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180-Grad-Wende wirft Fragen auf

FC Bayern vs. Boateng: Warum es nur Verlierer geben könnte

20.06.2019 06:30
Hat Jérôme Boateng eine Zukunft beim FC Bayern?
© Matthias Hangst, getty
Hat Jérôme Boateng eine Zukunft beim FC Bayern?

Der Transfersommer des FC Bayern ist und bleibt kompliziert. Nicht nur die offensiven Außenbahnen bereiten dem Rekordmeister Sorgen. Trotz der Verpflichtung zweier Weltmeister droht den Münchnern auch in der Abwehr ein Problem. (Un)freiwillig in der Hauptrolle: Jérôme Boateng.

In den letzten Monaten hat Jérôme Boateng beim FC Bayern eine klassische 180-Grad-Wende vollzogen. Erst wollte der Ex-Nationalspieler unbedingt weg, durfte aber nicht. Mittlerweile würde ihn der Klub gerne loswerden, Boateng aber denkt gar an einen Verbleib.

Der Wechsel von Mats Hummels zum BVB könnte die Karten wiederum neu mischen und sogar eine Art "Zwangsverbleib" bedeuten. 

Beiden Seiten droht nun ein Szenario, aus dem am Ende nur Verlierer hervorgehen könnten. Die Situation ist verzwickt. Stand jetzt sieht es so aus, als ob weder der FC Bayern noch Jérôme Boateng das bekommen werden, was sie sich vorstellen.

Was will der FC Bayern?

Was sich der Rekordmeister in der Personalie Boateng vorstellt, liegt auf der Hand: eine möglichst hohe Ablöse. Nicht mehr, nicht weniger. Nur aus diesem Grund trug "Boa" in der Saison 2018/19 überhaupt noch das Trikot des FC Bayern.

Die Münchner verpokerten sich im Sommer 2018 in den Verhandlungen mit PSG. Die Pariser boten 40 Millionen Euro für den Abwehrspieler. Rückblickend eine mehr als angemessene Summe, für die Uli Hoeneß den Ex-Weltmeister heute höchstpersönlich zum Flughafen fahren würde.

Bayern verlangte aber 50 Millionen. Dazu legte auch Niko Kovac aus Mangel an Alternativen im Kader sein Veto ein. Der Deal platzte.

Es ist offensichtlich, dass an der Säbener Straße bislang keine Offerte in ähnlicher Höhe eingegangen ist - und eingehen wird. Ganze neun Pflichtspieleinsätze im Kalenderjahr 2019 haben Boatengs Marktwert nachhaltig geschadet. Und sportlich, so viel hat das letzte Halbjahr gezeigt, ist der Innenverteidiger nicht nur für den Rekordmeister verzichtbar.

Warum der FC Bayern auf Boateng verzichten kann

In den "wichtigen" Spielen gegen Liverpool, Dortmund und im Pokalfinale gegen Leipzig fand der bald 31-Jährige aus guten Gründen keine Berücksichtigung. Boatengs Qualitäten liegen in der Spieleröffnung und Zweikampfführung. 2019 aber zeichnet sich die europäisch Abwehr-Elite durch hohes Pressen, enormen Laufaufwand und eine schnelle Rückwärtsbewegung aus. Dieses Anforderungsprofil erfüllt Boateng nicht (mehr).

Unter Kovac Edelreservist: Jérôme Boateng
Unter Kovac Edelreservist: Jérôme Boateng

Dass der FC Bayern diese Entwicklung nicht vorhergesehen hat, kommt den Klub nun teuer zu stehen kommen. 115 Millionen Euro (Pavard, Hernández) sind bereits in die "Renovierung" der Abwehr geflossen.

Will der Rekordmeister im Konzert der Großen wieder ganz vorne mitspielen, wird die Rechnung weiter steigen. Boateng, so viel steht jetzt schon fest, wird weder für die sportliche, noch die erhoffte finanzielle Entlastung sorgen.

Boatengs zweifelhafte Kehrtwende

Auch für Boateng ist die Situation alles andere als einfach. Der Weltmeister von 2014 sieht sich selbst immer noch für höhere Aufgaben gerüstet. Das liegt in der Natur eines Profisportlers. Seine plötzlich wiederentdeckte Liebe zum FC Bayern weckt nach all den Vorfällen und Aussagen der jüngsten Vergangenheit dennoch Zweifel an seiner Motivation.

In ihm sei nach dem geplatzten Wechsel nach Paris etwas zusammengebrochen, er sei "mit dem Kopf schon weg" gewesen und habe sich unfair behandelt gefühlt, klagte Boateng jüngst im "kicker"-Interview. Erstaunlich offene Worte, die eins klarmachen: So klingt kein Spieler, der sich eine Zukunft beim FC Bayern wünscht.

Dass der 30-Jährige im gleichen Gespräch erklärte, er könne sich trotz der Vorkommnisse und bescheidenen Perspektive einen Verbleib in München vorstellen, lässt vermuten, dass es Boateng womöglich nicht nur um den sportlichen Teil seiner Karriere geht.

Boateng und die verpasste Win-Win-Situation

Es ist kein Geheimnis, dass "JB17" seit Jahren an einem zweiten Standbein bastelt und für die Karriere nach der Karriere vorbaut. Das ist vorbildlich und sein gutes Recht. Aber es beeinflusst unweigerlich auch seine sportliche Laufbahn. Etwas, das die Münchner Bosse in der Vergangenheit mehr als einmal kritisch kommentiert haben.

Ein Wechsel nach Paris wäre für Boateng nicht nur sportlich zufriedenstellend gewesen, er hätte auch die "zweite Karriere" beschleunigt. Eine Win-Win-Situation, wie er sie zum Beispiel in Manchester nicht vorgefunden hätte. Doch dieser Weg steht Boateng nun wohl nicht mehr offen.

München ist und bleibt eine wirtschaftlich gute Alternative, eine Stadt, in der er und seine Familie sich wohlfühlen. Seine sportlichen Ziele wird Boateng beim Rekordmeister aber zurückschrauben müssen. Über die Rolle des Edelreservisten wird "Boa" unter Niko Kovac höchstwahrscheinlich nicht mehr hinauskommen.

Somit könnte nicht nur der FC Bayern, sondern auch der ehemalige Weltmeister als Verlierer aus dem großen Transferpoker hervorgehen. Ein direkter und für beide Seiten zufriedenstellender Ausweg ist derzeit nicht in Sicht.

Christian Schenzel

 

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