting bei seiner Nullnummer im Olympiastadion beobachtete, wurde den Gedanken nicht los: Vielleicht ist das sogar eine ganz gute Idee. Schließlich schaffte der Rio-Olympiasieger bei den nationalen Titelkämpfen keinen gültigen Versuch. Doch die Pleite kümmerte den 29-Jährigen, der seit seinem Goldcoup vom Zuckerhut vor drei Jahren seine Form sucht, überhaupt nicht. "Es könnte mir nicht egaler sein", sagte Harting: "Es ist nur eine deutsche Meisterschaft - halb so wild."

Ein Harting denkt in ganz anderen Sphären. "Der Weltrekord ist das große Ziel", sagte er. Die Weltbestmarke von Jürgen Schult liegt seit 33 Jahren bei 74,08 m. Harting schaffte in Rio 68,37 m, träumt aber weiter von 80 m. "Visionen, man muss an etwas glauben", sagte er.

Und Harting glaubt auch weiter an einen zweiten Gold-Triumph in Tokio im nächsten Jahr. Dafür ist er auch bereit, trotz erfüllter Norm auf die anstehende WM in Doha/Katar (27. September bis 6. Oktober) zu verzichten. Der späte Zeitpunkt der Wüsten-WM läge für die Vorbereitung auf Tokio "katastrophal", sagte Harting.

Goldmedaille liegt auf dem Dachboden

Seine Rio-Goldmedaille liegt auf dem "Dachboden", sagte Harting. Er schaut sie sich "nicht jeden Tag an und denkt: 'Gott bist du toll'", sagte er, aber es soll "definitiv" noch eine zweite hinzukommen. Die Wiederholung seines Olympiasieges würde ihm "alles" bedeuten.

Das Problem ist nur: Anspruch und Wirklichkeit passen bei Harting schon seit längerer Zeit nicht zusammen. Für die WM 2017 konnte sich der Hüne nicht qualifizieren, bei der Heim-EM im Vorjahr leistete er sich in der Qualifikation auch drei ungültige Versuche. Nun schon wieder eine Nullnummer.

"Woran es gelegen hat? Verschiedene Umstände", sagte Harting, dessen Körper zuletzt immer wieder streikte. Der Rücken zwickt. Magen-Darm-Virus. Erkältung. "Mal das, mal das, mal das", sagte Harting, der in dieser Saison deshalb keine "richtige Physis aufbauen" konnte: "Es hat nicht sollen sein."

Und so hieß der deutsche Meister zum ersten Mal seit 2007 nicht Harting - sondern Martin Wierig (65,39). Zehn Mal hatte zuvor Robert Harting, Olympiasieger von London 2012, und zweimal sein Bruder Christoph den Titel gewonnen.

Gibt "wenig Unbedeutenderes als einen deutschen Meistertitel"

Dass Harting nicht unbedingt topmotiviert an den Start gegangen war, ließ er schon vor seinem Wettkampf durchblicken. Deutsche Meisterschaften seien "die letzte Erpressungsmöglichkeit der deutschen Leichtathletik", hatte er der Berliner Zeitung gesagt und damit den Qualifikationsmodus des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) für Tokio kritisiert. Ohnehin gebe es "wenig Unbedeutenderes als einen deutschen Meistertitel".

DLV-Präsident Jürgen Kessing reagierte gelassen und verwies darauf, dass man bei Harting "schon manches Mal durchaus bemerkenswerte Verhaltensweisen erlebt" habe. Generaldirektor Idriss Gonschinska kündigte ein klärendes Gespräch an.

Harting selber zieht sich nun zurück, um an seiner Tokio-Mission zu arbeiten. Seine Motivation für das Training? "Ich möchte besser sein, als ich gestern war", sagte er.

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