Anzeige

DSV-Hoffnung Wellbrock "schwimmt in einer eigenen Liga"

11.07.2019 11:53
Florian Wellbrock gilt als größter Hoffnungsträger des DSV
© Clive Rose, getty
Florian Wellbrock gilt als größter Hoffnungsträger des DSV

Nach dem Führungschaos und dem Rücktritt von Bundestrainer Henning Lambertz wollen die Schwimmer bei der WM in Südkorea endlich raus aus der Krise. Hoffnungsträger ist Langstreckler Florian Wellbrock.

Chaos im Verband, Rücktritt des Bundestrainers, kaum Medaillenchancen, TV-Blackout: Zehn Jahre nach dem Goldregen von Rom sind die deutschen Schwimmer ganz tief abgetaucht. Bei der Weltmeisterschaft in Südkorea soll nun Florian Wellbrock die arg gebeutelte Sportart aus der Krise führen - quasi im Alleingang. "Er hat das Zeug dazu, das Gesicht des deutschen Schwimmsports zu werden. Die Zeit dafür ist reif", sagt Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz dem "SID": "Er schwimmt in einer eigenen Liga."

Nach seinem EM-Triumph im vergangenen Jahr über 1500 m Freistil zählt Wellbrock nicht nur im Becken zu den Favoriten, sondern auch im Freiwasser. Was 2009 Paul Biedermann, Britta Steffen, Thomas Lurz und Angela Maurer drinnen und draußen mit sieben WM-Titeln noch gemeinsam erreichten, soll der 21-Jährige jetzt alleine schaffen: dem zur Randsportart verkommenen Schwimmen wieder goldenen Glanz verleihen.

Für seinen zum Team-Chef der deutschen Schwimmer aufgestiegenen Magdeburger Heimtrainer Bernd Berkhahn ist Wellbrock ein Siegschwimmer: "Er tritt immer an, um Rennen zu gewinnen. Etwas anderes hat er gar nicht auf dem Zettel." Zuerst will Wellbrock bei der am Freitag beginnenden WM in Yeosu über zehn Kilometer das Olympiaticket für Tokio buchen, danach kämpft er in Gwangju über 800 und 1500 m Freistil ebenfalls aussichtsreich um Edelmetall.

Der doppelte Wellbrock kommt anders als die Stars Biedermann und Steffen vor zehn Jahren aber nicht live auf dem Fernseher ins Wohnzimmer. Nach den Misserfolgen ist für den "Quotenkiller" Schwimmen bei ARD, ZDF und selbst bei Eurosport kein Platz mehr im Hauptprogramm. Bilder und Hintergründe liefert nur das ZDF mit einem Livestream in der Mediathek.

Zwei Olympische Spiele in Folge ohne Medaillen für die Beckenschwimmer und die schlechteste Ausbeute der WM-Geschichte vor zwei Jahren blieben nicht ohne Folgen. Daran ändert auch der positive EM-Auftritt 2018 in Glasgow kaum etwas. Außerdem gibt der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) ein schlechtes Bild ab.

"In den vergangenen Jahren war es ein ziemliches Chaos", sagte Athletensprecherin Sarah Köhler. Nach dem Rücktritt der Präsidentin Gabi Dörries vor sieben Monaten infolge eines Streits um eine Mitgliedsbeitragserhöhung um 60 Cent warf auch Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz hin. Die Arbeit seiner Nachfolger um Berkhahn kritisiert der 48-Jährige. "Im Moment darf jeder trainieren, wie er möchte", sagte Lambertz dem "SID": "Insellösungen sind Zufallsprodukte."

Doch nicht alle sehen die Veränderungen, zu denen auch deutlich abgeschwächte Qualifikationsnormen zählen, negativ. "Die Stimmung ist besser geworden", sagte Köhler, und Lurz betonte: "Es ist ein Ruck durch den Verband gegangen. Die Gelder aus der öffentlichen Hand fließen ordentlich, wir haben mehr Personal."

Die Leistungsträger sind aber fast die gleichen. Marco Koch, der einzige deutsche Schwimm-Weltmeister nach 2009 (2015 in Kasan), wird weiter von Lambertz betreut, der im Hauptberuf nun Realschullehrer ist. Koch ist nach schwierigen Jahren auf dem Weg zurück in die Weltspitze, über 200 m Brust aber noch kein Medaillenkandidat. Franziska Hentke, die vor zwei Jahren in Budapest mit Silber über 200 m Schmetterling das einzige Edelmetall der deutschen Schwimmer holte, und Wellbrocks Freundin Köhler, EM-Zweite über 1500 m Freistil, haben Außenseiterchancen.

Im Wasserspringen fühlt sich der Olympiadritte Patrick Hausding zwar "im Aufwind", doch noch größeres Verletzungspech als sonst dürfte den Rekordeuropameister um seine fünfte WM-Medaille bringen. Zu den chronischen Knie- und Schulterschmerzen kam zu Jahresbeginn ein schwerer Trainingsunfall: "Das war die Hölle."

Erstmals seit 2013 wieder bei einer WM auftauchen werden die deutschen Wasserballer. Nach der Rückkehr von Hagen Stamm als Bundestrainer ist das Viertelfinale das Ziel. Ebenfalls keine Chance auf Edelmetall haben das Synchronschwimmerinnen-Duett Marlene Bojer/Daniela Reinhard sowie die Klippenspringer Iris Schmidbauer und Manuel Halbisch.

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige