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Außendarstellung, Standing, Taktik, Zukunftsaussichten

Kovac vs. Favre: Ein Trainer-Duell der Gegensätze

05.04.2019 07:20
Niko Kovac und Lucien Favre stehen bei FC Bayern und BVB an der Seitenlinie
© getty, Alex Grimm
Niko Kovac und Lucien Favre stehen bei FC Bayern und BVB an der Seitenlinie

Wenn sich der FC Bayern München und Borussia Dortmund am Samstag (um 18:30 Uhr im LIVE-Ticker) im Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga gegenüberstehen, kommt es auch an der Seitenlinie zu einem interessanten Duell. sport.de nimmt die Trainer Niko Kovac vom FC Bayern und Lucien Favre vom BVB unter die Lupe.

Wie geben sich die beiden Übungsleiter nach außen? Welches Standing haben sie in ihren Vereinen? Welchen taktischen Ansatz verfolgen sie? Und wie sind ihre Zukunftsaussichten? Wir machen den großen Vergleich.

Niko Kovac vs. Lucien Favre: Außendarstellung

Haifischbecken FC Bayern kann Kovac nicht schocken

Uli Hoeneß links, Karl-Heinz Rummenigge rechts, der neue Hoffnungsträger in der Mitte: Eingerahmt von den Klub-Granden präsentierten sich die Bayern-Trainer in der Vergangenheit der Öffentlichkeit - nicht so Niko Kovac. Der 47-Jährige wurde bei seiner Vorstellung lediglich von Sportdirektor Hasan Salihamidzic flankiert. 

Ein Fingerzeig für die Zukunft des Rekordmeisters und das klare Zeichen dafür, dass die Klub-Bosse dem für Bayern-Verhältnisse wenig prominenten Übungsleiter zutrauen, ohne Schwimmhilfen im Münchner Haifischbecken zu bestehen - zu Recht.

"Ich bin wieder zurück nach einiger Zeit und freue mich auf die Aufgabe", unterstrich der Kroate mit seinen ersten Worten im neuen Amt direkt, dass er als Ex-Profi des Rekordmeister die vielbesungene Bayern-DNA in sich trägt.

Kovac wahrt sein souveränes Auftreten auch, wenn ihm kritischer Gegenwind ins Gesicht bläst. Provokante Fragen der Medienvertreter untermauern zwar regelmäßig, dass der 47-Jährige Standing und natürliche Autorität eines Jupp Heynckes fehlen. Um eine - oft auch süffisante - Antwort ist der frühere Abwehrspieler aber selten verlegen.

Zeiten der "Menschenfänger" beim BVB sind Geschichte

BVB-Trainer Lucien Favre ist das genaue Gegenteil. Der Schweizer gilt als Fußball-Perfektionist und Taktikfuchs. Die Arbeit mit den Medien ist für Favre allerdings eher ein notwendiges Übel.

Auch nur im Ansatz unbequeme Nachfragen erstickt Favre mit seinen Standardphrasen "Dazu kann ich nichts sagen" oder "Das weiß ich nicht" im Keim. Brisante Aussagen von ihm in der Öffentlichkeit gibt es nicht.

Bezeichnend: Nicht selten wenden sich die Vertreter der Presse selbst mit Fragen, die das Team oder das anstehende Spiel betreffen an Sportdirektor Michael Zorc, der seit Favres Amtsantritt ebenfalls an den Pressekonferenzen des BVB teilnimmt.

Favre kauziges Auftreten führte sogar zu dem Gerücht, das alles sei nur Show und intern gebe sich der 61-Jährige ganz anders. Klar ist: Nach "Menschenfänger" Jürgen Klopp und dem betont souveränen Thomas Tuchel herrscht beim BVB jetzt zumindest öffentlich Charisma-Flaute.


Mehr dazu: PK-Gehabe nur Show? So narrt BVB-Coach Favre die Medien


Niko Kovac vs. Lucien Favre: Standing im Verein

Kovac muss die Schlaumeier widerlegen

Nach der Absage des vermeintlichen Wunschtrainers Tuchel zauberte der FC Bayern für viele überraschend Niko Kovac aus dem Hut. Die gute Arbeit des gebürtigen Berliners bei Eintracht Frankfurt sprach zwar für sich.

Durch das vorangegangene Hick-Hack um Tuchel haftete Kovac allerdings von Beginn an das Manko an, nur die B-Lösung zu sein.

Dass Kovac kurz nach der Bekanntgabe seines Wechsels die Bayern mit Eintracht im Pokalfinale überrumpelte, stärkte seine Position. Die Gerüchte um namhafte Nachfolger, offene Kritik von Seiten der Spieler und Zweifel an Kovacs Spielidee reißen dennoch nicht ab. Zu gezwungen wirken die Versuche der Bayern-Führungsriege, Kovac den Rücken zu stärken.

Hoeneß etwa betonte, Tuchel sei eine Idee der öffentlichen "Schlaumeier" gewesen, er sei mit Kovac der "überglücklichste Mensch" und werde den neuen Coach "bis aufs Blut verteidigen". Der Wert dieser Aussagen lässt sich allerdings erst beurteilen, wenn Kovac das Double verpassen oder die Saison sogar ohne Titel beenden sollte.

Favre unantastbar dank Reus-Rückhalt?

Favre genießt beim BVB größtes Vertrauen. Die Oberen des Revierklubs sollen bereits im Sommer 2017 an einer Verpflichtung des Schweizers gearbeitet haben. Dessen damaliger Arbeitgeber OGC Nizza legte jedoch ein Veto ein. Ein neuer Anlauf führte im vergangenen Sommer letztlich zum Erfolg.

Favres Stellung wird vom engen Verhältnis zu BVB-Urgestein, -Fanliebling und -Superstar Marco Reus befeuert. Favre ist "fachlich und menschlich der beste Trainer, den ich je hatte", lobte Reus den kauzigen Coach, der ihn bereits zu Gladbacher Zeiten unter seine Fittiche nahm.

Favre ließ ebenfalls keine Zweifel an seiner Wertschätzung für den Nationalspieler und machte Reus zum Kapitän.

Niko Kovac vs. Lucien Favre: Taktik

Kovac gefangen im Korsett der Bayern-DNA 

Mit dem abgedroschenen Slogan "Tradition verpflichtet" lässt sich das Dilemma von Niko Kovac beim FC Bayern auf den Punkt bringen. Der Übungsleiter, der während seiner Zeit an der Seitenlinie der Frankfurter teils im Wochentakt auf unterschiedliche Grundausrichtungen setzte, hat nun weniger Spielraum. 

An den von Pep Guardiola und Co. etablierten Bayern-Systemen 4-2-3-1 und 4-1-4-1 werde er nichts ändern, erklärte Kovac unlängst im Gespräch mit der "Sport Bild". "Diese DNA wird Bestand haben, denn das ist der FC Bayern: So wird gescoutet und rekrutiert."

Kovac führt aus: "Die Mannschaft fühlt sich in diesem System wohl, von daher besteht nicht die Notwendigkeit, großartig etwas Neues zu kreieren. Damit hätte man die Mannschaft verwirrt und ihr die Sicherheit genommen."

Dass er am System festhalte, bedeute jedoch nicht, dass er nicht in der Lage sei, es zu ändern, konterte der ehemalige kroatische Nationalcoach kritische Stimmen, die ihm eine fehlende Spielidee vorwerfen.

Favre lockert BVB-Dogma

Bei Favre dominieren schnelles Passspiel und Ballbesitz. Die taktische Grundordnung, in der der Ball ständig kreisen soll, variiert allerdings leicht. Der Schweizer bevorzugt ein 4-2-3-1 als Grundordnung, schickte den BVB aber auch schon im 4-1-4-1 ins Rennen.

Das durch Tuchel implantierte Dogma der ewigen Ballstafetten hat Favre gelockert. Während der Spielaufbau in der eigenen Hälfte grundsätzlich über viele Stationen läuft, streut der BVB jetzt vor allem im letzten Drittel des Feldes immer wieder überfallartige Steilpässe ein. Auf den Flügeln schenkt Favre daher am liebsten pfeilschnellen Akteuren sein Vertrauen.

Problematisch wird dieses Vorgehen allerdings, wenn die Borussen auf einen Gegner treffen, der extrem tief steht. Das zeigen die vielen verschenken Punkte in dieser Saison gegen die sogenannten "Kleinen".

Niko Kovac vs. Lucien Favre: Zukunftsaussichten

Keine Meisterschaft, kein Beinbruch - oder?

Das Arbeitspapier von Niko Kovac endet erst im Juni 2021, fest im Sattel sitzt der Bayern-Coach dennoch nicht. Das blutleere Aus in der Champions League gegen den FC Liverpool hat die Position von Kovac nachhaltig geschwächt.

Gegenüber "Sport Bild" erklärte Kovac zuletzt, es wäre "kein Beinbruch", sollte die Meisterschale in dieser Spielzeit nicht in München landen. Tritt dieser Fall aber ein, wird aber in der Führungsetage sicher über die Zukunft des Trainers diskutiert. 

Watzke: BVB-Verhandlungen mit Favre sind "logisch"

Bis Ende Juni des kommenden Jahres läuft der Kontrakt des Schweizers, der beim BVB innerhalb weniger Monate eine titelfähige Bundesliga-Mannschaft formte. Kein Wunder, dass der BVB bereits jetzt eine gemeinsame Zukunft anstrebt.

"Es ist doch logisch, dass wir mit ihm demnächst über eine Vertragsverlängerung sprechen werden, weil er ganz einfach gute Arbeit macht", bestätigte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke der "Sport Bild".

Marc Affeldt

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