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Riskanter Neustart im deutschen Schwimmsport

30.01.2019 12:03
Der deutsche Schwimmsport steht vor einem Neuanfang
© getty, Lintao Zhang
Der deutsche Schwimmsport steht vor einem Neuanfang

Das "Team Tokio 2020" nimmt zwar erst ab Freitag offiziell seine Arbeit auf, doch für einen Ex-Weltmeister hat sich der Führungswechsel im deutschen Schwimmsport schon jetzt gelohnt. Der für die EM nicht qualifizierte Marco Koch löste gleich im ersten Versuch sein Ticket für die WM im kommenden Sommer in Südkorea, weil die Normzeiten deutlich abgeschwächt wurden.

Dies ist eine Maßnahme des neuen Kompetenzteams im Deutschen Schwimm-Verband, das nach dem Rücktritt von Henning Lambertz fast das komplette Konzept des langjährigen Bundestrainers kassiert hat. Ein riskantes Spiel. "Anderthalb Jahre vor Olympia völlig neue Weichen zu stellen", sagte Ex-Bundestrainer Dirk Lange, "kann fatale Folgen haben."

Das Konstrukt ist im deutschen Leistungssport tatsächlich höchst ungewöhnlich: Statt eines verantwortlichen Cheftrainers gibt es gleich zwei neue Bundestrainer: Der Magdeburger Bernd Berkhahn führt die Nationalmannschaft als "Teamchef" bei allen internationalen Wettkämpfen und zentralen Trainingslagermaßnahmen. Hannes Vitense aus Neckarsulm verantwortet als "Teamcoach" die inhaltlich-methodische Planung des Olympia- und Perspektivkaders.

"Es muss einen Kapitän geben, der die Entscheidungen trifft"

Unterstützt werden Berkhahn und Vitense von zwei Bundesstützpunkttrainern, Team-Manager Christian Hirschmann und externen Experten. Mit dieser Strategie wolle man "den deutschen Schwimmsport in seiner Gesamtheit näher an die Weltspitze führen", sagte DSV-Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen. Der Verband schwärmte in seiner Pressemitteilung von einer "High-Performance-Strategie".

Lange ist aber skeptisch. "Es ist wie auf einem Schiff", vergleicht der Schwimmtrainer: "Es muss einen Kapitän geben, der die Entscheidungen trifft." Doch die neue DSV-Strategie zielt darauf ab, den Athleten und ihren Heimtrainern wieder mehr individuelle Freiheiten einzuräumen. Die von Lambertz angetriebene Zentralisierung, sein umstrittenes und oft nur halbherzig umgesetztes Kraftkonzept, die Verkleinerung des Teams durch harte Normzeiten - all das wurde mehr oder weniger über Bord geworfen.

"Salopp gesagt: Jeder kann machen, was er will", sagt Lange: "Der Weg ist ungewöhnlich. Ob es auch ein moderner Weg ist, wird sich zeigen." Lambertz wollte diesen von Kurschilgen favorisierten Weg nicht mitgehen, auch deshalb zog er Ende des Jahres mit seinem Rücktritt die Konsequenzen.

"Damit macht man sich nicht immer und überall Freunde"

Für Berkhahn hat die flache Hierarchie mehr Vor- als Nachteile. "Uns ist wichtig, dass die Trainer wieder kreativ und produktiv mit den Sportlern arbeiten und nicht darauf warten, dass von außen jemand sagt, was zu tun ist", sagte Berkhahn der Zeitung "Die Welt".

Das betrifft auch ihn selbst. Berkhahn betreut in Europameister Florian Wellbrock, dessen Freundin Sarah Köhler und Vizeweltmeisterin Franziska Hentke gleich drei Topathleten und leitet den Bundesstützpunkt in Magdeburg. Lange sieht Interessenskonflikte aufkommen: "Damit macht man sich nicht immer und überall Freunde."

Berkhahn nimmt die Doppel-Funktion dennoch mit Vorfreude an, auch wenn er vor zu großen Erwartungen warnt. Man werde bei Olympia "nicht 20 neue Schwimmstars an den Start bringen", sagte der Teamchef. Es gehe vor allem darum, "diese paar Schwimmer, die eventuell eine Medaille machen können, optimal vorzubereiten."

Die eigentliche Macht liegt nun wieder bei den Heimtrainern.

 

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