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Niklas Kuhr von @BVBJugend im exklusiven Interview

BVB-Jugendexperte sieht "deutliches Verbesserungspotenzial"

25.06.2019 09:17
BVB-Jugendexperte spricht über Hype um Youssoufa Moukoko
© Juergen Schwarz, getty
BVB-Jugendexperte spricht über Hype um Youssoufa Moukoko

Niklas Kuhr ist profunder Kenner der Nachwuchsarbeit von Borussia Dortmund und betreibt den renommierten Twitter-Kanal @BVBJugend.

Im Interview mit sport.de spricht der Experte exklusiv über das Titel-Geheimnis der BVB-Jugendarbeit, die fehlende Durchlässigkeit zwischen Nachwuchs und Profi-Team sowie die Gefahren bei der Entwicklung von Mega-Talent Youssoufa Moukoko.

Herr Kuhr, der Nachwuchs des BVB hat in der abgelaufenen Saison den Meistertitel der A-Junioren gewonnen ist U17-Vizemeister geworden. Leistet die Borussia aktuell die beste Jugendarbeit in Deutschland?

Das kommt ganz auf die Perspektive an. An Titeln gemessen kann man das sicherlich so sagen. Es gibt aber auch andere Kriterien wie die individuelle Entwicklung von Spielern oder die Durchlässigkeit zum Profi-Bereich. Da gibt es noch deutliches Verbesserungspotenzial.

Sprechen wir zunächst über die beeindruckende Titelsammlung der BVB-Jugend in den letzten Jahren. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Grundsätzlich hat ein Verein wie Borussia Dortmund natürlich eine enorme Strahlkraft, auch im Jugendbereich. Man kann die größten Talente an Land ziehen, sich dabei gegen konkurrierende Klubs durchsetzen. Der BVB hat eine gute Infrastruktur bezogen auf Nachwuchsleistungszentrum und Trainingsgelände. Auch die Qualität der Trainer ist gut.

Welchen Stellenwert hat die Jugendarbeit im Verein?

Es gab vor einigen Jahren eine Art Wutrede von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke auf der Jahreshauptversammlung. Die U19 stand damals auf Platz neun, schwebte zwischenzeitlich sogar in Abstiegsgefahr. Watzke hat gesagt, dass sich etwas tun muss. Der Druck auf die handelnden Personen wurde erhöht. Es gab Neubesetzungen im Trainer-Bereich. Auch finanziell wurde deutlich mehr investiert, in Spieler, Ausbildung und Trainer. Heute genießt die Jugendarbeit einen hohen Stellenwert im Verein.

Als Nachwuchs-Koordinator fungiert bereits seit 2008 die BVB-Ikone Lars Ricken. Welchen Anteil hat er am Erfolg?

Das ist von außen schwer zu beurteilen, weil nicht ganz klar ist, welche Aufgabe er hat. Ich gehe davon aus, dass Ricken auch in Sachen Spielertransfers, strategische Ausrichtung oder Scouting mitredet. Deswegen hat er natürlich auch Anteil am Aufschwung der Nachwuchsarbeit in den letzten Jahren. Daneben ist Ricken natürlich auch eine Symbolfigur. Er hat es aus der Jugend in den Profi-Bereich geschafft und in jungen Jahren enorme Erfolge mit dem BVB gefeiert. Jetzt kann er jungen Spielern zeigen, dass sie auch diesen Weg gehen können. Das ist eine nicht unwichtige Funktion.

Im Sommer steht in der BVB-Nachwuchsabteilung ein weitreichender Umbau an. Der frühere Dortmunder Profi-Coach Michael Skibbe übernimmt die U19 und wird Cheftrainer aller Jugendmannschaften. Otto Addo arbeitet als Talente-Trainer in der Schnittstelle zwischen Junioren und Profis. Wie bewerten Sie diese Maßnahmen?

Addo wird hauptsächlich als Individualtrainer mit jungen Spielern in ihren ersten Profi-Jahren arbeiten. Das halte ich für sehr sinnvoll, weil diese oft noch sehr unterschiedliche Stärken- und Schwächenprofile haben. Im normalen Mannschaftstraining kann man daran oft nicht so gezielt arbeiten.

Und Skibbes Rolle?

Auch die Installierung von Skibbe sehe ich klar vor dem Hintergrund, die Durchlässigkeit zum Bundesliga-Team zu erhöhen und die jungen Spieler besser auf den Profi-Bereich vorzubereiten. Skibbe hat eine enorme Erfahrung, national und international. Er weiß, worauf es im Profi-Fußball ankommt.

Stichwort Durchlässigkeit: In den Profi-Kader schaffte es zuletzt kaum eines der Dortmunder Eigengewächse, geschweige denn zur Stammkraft.

Richtig, der letzte Spieler auf den das wirklich zutrifft, war Mario Götze. Aber der war so talentiert, dass er wohl auch bei einem Bezirksligisten hätte ausgebildet werden können und trotzdem zum Weltklasse-Spieler gereift wäre. Da hatte die Ausbildung des BVB keinen großen Anteil.

Götzes Profi-Debüt ist inzwischen fast zehn Jahre her. Wieso herrscht seitdem Ebbe, was selbst ausgebildete Spieler in der ersten Mannschaft angeht?

Das liegt in erster Linie daran, dass das Niveau bei den BVB-Profis inzwischen extrem hoch ist. Ein Verein wie Dortmund hat den Anspruch, sich jedes Jahr für die Champions League zu qualifizieren. Man will möglichst um Titel mitspielen. Dafür braucht man einen Kader, der eine gewisse Qualität und Erfahrung mitbringt. Das können Spieler aus der U19 nicht auf Anhieb leisten. Es sei denn, sie sind absolute Ausnahmetalente. Und die wachsen nicht auf Bäumen.

Immerhin schaffen es immer wieder Spieler aus der BVB-Jugend in die Profi-Teams anderer Vereine.

Das zeigt natürlich auch die Qualität der Ausbildung. Alleine in diesem Sommer sind drei oder vier Spieler aus der U19 des BVB zu Zweitligisten gewechselt.

Als größtes Talent im BVB-Nachwuchs wird zur Zeit Youssoufa Moukoko gehandelt. Der 14-jährige Angreifer erzielte in dieser Spielzeit für die U17 in der B-Junioren-Bundesliga West 46 Treffer in 25 Einsätzen – ein neuer Rekord. Kann er der Superstar werden, den viele jetzt schon in ihm sehen?

Das ist in dem Alter schwer vorauszusagen. Vom Talent her kann Moukoko den Hype rechtfertigen. Er ist athletisch sehr stark, hat eine überragende Technik und ist extrem cool vor dem Tor. Was mich zudem sehr beeindruckt, ist, dass er trotz des Hypes um ihn sehr bodenständig ist. Aber es gibt viele Unwägbarkeiten. Verletzungen zum Beispiel, oder es kann sein, dass er sich charakterlich in die falsche Richtung entwickelt. Es wird spannend, das zu beobachten.

Zur Person: Niklas Kuhr (28) wohnt in Witten und arbeitet in einem Planungsbüro im Bereich Stadt- und Regionalentwicklung. Als Beobachter verfolgt er jedes Spiel der Profis von Borussia Dortmund sowie fast alle Partien der U17 und U19. Seit 2015 betreibt er mit einigen Mitstreitern den Twitter-Kanal @BVBJugend. Zudem schreibt er für verschiedene Medien als freier Autor über den BVB.

Das Interview führte Tobias Knoop

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